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Foto: BR | Daniel Dzyak

Flüchtlinge in Vučjak bei Bihać
Abgeladen auf einer ehemaligen Müllkippe

Seit Mitte Juni gibt es das neue Flüchtlingslager Vučjak, auf dem abgelegenen Gelände der ehemaligen Müllhalde von Bihać, zehn Kilometer von der Stadt entfernt. Der Stadtrat entschied nach Monaten, in denen immer mehr Migranten in Bihać eintrafen, um vom Nordwesten Bosnien-Herzegowinas über die grüne Grenze nach Kroatien und von dort weiter ins westliche EU-Ausland zu gelangen: Alle männlichen Migranten sollten von der Polizei in der Stadt aufgegriffen und nach Vučjak gebracht werden. Jeden Nachmittag eskortiert die Polizei Dutzende Flüchtlinge und Migranten zu Fuß aus dem Stadtzentrum von Bihać nach Vučjak. Anwohner entlang der Dorfstraßen sagten uns, das geschehe oftmals in einem scharfen Tempo, fast wie im Laufschritt. Die beiden anderen Lager in Bihać, die von UN-Ableger IOM, International Organisation for Migration und dem UNHCR betrieben werden, seien bereits überfüllt gewesen.

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Kamera: Daniel Dzyak

Video: Philip Kuntschner / Jan Heier

Alles geschah ad hoc: Das Rote Kreuz von Bihać, das für die Stadtverwaltung für das Flüchtlingslager Vučjak zuständig ist, musste mit den wenigen Ressourcen notdürftige Unterkünfte für Hunderte von männlichen Flüchtlingen und Migranten schaffen. 30.000 km, umgerechnet € 15.000, stellte die Stadt dem lokalen Roten Kreuz zur Verfügung. Auf ihrem Konto, so sagte uns Selam Midzic, der Chef des Roten Kreuzes in Bihać, befänden sich allerdings nur € 2.500.

 

Das Lager: Einige Dutzend kleinere Rotkreuz-Zelte, in denen sich rund 450, manchmal auch bis zu 700 Flüchtlinge pro Tag aufhielten. Sie kämen vor allem aus Afghanistan, Pakistan, Syrien, Marokko und Algerien. Über offenen Feuerstellen wird Fladenbrot gebacken, Kleidung hängt zum Trocknen über den dicht zusammenstehenden Zelten, die Männer schlafen fast ausschließlich auf nacktem Boden, auf Decken. Es gibt zwei Dusch-Container, zwei Toiletten-Container, vier Wassertanks, die als Trinkwasser und Waschwasser genutzt werden. Und einmal am Tag kommt der Wasser-Wagen. Die Grenze zu Kroatien verläuft ca. einen Kilometer entfernt vom Camp, entlang der nahen Bergrücken. Rotkreuz-Chef Selam Midzic ist mit seinen wenigen Mitarbeitern verantwortlich für das Lager:

„Als das Zentrum eröffnet wurde, hat das Innenministerium am ersten Tag 150 Migranten mit Bussen hierher gebracht. Seitdem kommen immer 50 bis 100 pro Tag. Die anderen gehen. Manchmal sind es sogar 700 im Camp. Aber wir machen jeden Tag das Essen für 600 Menschen. Uns ist es sehr wichtig, dass niemand hier Hunger leidet.“

Die Stadt Bihać, seit längerem bereits geographischer Anziehungspunkt von Flüchtlingen und Migranten auf dem Weg nach Kroatien und in die übrigen EU geworden, fühlt sich nach Worten von Edin Morankic, Sprecher des Bürgermeisters, im Stich gelassen: Von der Regierung in Sarajevo, von der Europäischen Union. Dass es jetzt ein Aufnahmelager auf der ehemaligen Müllhalde in Vučjak gibt, liege unter anderem daran, dass die Stadtverwaltung beschlossen habe, das neue Lager auf städtischem Grund außerhalb von Bihać anzulegen. Da habe es nicht viele Optionen gegeben, sagt uns Edin Morankic:

„Wir sind auch nicht glücklich mit diesem Lager. Wir wissen, dass die Bedingungen nicht gut sind. Wir sehen das auch nicht als eine langfristige Lösung an. Wir bemühen uns, eine andere Stelle dafür zu finden, nicht außerhalb von Bihać.“

Nach Schätzungen der Stadt halten sich derzeit rund 5.000 Flüchtlinge und Migranten in Bihać sowie dem Kanton Una-Sana auf. Hilfe von der Regierung in Sarajevo gebe es nicht, und ohne die Unterstützung der Vereinten Nationen würde die Stadt nicht mehr weiter wissen. Seit einem Jahr appelliere die Stadt an die internationale Gemeinschaft und wiederhole, „dass Bihać voll mit Flüchtlingen ist und wir zu viele Migranten haben,“ so der Sprecher des Bürgermeisters.

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Für Dirk Planert sind die Zustände im Flüchtlingslager Vučjak untragbar: Der deutsche Journalist aus Dortmund hatte bereits als Student, während der dreijährigen Belagerung Bihaćs durch serbische Einheiten in den 90er Jahren, Hilfsgüter in die Stadt geliefert. Heute ist er wieder da, zusammen mit zwei österreichischen Freiwilligen, um mit Spendengeldern für etwas Hilfe zu sorgen:

„Vučjak ist eine ehemalige Mülldeponie. Laut Nachbarschaft und IOM (…) steigen [hier] Methangase auf. Einen Kilometer entfernt ist das nächste Minenfeld Richtung EU, also vom Krieg noch von damals. Das ist eine Situation, in die kann man keine Menschen reinsetzen.“

Die meisten Flüchtlinge hier im Lager sind schon oftmals gen Kroatien aufgebrochen und jedes Mal von der kroatischen Grenzpolizei aufgegriffen und über die grüne Grenze zurückgeschickt worden. Ein junger Pakistaner sagt uns, dass er nach Italien wolle. Doch Kroatien sei ein großes Problem. „Sie nahmen mir meinen Rucksack ab, meine Schuhe. Und Schläge – großes Problem.“ Im Lager tragen viele Flüchtlinge, die von der kroatischen Grenzpolizei durch sogenannte „Push backs“ ohne Anhörung zurück nach Bosnien geschickt werden, keine richtigen Schuhe mehr, sondern Plastiklatschen.

Im provisorischen Erste Hilfe Zelt, gleich am Eingang, behandeln eine österreichische Ärztin, unterstützt von einem weiteren Freiwilligen und Dirk Planert, Hauterkrankungen wie Krätze. Diese seinen auf die mangelhafte Hygenie im Camp zurückzuführen.  Offene Füße – als Folge der abgenommenen Schuhe – und auch Verletzungen, die auf Gewalteinwirkungen zurückzuführen seien, wie Schläge an Körper, Beinen und mitunter am Kopf. Mit Spendengeldern kauft Dirk Planert in Bihać in diesen Tagen Dutzende von stabilen Schuhen, jeweils mit zwei Paar Socken und verteilt sie anschließend im Flüchtlingslager.

Bleiben will niemand hier. Jeden Abend beobachten wir, wie sich kleinere Gruppen von Flüchtlingen erneut zur einen Kilometer entfernten kroatischen Grenze aufmachen. Vom überlasteten Chef des lokalen Roten Kreuzes Selam Midzic verabschieden sich viele von ihnen mit Handschlag.

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