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Die Bronzeskulptur am Wiener Westbahnhof von Flor Kent erinnert an die Kindertransporte die von Wien aus abfuhren. Foto: BR | Andrea Beer

Eine ungewöhnliche Reise erinnert an die „Kindertransporte“
Zugfahrt ins Leben

Rund 10.000 Kinder und Jugendliche fahren zwischen Dezember 1938 und September 1939 mit einem sogenannten Kindertransport nach Großbritannien und werden so vor dem sicheren Tod bewahrt. London hat sich nach der blutigen Pogromnacht in Deutschland am 9. November 1938 zu dieser Möglichkeit entschieden, und der erste Zug kommt am 2. Dezember 1938 im englischen Harwich an. Die meisten dieser lebensrettenden Waggons fahren von Wien, Berlin, Prag und weiteren größeren Städten aus in eine ungewisse Zukunft ab. Fast alle der Kinder sind jüdisch und die Mehrheit sieht ihre Eltern nie wieder. Die „Kindertransporte“ enden mit dem deutschen Überfall auf Polen, dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

„England hat nach der Pogromnacht am 9. November 1938 ein spezielles Programm auf den Weg gebracht. Es gab Transitvisa, mit denen unbegleitete Flüchtlingskinder nach Großbritannien einreisen konnten. Sie bekamen aber keine Staatsbürgerschaft, sondern sollten England wieder verlassen und es musste jemand mit 50 Pfund bürgen, damit Geld für eine Rückfahrt da wäre.

Melissa Hacker, Kindertransport Association New York. Ihre Mutter entkam mit einem Kindertransport aus Wien

Wien – Berlin – Amsterdam – London

Rund 80 Jahre später haben „Kinder“ und ihre Nachkommen eine Reise in die Vergangenheit gemacht. Im Juli 2019 fahren sie von Wien über Berlin und Amsterdam nach London, begleitet von vielen Treffen und Aktivitäten. In Wien treffen sie unter anderem Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde, besichtigen das Kindertransportmuseum und schauen sich das Denkmal am Wiener Westbahnhof an, von wo aus die Züge damals abfuhren. Begleitet wird die Gruppe unter anderem von Milli Segal vom „jewish welcome service“ der Stadt Wien. Sie ist auch Gründerin und Leiterin des Wiener Kindertransportmuseums. In Berlin ging die ungewöhnliche Reisegruppe in das „Haus der Wannseekonferenz“ auf der die Ermordung der europäischen Juden beschlossen wurde, kam mit Abgeordneten zusammen und informierte sich über ein deutsch-syrisches Flüchtlingsprojekt.

Die Kindertransport Association

Die Reise wurde von der „Kindertransport Association“ – KTA –  organisiert. Eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in New York und Ablegern in Kanada und Großbritannien. Diese bringt ehemalige „Kinder“ und deren Nachkommen zusammen, engagiert sich in der Holocaust Erziehung und unterstützt Kinder, die heute in Not sind.

„Ich dachte, meine Eltern wollen mich nicht mehr“

Auch Ralph Mollerick nimmt mit seiner Frau Phyllis an der Reise teil. Am 14. Dezember 1938 setzen seine Eltern Josef und Selma Möllerich ihn und seine ältere Schwester Edith in Hamburg in einen Zug nach London. Um den Hals hat er eine dreistellige Nummer gehängt bekommen, sowie einen kleinen Koffer in dem seine Mutter Selma das Nötigste eingepackt hat. Für Spielsachen war kein Platz, erzählt er bei einem Besuch in Wien. Die Eltern Möllerich besitzen damals noch ein gut laufendes Familienunternehmen. Ralph Mollerick wird 1930 in Wolfhagen bei Kassel geboren und lebt heute in den USA. Der 89-Jährige erinnert sich bis heute an den traumatischen Moment, in dem seine und viele andere jüdische Familie auseinandergerissen werden.

„Die Bahnhofshalle war riesig und die Menschen haben geweint, geschrien, sie haben gesungen und gebetet eine Fülle an Geräuschen war das. Und dann wurde gepfiffen, dass die Eltern raus müssen und die Kinder runter zum Gleis. Und als wir runtergingen streckten die Eltern ihre Arme nach uns aus, so als würden sie uns umarmen während wir die Treppen runtergingen zu den Gleisen.“

Ralph Mollerick im Juli 2019 bei seinem Besuch in Wien

Der Vater verspricht damals, dass er und die Mutter in drei Monaten nachkommen und dann alle in die USA emigrieren würden. Doch Josef und Selma Möllerich werden von den Deutschen deportiert und ermordet. Schon bevor er in England davon erfährt, stürzt Ralph Möllerich in eine tiefe Krise. Er wartet sehnsüchtig auf seine Eltern und denkt verzweifelt: „Vielleicht wollen sie mich nicht mehr?“

Das Geschenk der Liebe meiner Eltern

1942 erfährt er, dass seine Eltern in Lodz und Auschwitz ums Leben gekommen sind. Er muss sich in England einleben, er lernt gut und wandert nach dem Krieg mit seiner Schwester nach Amerika aus, wird Ingenieur, arbeitet bei der NASA, heiratet seine heutige Ehefrau Phyllis und sie bekommen drei Kinder. Erst will er nie wieder nach Deutschland, doch einer seiner Söhne motiviert ihn dann doch zu einer Reise. Inzwischen hat er gute Verbindungen in seine Geburtsstadt Wolfhagen und ein Buch über seine Erinnerungen geschrieben. Es war schwer für ihn und viele andere und er sagt:

„Ich bin dankbar für den Kindertransport. Für dieses große Geschenk der Liebe meiner Eltern und dass der Kindertransport mein Leben gerettet hat. Und ich hoffe, dass andere Kinder Frieden in ihrem Herzen finden so wie ich. Und dass das nie wieder geschehen darf. In Deutschland.“

Ralph Mollerick im Juli 2019 bei seinem Besuch in Wien

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Milli Segal vom Jewish Welcome Service der Stadt Wien hat die Gruppe begleitet. Sie ist Gründerin und Leiterin des Kindertransportmuseums in Wien. Foto: BR | Andrea Beer
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