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In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo hat am Sonntag die erste Pride Parade stattgefunden. Mehr als 1.100 Polizisten mussten für die Sicherheit der etwa doppelt so viel Paradeteilnehmer sorgen. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Erste Pride-Parade in Bosnien und Herzegowina verläuft ohne Gewalt
´Zum ersten Mal fühle ich mich frei´

Die Stimmung war fröhlich. Trotz der Drohungen gegenüber der LGBTI-Gemeinschaft und ihrer Unterstützer im Vorfeld. Je nach Quelle nahmen zwischen 1000 und 3000 Menschen an der ersten Pride des Landes teil. Auch Prominente, Künstler und Politiker aus dem In- und Ausland liefen mit. Darunter der Sevdalinka Sänger Bozo Vreco, der grüne Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin oder die bosnisch-herzegowinische Oppositionspolitikerin Sabina Cudic von der linksliberalen „Nasa Stranka“. Cudic betonte, die Rechte der LGBTI-Gemeinschaft seien Menschenrechte und daher für jeden relevant: „Ich hoffe, dass auch Menschen die unsere Ansichten nicht teilen realisieren, was sie selbst verlieren, falls die Menschenrechte nicht beachtet werden.“

Wir haben jeden Tag Angst getötet zu werden. Ich bin schwul und habe mich geoutet. Ein Mann hat mich deswegen mit dem Auto angefahren.
Diese Parade wird vieles ändern, denn zum ersten Mal gehen wir in den öffentlichen Raum und sagen: Wir sind da.

Admir Adilovic, Teilnehmer der Pride aus Tuzla

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Video: Eldina Jasarevic

Die Parade verlief friedlich, doch sie konnte nur unter massivem Polizeischutz stattfinden. Scharfschützen und rund 1100 bewaffnete Polizisten aus mehreren Kantonen des Landes sicherten den rund zwei Kilometer langen Weg durch das Zentrum von Sarajevo. Von der ewigen Flamme bis hin zum Parlament. Auf Facebook hatten Gegner der LGBTI Parade unter anderem gehetzt, diesen Weg umgekehrt zu gehen. Nicht nur in Bosnien und Herzegowina, in allen Nachfolgeländern Jugoslawiens ist die Situation der LGBTI – Gemeinschaft äußerst schwierig. Auch wenn inzwischen selbst SpitzenpolitikerInnen bei Paraden mitgehen, wie etwa Regierungschef Zoran Zaev in Nordmazedonien, ist der Alltag von offen lebenden Schwulen oder Lesben geradezu lebensgefährlich. In Bosnien und Herzegowina hat sich die Gesetzeslage laut der Parade Mitorganisatorin Emina Bosnjak in den letzten 15 Jahren zwar verbessert, doch Papier ist geduldig. Leben Menschen offen nicht heterosexuell, sind sie hartnäckigen Vorurteilen, offenen Anfeindungen und körperlichen Angriffen ausgesetzt. Wer seine homosexuelle Orientierung zeige, bekomme oft in der Familie Probleme und werde bei der Arbeits- und Wohnungssuche diskriminiert und angegriffen, erzählt Emina Bosnjak. Die erste Pride Parade ist dennoch ein wichtiger Schritt. Denn auch wenn die LGBTI-Gemeinschaft abgeschottet durch die Straßen laufen musste, war sie doch sichtbar.

Nationalisten aus Politik und Kirche machen LGBTI –Gemeinschaft zum Sündenbock für Probleme

Ein weiteres Problem: Bei der Ausbildung – etwa der Polizei – sind LGBTI Minderheitenrechte kein Thema und Schulbücher vernebeln anstatt aufzuklären. Zudem gäbe es medizinische Hochschulen, die Homosexualität sogar noch als Krankheit lehren würden, ist Emina Bosnjak entsetzt. Politische Eliten würden Trans,- und Homophobie schüren und damit von den vielen Problemen des Landes ablenken. Hass gegen Minderheiten werde bewusst geschürt, eben auch gegen Schwule, Lesben oder Transgender. Von Nationalisten in der Politik und den Kirchen, um einflussreich und an der Macht zu bleiben, analysiert es Marion Kraske, Leiterin der grünennahen Heinrich Böll Stiftung in Sarajevo. Minderheiten würde die Schuld an den Problemen zugeschoben, so Kraske: „Weil die Wirtschaftslage schlecht ist oder die Arbeit mancher Institutionen unzureichend, dann sind die Menschen leicht manipulierbar und werden dazu gebracht, die LGBTI-Personen dafür schuldig  zu machen.“ Auch Roma oder jüdische Mitbürger seien gegenüber den drei Hauptgruppen im Land benachteiligt: den Serben, Kroaten und Bosniaken. Denn sie dürfen für bestimmte politische Ämter nicht kandidieren. Auch Kirchenvertreter wollen schützende LGBTI – Rechte verhindern. Hier sind sich die Vertreter der drei Hauptreligionen in Bosnien und Herzegowina einig: Der serbisch-orthodoxen und die katholischen Kirche, sowie die islamische Glaubensgemeinschaft. Bosnien und Herzegowina war das letzte Nachfolgeland des ehemaligen Jugoslawien, dass eine Pride abhielt und das Thema damit einen Platz im öffentlichen Raum hat. Das findet Admir Adilovic aus Tuzla wichtig, der an der Pride teilgenommen hat. „Wir haben uns gezeigt“, sagt er zufrieden. „Zum ersten Mal fühle ich mich frei.“

"Homosexualität ist eine Krankheit“ Gegner der Pride beziehen sich auf Gott und traditionelle Familie

Auch strikte Gegner für mehr Rechte für die LGBTI Gemeinschaft gingen rund um die erste Pride Parade des Landes auf die Straße. Mehrere hundert Menschen, darunter viele Familien, demonstrierten einen Tag zuvor für eine „traditionelle Familie und Werte“. Auf Transparenten stand unter anderem: „Zu einer Ehe gehören Mann und Frau“ oder „Die Stärke der Nation beruht auf der Familie“. Einer der Redner auf der Gegenparade in Sarajevo war Mujo Aganovic. Ein Kriegsveteran aus dem Bosnienkrieg zwischen 1992 und 1995. Bosnien und Herzegowina sei ein Land Gottes, rief er, und: „Die Pride Parade ist ein direkter Konflikt mit Gott, sie trotzt Gott und mir, der alles für diesen Staat gegeben hat.“ Eine Teilnehmerin nannte Homosexualität eine Krankheit, die geheilt werden müsse. Wer an Gott glaubt, könnte jedoch ins Grübeln kommen. Nach der Pride regnete es in Sarajevo und es gab einen großen Regenbogen über der Stadt.

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Kommentare (1)

Danijela Popović am

Es ist traurg, dass einige Menschen in Bosnien fast kein Geld fur Brot haben und wir diskutieren uber LGBT-Personen. Mansche Leute in Bosnien leben noch immer in Vergangenheit, im Krieg. Es gibt wichtiger Themen als Pride Parade. Die Eltern bezahlen Kindergarten 80 Euro und ihr monatliches Gehalt ist 250 Euro. Das sind die Themen, uber wir in Bosnien diskutieren mussen. Und das, wer mit wem leben mochte… Mag ich das Maedchen oder einen Jungen, das ist meine Sache. Wenn die Leute genug Geld furs Leben haben, denken Sie ueber Meer, Reise, Liebe…nicht ueber die Leben der Anderen

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