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Der Turm steht auf einer Kuppe unterhalb des Gipfels, 439 Meter über dem Meeresspiegel. Eine ideale Möglichkeit, ihn „komplett“ ins Objektiv zu bekommen. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Lieblingsplatz Serbien: Avala
Der Leuchtturm Belgrads

„Avala in Sicht!“ Wie der Ruf eines Seemannes, dessen Schiff sich dem Leuchtturm seines Heimathafens näherte, klang der traditionelle Ruf meines Vaters, der uns Kinder nach den langen nächtlichen Urlaubsrückfahrten, im Morgengrauen, aus dem Schlaf weckte. In einer Zeit ohne GPS und Navigationsgeräte, bedeutete der Blick auf diesen Berg samt Fernsehturm ganz einfach nur eines: bald sind wir zuhause, in Belgrad. Ob mit dem Auto, Zug oder Flugzeug… der Reisende wird von diesem ältesten und größten Symbol der Stadt willkommen geheißen oder mit Gute Fahrt-Wünschen verabschiedet.

Am südlichen Stadtrand, nur 17 Km vom Zentrum entfernt, liegt dieser Belgrader Hausberg. Mit seinen 511 Metern Höhe ist er eigentlich ein „Zwerg“ – der niedrigste von den Bergen Zentralserbiens die nach Norden Richtung Belgrad abfallen. Dank diesen elf Metern wuchs er über die Kategorie eines Hügels hinaus.

Die meisten Serben verknüpfen mit dem Namen Avala das 1938 auf seinem Gipfel errichtete Grabmal des unbekannten Soldaten. Ein monumentales Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen der Balkankriege und des Ersten Weltkriegs 1912-1918 sowie den bereits erwähnten Fernsehturm, der den Berg seit den 60-er Jahren weit mächtiger erscheinen ließ und der schnell zu einem der Stadtwahrzeichen wurde. Umso größer war der Schock für uns Belgrader, als die knapp 203 Meter hohe, elegante Konstruktion durch die Bomben der NATO Ende April 1999 zerstört wurde. Avala ohne den Turm? Das ging nicht. Nach einer breiten gesellschaftlichen Initiative, initiiert von den Rundfunkjournalisten, wurde Geld für den Wiederaufbau gesammelt. 2010 wurde der Turm erneuert, ein Nachbau des alten, aber moderner, schöner und sogar ein wenig höher.

Bereits das Fürstentum Serbien, damals noch unter osmanischer Herrschaft, erkannte die Bedeutung des Avala-Berges als Naturlandschaft und stellte ihn 1859 unter Schutz. Unzählige Male lief ich als Kind mit meinem Vater, später als stolzer Vater mit eigenen Kindern die vielen Pfade des Bergs kreuz und quer durch, denn seine dichten Wälder sind zu jeder Jahreszeit schön. Ob für eine Entspannung am Wochenende, einen längeren Spaziergang nach Feierabend, Schlittenfahren im Winter, unterschiedliche sportliche Aktivitäten oder einfach als Treffpunkt für ein Grillfest mit den Freunden – Avala ist für jeden offen.

Eine kurze Einsicht in das serbische Wirtschaftsregister mit Dutzenden Subjekten, die den Namen „Avala“ in irgendeiner Form verwenden, zeigt wie tief dieser Berg ins kollektive Bewusstsein der Hauptstädter und der Serben allgemein eingeprägt ist.

Obwohl eines der beliebtesten Ausflugsorte verbirgt Avala mit seiner langen Geschichte noch immer das eine oder andere Geheimnis.

Wenige wissen, dass auf den Fundamenten des Grabmals des unbekannten Soldaten relativ gut erhaltene Überreste der serbischen mittelalterlichen Festung Zrnov standen, nach der auch der Berg bis zur türkischen Eroberung im 15. Jahrhundert eigentlich „Zrnovica“ hieß. Die befestigte Stadt war von großer Bedeutung für die Osmanen, denn sie diente zur „Beunruhigung“ des nahe gelegenen Belgrads, dass sie lange nicht einnehmen konnten. Die Festung nannten sie „Havala“, was je nach Interpretation auf Türkisch bzw. Arabisch „Hindernis“ oder „Aussichtspunkt“ bedeutet und woraus der heutige Name des Bergs abgeleitet wurde. Über die Gründe, weshalb der jugoslawische König Aleksandar I. Karadjordjevic wegen des Baus des neuen Mausoleums, Zrnov trotz Appellen in der damaligen Öffentlichkeit 1934 sprengen ließ, gibt es nur Spekulationen. Der König wohnte nur der festlichen Einweihung der Fundamente bei, denn im gleichen Jahr wurde er bei einem Attentat im französischen Marseille ermordet.

Ein wirklich wenig bekanntes Kuriosum lautet, so serbische Historiker, dass es sich bei den vielen um das Denkmal angepflanzten hohen Zypressen um Adolf Hitlers persönliches Geschenk an König Aleksandar I. handelt – als Zeichen der Versöhnung nach den Feindseligkeiten im Ersten Weltkrieg.

Was mir selbst nicht so bekannt war und worüber ich mich vor einigen Tagen besonders freute, war die Gelegenheit, meinen Lieblingsplatz auch unter der Oberfläche zu erleben. Seit der Prähistorie war Avala wegen seiner reichen Erzvorkommen anziehend, die es auch militärisch zu schützen galt. Die stillgelegte Grube „Roter Hügel“, durch die ich in den „Bauch“ des Berges hineinging, war schon bei den alten Römern sehr bekannt. Da sich der Abbau seit 1953 nicht mehr als wirtschaftlich erwies, wurde sie der Belgrader Fakultät für Bergbau und Geologie übergeben, die sie als Lehrbergwerk nutzt.

Die Belgrader Stadtväter haben übrigens große Pläne mit Avala. Für Schlagzeilen sorgten die Pläne, wonach noch in diesem Jahr unterhalb des Turms, eine 500 Meter lange Skipiste mit kompletter Infrastruktur angelegt werden sollte. Anschließend auch noch ein kompletter Abenteuerpark. Beides ganzjährig nutzbar und als neuer Trumpf im touristischen Angebot Belgrads. Für Eingeweihte wäre das alles eigentlich keine große Überraschung: Anfänge des organisierten Skifahrens in Serbien gab es nicht im Kopaonik- oder Zlatibor-Gebirge sondern in Belgrad selbst, wo Bürger die Abhänge am Stadtrand einschließlich die des Berges Avala nutzten. Es ist verzeichnet, dass 1929 der erste offizielle Ski-Wettkampf, ein acht Kilometer Langlauf, organisiert wurde. Und wo? Avala, natürlich. Wäre also so etwas wie „Back to the Roots“…

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Kommentare (2)

Anton Prinz am

Ein schöner und persönlicher Bericht. Ich, als alter Radio- und Fernseherfanatiker, der selber schon in Europa fast alle Fernseher-und Radiotürme bzw. Stationen besucht hat, würde nur einen Fehler anmerken

In der Bilderreihe, mit neun Bildern, unter Bild zwei steht: Das im Jahr 1957, vom Hotel Avala aus, das erste TV-Signal Jugoslawiens ausgegangen ist.

Das erste TV-Signal Jugoslawiens wurde aber schon am 15. Mai 1956 vom Berg Sljeme in Zagreb gesendet, zum 30 jährigen Jubiläum des Radio Zagrebs.

Ansonsten schöne und gute Arbeit.

Mit freundlichen Grüßen.

    Studio Wien am

    Sehr geehrter Herr Prinz,
    vielen Dank für Ihr Feedback. Sie haben zu Recht auf einen Punkt hingewiesen, der nicht ganz korrekt war. Radio Zagreb hat am 15. Mai 1956 zwar kein eigenes, aber ein TV-Programm eines ausländischen Senders ausgestrahlt. Also bereits bevor aus Belgrad ein Signal gesendet wurde. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr Online-Team

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