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Foto: Verlag Kiepnheuer & Witsch

Aufdecker veröffentlichen Ibiza-Buch
Von wegen „b‘soffene G‘schichte“

„Wenn Herr Strache jetzt behautet, dass das aus dem Zusammenhang gerissen wäre und dass das ein rein privates Treffen war – da muss ich wirklich sagen: Unsinn“ – sagt Frederik Obermaier im Interview mit dem ARD Studio Wien. Der Journalist der Süddeutschen Zeitung ist Teil des Teams, dass das Video zugespielt bekam und Ausschnitte davon veröffentlichte. Jetzt hat er zusammen mit seinem Kollegen und Namensvetter Bastian Obermayer ein Buch geschrieben, aus dem eines klar hervorgeht:

 

„Dieser ganze Abend, der sich über mehrere Stunden bis in die frühen Morgenstunden zog, da geht es die ganze Zeit um eine Verhandlung. Es wurde darüber geredet, was diese vermeintliche Oligarchennichte von Herrn Strache und Herrn Gudenus erwarten konnte, wenn sie den beiden zur Kronenzeitung und am Ende zur Macht verhilft.“

Die Unterhaltung am Loungetisch der Villa ist wie ein Tanz geworden, in dem die eine Seite – die Russin und ihr Begleiter – immer wieder näher kommen und immer wieder mit neuen Offerten locken. Und Strache? Er will zu Illegalem offenbar nicht „Ja“ sagen, aber er will die Russin – und damit die Chance auf die Krone – nicht verjagen. Also bietet er wieder etwas an, kommt also auf sie zu, und tritt gleich wieder zurück, indem er es mit dem Zusatz verbindet, es müsse „rechtskonform“ sein. Das nehmen die beiden Lockvögel, wenden es und kommen von Neuem mit etwas, was die Grenze zum Strafbaren womöglich überschreiten würde: Kick-back, feste Zusagen, klare Absprachen. Und Strache, der versucht, sich davon vorsichtig zu lösen. Aber doch nicht zu weit, es winken die Krone, es winken Macht und möglicherweise ein deutlich besseres Wahlergebnis.

Zitat aus dem Buch: Obermaier, Frederik & Obermayer, Bastian, Die Ibiza-Affäre/Inneneinsichten eines Skandals, Köln, 2019.

In ihrem Buch „Die Ibiza Affäre – Innenansichten eines Skandals“ bieten die beiden Journalisten tiefe Einblicke in ihre Recherchearbeit und in den gesamten Inhalt des heimlich gefilmten Videos. Neue Enthüllungen liefert das Buch nicht, die Autoren geben allerdings detailreich die Dialoge des rund siebenstündigen Treffens wieder. Sie beschreiben, wie der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und sein Parteifreund Johann Gudenus im Sommer 2017 auf Ibiza zwei Lockvögeln auf dem Leim gehen und stundenlang verhandeln: Über mögliche illegale Parteispenden, die Übernahme der viel gelesenen „Kronen Zeitung“ durch die vermeintlich schwerreiche Russin, von deren publizistischer Schützenhilfe die FPÖ im Wahlkampf profitieren soll. Und über Staataufträge, die die Frau im Gegenzug bekommen könnte.

Die beiden Autoren räumen in ihrem Buch zudem mit einigen Mythen auf, die sich um das Treffen auf Ibiza Ranken. So seien auf den Videos weder Sex noch Drogen zu sehen. Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus seien sicherlich angeheitert aber keineswegs volltrunken gewesen – eine ganz so „b‘soffene G‘schichte“, wie von Heinz-Christian Strache behauptet, war das Gespräch offenbar nicht. Die Autoren zeichnen außerdem nach, wie Heinz-Christian Strache immer wieder betont, nichts Illegales tun zu wollen, gleichzeitig aber immer wieder das Gegenteil sagt Journalist Frederik Obermaier:

 

„Es bringt aber nichts, wenn man immer wieder behauptet, dass es legal und rechtskonform zugeht, wenn man dann Vorschläge bringt, dass man jemandem willkürlich Staatsaufträge entzieht oder zuschlägt. Wenn man einen Banküberfall plant und die ganze Zeit aber betont, dass muss rechtskonform und legal ablaufen, da merkt jeder – das funktioniert so nicht.“

Das Ibiza-Video

 

Am 17. Mai 2019 veröffentlichen die Süddeutsche Zeitung, der Spiegel und das Wiener Magazin Falter Ausschnitte eines verdeckt gefilmten Videos, dass Österreich in die schwerste politische Krise seit dem zweiten Weltkrieg stürzen wird. Zu sehen sind der damalige FPÖ-Chef und spätere Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache und sein Parteifreund Johann Gudenus, wie sie im Sommer 2017 – kurz vor den Parlamentswahlen in Österreich – in einer Villa auf Ibiza brisante Gespräche mit einer vermeintlichen Oligarchennichte aus Russland und ihrem Begleiter führen: Über möglicherweise illegale Spenden an parteinahe Vereine, über Staatsaufträge, die sie ihr zuschanzen würden. Und auch darüber, dass die Frau bei der in Österreich sehr einflussreichen „Kronen-Zeitung“ einsteigen sollte, um die FPÖ zu unterstützen. Die Frau und ihr Begleiter sind Lockvögel, der Abend auf Ibiza eine Falle. Strache und Gudenus treten am Tag nach der Veröffentlichung von allen Ämtern zurück. Bundeskanzler Sebastian Kurz löst daraufhin die Koalition mit der rechten FPÖ auf. Danach überschlagen sich die Ereignisse: Sebastian Kurz wird als Bundeskanzler vom Parlament abgewählt – eine Übergangsregierung führt bis zum Wahltermin am 29. September 2019 die Geschäfte. Im August 2019 gibt das Justizministerium bekannt, dass wegen des Videos in 19 verschiedenen Punkten ermittelt werde, darunter Steuerhinterziehung, Untreue und der Vorwurf der Gründung einer staatsfeindlichen Verbindung. Wer die Hintermänner des Videos sind, ist bis heute nicht bekannt.

In einem weiteren Erzählstrang des Buches beschreiben die Autoren, wie es zur Veröffentlichung gekommen ist. Vom ersten Kontakt zu ihrer Quelle, über Materialsichtungen bis zur Kontaktaufnahme mit Strache und Gudenus und anschließenden – Zufall oder nicht – Hackerangriffen auf die Redaktion. Zu den Hintergründen der Macher des Videos und ihrer Quelle sowie ihren Motiven verraten die Autoren mit Hinweis auf den Quellenschutz nichts.

 

Heinz-Christian Strache hat das Buch offenbar inzwischen auch gelesen. Am Tag vor dem Erscheinungstermin ließ Strache schriftlich mitteilen, dass er sich durch das Buch entlastet sieht. „Im Ergebnis danke ich für die vielen Klarstellungen und auch rehabilitierenden Richtigstellungen“ – erklärt Strache. Im Buch werde „zutreffend dargestellt“, dass er keine „Deals“ abgeschlossen habe und Korruption sowie illegale Handlungen ausschließe.

 

Dass im Buch detailliert beschrieben wird, wie Strache die Bereitschaft signalisiert, dem Bauunternehmen Strabag Staatsaufträge zu entziehen und der vermeintlichen Oligarchennichte zuzuschanzen – erwähnt Strache nicht. Als Gegenleistung dafür, dass die Frau Anteile an Österreichs reichweitenstärkster Tageszeitung „Krone“ kauft und der FPÖ einen Wahlkampfvorteil verschafft. Eine Idee, die laut den Autoren während des siebenstündigen Treffens auf Ibiza immer wieder zur Sprache kommt und Strache offenbar begeistert. Auch darauf nimmt Strache in seiner Stellungnahme zum Buch keinen Bezug.

 

Kurios: Strache ist trotz Ibizaaffäre und Rücktritt nur zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Videos von mehr als 40.000 Österreicherinnen und Österreichern direkt ins EU-Parlament gewählt worden (er hat das Mandat nicht angenommen) und die rechte FPÖ ließ mit 17,2 Prozent bei der EU-Wahl deutlich weniger Federn, als allgemein angenommen. Strache kündigte außerdem an, möglicherweise bei der Landtagswahl 2020 in Wien anzutreten. Das sei eine Möglichkeit, so Strache in einem ORF Interview vom 16. August 2019 – man solle nie etwas ausschließen. Wie kann das sein nach den Ibiza-Enthüllungen? Journalist Frederik Obermaier hat dafür diese Erklärung:

 

„Die FPÖ und Herr Strache sind für ihre Hardliner-Anhängerschaft ein Gefühl. Dann werden diese Fakten, was zum Beispiel auf Ibiza passiert ist, ausgeblendet. Etwas Ähnliches sehen wir auch in den Vereinigten Staaten, wo wir einen Präsidenten haben, der fast täglich lügt und trotzdem große Chancen hat, wiedergewählt zu werden. Ich glaube, das muss man zur Kenntnis nehmen, darf sich davon aber nicht verunsichern lassen. Für uns als Journalisten heißt das, dass wir weiterhin objektiv und tiefgründig recherchieren und die Bevölkerung informieren werden. Was dann die Wählerinnen und Wähler für politische Schlüsse daraus ziehen, das liegt nicht mehr in unserer Hand.“

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