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„I love you so much“ aber ALLES HALB SO SCHLIMM
Die Gegenwartskunst des Wiener Künstlerduos Van Stinissen/Kaldis

Die Dramaturgie der Performance ist derart clever, dass man sie erst durchschaut, als es zu spät ist. Sie beginnt unmittelbar mit Betreten des Ortes – der „Bischof-Teppichwäscherei“, einem ökologisch-biologisch arbeitenden Betrieb im zweiten Wiener Bezirk. Eine Werkshalle mit einer schon vom Volumen her beeindruckenden Spezialmaschine zur Teppichreinigung.

Auf dem Boden und an einer Wand sind Plastiktüten drapiert – beinahe so wie Teppiche oder Gemälde. Doch bevor ich mich orientieren kann, kommt Urania auf mich zu, schüttelt mir die Hand und erklärt mir sofort, wie schwer ihr das hier falle. Auf meine Frage ‚Was genau?‘ deutet sie auf den Boden, an die Wand und dann auf sich selbst. Urania trägt einen blauen Plastiksack als Kleid. “Na das hier! Plastik! Davon müssen wir uns demnächst ja wohl verabschieden!“

„Und jetzt soll alles vorbei sein?“

Weil mein Gesichtsausdruck wohl als fragender erscheint, setzt Urania Kaldis sofort nach. Ihr ganzes bisheriges Leben sei von Plastik geprägt gewesen, in ihrer griechischen Heimat seien Plastiktüten damals als Symbole für Fortschritt und Wohlstand betrachtet worden. Als Kind habe sie Plastikspielzeug besessen, später als Teenager modische Accessoires aus Plastik. Sowas hatten sich dann quasi alle leisten können. „Und jetzt soll das alles vorbei sein?“ Urania hält mich an den Armen und schaut mich mit großen Augen an. „Ich habe jetzt schon Wehmut nach der Plastiktüte! Die Wahrheit ist doch: sie sind sooo praktisch“. Sie sagt das derart überzeugend, dass ich ihr die Geschichte in diesem Moment tatsächlich abnehmen will. Doch dazu komme ich gar nicht.

Denn jetzt steht Thomas van Stinissen neben mir. Rosa Anzug, riesige rosa Brille und in der Hand weitere rosa Brillen. „Das ist doch alles gar nicht so schlimm…“ sagt er in der Tonlage eines Florian Silbereisen und lotst mich zu einer Wohnzimmercouch mitten in der Werkshalle. Drei Gäste sitzen dort bereits, zwei weitere stehen dahinter. Alle haben rosa Brillen auf und starren auf einen Monitor. Auch ich bekomme eine und setze mich dazu.

Das Elend als Gute-Nacht-Geschichte

Auf dem Monitor laufen grässliche Szenen: Kriegsszenarien, Umweltkatastrophen, Verhungernde in Elendsgebieten. Van Stinissen steht dabei, legt stimmlich wieder seine Silbereisen-Platte auf und kommentiert die Szenen, als handle es sich um Gute-Nacht-Geschichten. Dabei erinnert er die Zuschauer unaufhörlich daran, dass alles gar nicht so schlimm sein KANN. ..hat man doch eine rosa Brille auf. “Alles geht doch viel leichter damit“, ergänzt van Stinissen in Märchenerzähler-Manier, “warum tragen wir sowas nicht ständig? Ich kann das nur empfehlen.“

Van Stinissen geht zum Eingang, wo seine künstlerische Partnerin Urania Kaldis weiteren Ausstellungsgästen den Abschiedsschmerz von der Plastiktüte nahe bringt. Rosa Brillen wechseln die Besitzer.

Die rosa Brille im Kopf

Spätestens jetzt geht das Tor der Erkenntnis auf. Mittelpunkt der Ausstellung sind nicht Plastiktüten, rosa Brillen oder Gewaltvideos. Vielmehr sind es die Ausstellungsbesucher selbst, die sich nun im Zentrum der Performance in einer Situation ertappen, die in Wahrheit längst Alltag ist. Der Abschied vom ach so praktischen Plastiksackerl ist definitiv wider die Bequemlichkeit und bewegt Emotionen womöglich mehr als das tägliche Betrachten, schlimmer noch, Konsumieren von Kriegen und Katastrophen in den Medien. Und die rosa Brille als Sujet ist quasi der Schalter zur Erkenntnis: denn rosa Brillen müssen wir gar nicht erst aufsetzen. Wir haben sie längst im Kopf. Als Filter oder auch als Schutzmechanismus gegen einen Alltag, der uns mit grausamen Tatsachen konfrontiert und dabei auch viele überfordert.

Es ist die Leidenschaft des Theaterautors, Texters, bildenden Künstlers, Filmemachers und Unternehmers Thomas van Stinissen und seiner Partnerin Urania Kaldis (Kunsthistorikerin, Kuratorin, Fotografin, Kamerafrau), solche Performances und Auftritte zu organisieren. Es gibt auch längst einen festen  Interessentenstamm, der sich in unregelmäßigen Abständen in der „Bischof-Teppichwäscherei“ trifft, um an der Gegenwartskunst des kreativen  Duos teilzuhaben. Dazu gehören auch andere Wiener Künstler, echte Originale wie der vielseitige „Extrem-Musiker“ Karl Wilhelm Krbavac.

Und weil dessen Name durchaus auch Programm ist, lässt Krbavac die Ausstellung munter-brachial ausklingen. Sein Aktionsbogen geht von Klassik über Rock schnurstracks ins Alternative-Genre. Direkt, ohne Filter und auch ohne jegliche rosa Brille.

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Video: Michael Mandlik

Videobearbeitung: Vera Gasber

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