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Ein verwundeter Kroate bittet um Gnade, nachdem er durch eine Granate aus seinem Keller getrieben wurde, Vukovar, November 1991. Foto: Christopher Morris | mit freundlicher Genehmigung des Museums für Kriegsfotografie Zagreb

Ein Plädoyer für Pazifismus - im Museum der Kriegsfotografie
Wie ich die Teilnahme am Krieg verschlafen habe

Leichen und schwer Verwundete auf der Straße, weinende Kinder, verzweifelte Frauen, Männer mit wilder Entschlossenheit oder einfacher Furcht in den Augen, besoffene Soldaten, Panzer im Weizenfeld, verlassene Haustiere, zerstörte Häuser und verbrannte Autos – das alles und einiges mehr kann man im Museum der Kriegsfotografie in Zagreb sehen. Das Museum wurde vor knapp einem Jahr eröffnet und befindet sich in der Stadtmitte der kroatischen Hauptstadt, unweit des Hauptbahnhofs. In der aktuellen Ausstellung werden Fotos aus dem Kroatienkrieg 1991-1995 gezeigt, einem der jugoslawischen Kriege der 90er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Die meisten ausgestellten Fotos sind mir bekannt, obwohl ich mich an manche erst bei dieser Besichtigung wieder erinnere (immerhin sind 24 bis 28 Jahre seit diesen Ereignissen vergangen).

Als 1991 der Krieg in Kroatien (Jugoslawien) begann war ich geschockt, manche (Ältere) haben das geahnt, aber ich gehörte zu denen (Jüngeren), die Rock ’n’ Roll spielten/hörten und sich nicht mit Politik und komplizierten großen nationalen, historischen Themen und Träumen des damaligen Mainstreams in Kroatien/Jugoslawien beschäftigt haben. Aber als die ersten Schüsse fielen, als Medien über die ersten Toten, Zerstörungen und Vertriebene/Flüchtlinge berichteten wurde auch mir klar, dass Rock ’n’ Roll ein Ende hat. Nun, ehrlich gesagt, in Zagreb ging das Leben relativ normal weiter, nicht viel anders als in anderen europäischen Städten. Nachrichten über den Krieg und verschiedene Gräueltaten erreichten uns nur über Medien und evtl. über Verwandte und Freunde. Wir in Zagreb waren von Bomben, Granaten, Heckenschützen und Zerstörungen verschont, der Krieg tobte zwar in Kroatien aber doch nicht unmittelbar bei uns.

Das war auch meine Einstellung – bis ich eines Tages den Einberufungsbefehl bekam. Ich sollte mich am bestimmten Tag, um bestimmte Zeit, am bestimmten Ort zwecks Dienstes in den Streitkräften der Republik Kroatien melden. Am Abend davor ging ich mit ein paar Freuden aus, um zu trinken und zu beraten was ich tun sollte. Erwartungsgemäß haben manche geraten, ich sollte mich verdrücken, andere meinten, ich müsste meinen Heimatdienst leisten. Der Abend/die Nacht verlief in der stark alkoholisierten Diskussion ohne ein konkretes Ergebnis, und ich weiß nicht wann und wie ich in mein Bett gekommen bin. Aufgewacht bin ich mit starkem Kater irgendwann am späten Nachmittag, und nach einiger Zeit habe ich mich langsam erinnert und festgestellt, dass ich den „Treffpunkt mit der Armee“ um mehrere Stunden verpasst habe. Jetzt war es zu spät für den (bewaffneten) Heimatdienst. Was tun? In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und so bis zum Kriegsende hat niemand mehr (aus der Armee) nach mir gefragt. So habe ich den Krieg (als Zivilist) heil überstanden, bin kein (toter) Held geworden, aber auch kein Kriegsverbrecher oder nörgelnder Veteran, für den alle, von Politikern bis zu den Neureichen, schuld sind, dass heute niemand sein Opfer für die Heimat gebührend anerkennt.

Und während ich mir heute diese Fotos aus dem Krieg im Museum anschaue und in meinen Erinnerungen wühle, denke ich, ohne mich denjenigen, die in den Krieg, ob aus Überzeugung oder aus Pflichtbewusstsein (gezwungen) gezogen sind, moralisch überlegen zu fühlen oder sie zu verurteilen bzw. zu schmähen, dass diese Welt besser und humaner wäre, wenn Menschen eine Einberufung in den Krieg strikt ablehnen, einfach ignorieren oder zumindest verschlafen würden.

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Dubrovnik, 1991. Foto: Pavo Urban | mit freundlicher Genehmigung des Museums für Kriegsfotografie Zagreb
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