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Eine große Baustelle für einen kleinen Fluss: auf über einen Kilometer Länge erstrecken sich die Bauarbeiten an der Doljanka. Foto: BR | Christian Limpert

Wasserkraftwerksbau in Bosnien und Herzegowina
Kampf gegen Umweltzerstörung

Doljanka nennen die Einheimischen ihren Fluss ganz schlicht. Übersetzt heißt das nichts anderes als „Fluss im Tal“. 18 Kilometer zieht sich die Doljanka durchs Gebirge hier im Südwesten Bosnien-Herzegowinas und bislang kannten nur Einheimische den Fluss und die unberührte Natur außenherum. Jetzt aber sorgt das Tal im ganzen Land für Schlagzeilen.

 

Denn wer hineinfährt merkt sofort warum: Statt dem sanften Plätschern des Flusses und den gelegentlichen Rufen der Alpendohle gibt es jetzt: Baggerlärm und Baustaub, aufgewirbelt durch massive Grabungsarbeiten. Auf dieser Großbaustelle, die sich über einen Kilometer an der Doljanka entlang zieht, entsteht ein Mini-Wasserkraftwerk. 4,5 Megawatt erneuerbare Energie soll es bringen, erzeugt durch das Wasser der Doljanka. „Filmen und Fotografieren verboten“ steht auf großen Hinweistafeln, und das, obwohl sich die Baustelle an einer öffentlichen Straße befindet.

Für Dzenan Sasic ist die Baustelle eine Katastrophe. Der 22-Jährige ist in einem kleinen Dorf hier an der Doljanka aufgewachsen, wohnt und arbeitet inzwischen in Sarajevo. Für ihn war der Fluss immer ein Paradies. Doch der Bau des Kraftwerks zerstöre jetzt die Natur und seine Heimat, sagt er:

„Der Fluss ist an dieser Stelle eine natürliche Laichstätte der Flussforelle, durch den Bau des Mini-Wasserkraftwerks ist die jetzt gefährdet. Und nur ein paar Meter von hier entfernt befindet sich unser ehemaliger Badeplatz, dorthin haben wir Ausflüge gemacht, die Ferien verbracht, Geburtstage gefeiert.“

Dzenan Sasic, kämpft gegen das Doljanka-Kraftwerk

Das sei endgültig vorbei sagt er, das Wasser bereits verschmutzt durch die Baustelle. Und wenn die unterirdischen Turbinen erst in Betrieb gehen, werde das Flussbett auf einer Länge von mehreren Metern komplett austrocknen.

 

Kritik, die nicht allen hier passt: Muskelbepackte Sicherheitsleute stehen auf der anderen Seite des Flusses und blicken misstrauisch herüber. Dass sie keinen Spaß verstehen machen die Kampfhunde deutlich, die sie bei sich haben. Wann immer wir hier auftauchen, um mit den Menschen zu reden, sind sie in der Nähe.

 

Nur einer lässt sich nicht blicken und will kein Interview geben: Mirza Teletovic. Auch er ist, wie Dzenan Sasic an der Doljanka aufgewachsen und als Basketballer in den USA zum Superstar geworden. Der Dirk Nowitzki Bosnien-Herzegowinas. „Er wolle in seine Heimat investieren“, hat er angekündigt und lässt jetzt das Kraftwerk an der Doljanka bauen, für mehrere Millionen Euro. „Energie bringt Arbeitsplätze“, war eines seiner Argumente. Die Gemeinde genehmigte die Pläne bereits im Jahr 2015. Wie es dazu kam, will keiner erklären: Interviewanfragen an den Ortsvorsteher bleiben unbeantwortet.

 

Der Ärger der Anwohner entlädt sich in Beschimpfungen am Straßenrand. Nicht zitierfähige Kraftausdrücke sind da zu lesen, auf Verkehrsschildern oder alten Minenwarntafeln. Öffentlich äußern will sich kaum jemand.

 

Gemeinsam mit vier anderen Familien hat Dzenan Sasic Klage eingereicht gegen das Kraftwerk. Die Folge: Textnachrichten per Facebook, Gewalt- und Morddrohungen gegen ihn und seine Familie. Unterstützung bekommt er inzwischen nur noch vom Aarhus Center Sarajevo, das Kraftwerksgegner wie Dzenan juristisch berät.

 

Als Volkshelden gefeiert: die Bürger von Kruscica. Foto: BR | Christian Limpert
Als Volkshelden gefeiert: die Bürger von Kruscica. Foto: BR | Christian Limpert

Auch in Kruscica wäre es beinahe so weit gekommen, gut eine Stunde Autofahrt nordwestlich von Sarajevo. Doch die Bewohnerinnen und Bewohner des Ortes haben sich mit allen Kräften dagegen gewehrt. Über 300 Tage und Nächte blockierten sie eine Brücke, die Baufahrzeuge kamen nicht durch. Als die Polizei die Aktion beenden will, eskaliert die Lage: 20 Verletzte, darunter auch Frauen. Nach 325 Tagen Protest erklärt ein Gericht die Pläne für ungültig, kein Wasserkraftwerk! Die Einwohner von Kruscica werden als Helden gefeiert.

 

An vielen anderen Orten geht der Bau weiter. Die Energie, die die Kraftwerke bringen rechtfertige nicht den massiven Eingriff in die Natur, sagen Kritiker. Staatliche Subventionen müssten gestoppt werden. Ein Vorschlag dem auch die Ministerin für Umwelt und Tourismus der Föderation Bosnien-Herzegowina, Edita Dapo, zustimmt. Sie spricht offen von einem Kampf der Energiewirtschaft gegen den Umweltschutz. Ihr Ministerium prüfe alle Kraftwerkspläne besonders sorgfältig, die Genehmigungen seien vereinbar mit dem Gesetz.

 

Zurück ins Doljanka-Tal: Noch fließt das Wasser dort. Wie Dzenan Sasic hat auch Naza Spahic gegen das Kraftwerk geklagt. Inzwischen prüft ein Gericht, ob die Pläne wirklich rechtmäßig sind. Auf das Urteil setzt sie wenig Hoffnung, denn schon der Bau habe zuviel zerstört.

„Das Kraftwerk hat uns alles weggenommen. Es hat uns den Fluss weggenommen. Wir haben keinen Badeort, keinen Ausflugsort mehr, und keine neuen Arbeitsplätze. Wir haben nichts davon. Hier profitiert nur einer: Der Investor!“

Naza Spahic, Bürgerinitiative gegen Miniwasserkraftwerk Doljanka

Der hat angekündigt: In spätestens zwei Monaten soll das Doljanka-Kraftwerk in Betrieb geben. Sollte das Gericht entscheiden, dass der Bau unrechtmäßig war, müsste das Kraftwerk wieder abgerissen werden. Dennoch: Der Kampf für den Fluss, im Doljanka-Tal scheint er verloren.

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Wasserkraft in Bosnien und Herzegowina

Beitrag: Christian Limpert

Kamera: Daniel Dzyak

Ton: Mladen Pehar

Schnitt: Günter Stöger

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