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Oesterreich Uebergangsregierung Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein am 03 Juni 2019 Foto: BR | Vera Gasber

Glosse: Offener Brief an die österreichische Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein
Bin ich auch ein Fachjournalist?

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

 

nachdem wir seit Dezember 2017 mit der eher undurchsichtigen „Message-Control“ Ihres Vorgängers zu tun hatten, begrüße ich Ihren Vorstoß, transparent darzulegen, wie Sie die Medienkontakte Ihres Kabinetts regeln möchten. Sie schreiben, dass die Fachminister Ihrer Regierung am besten nur mit „Fachjournalisten“ sprechen, alles nur über die Pressesprecher laufen lassen und Interviews nur mit Ihrem Büro eng abstimmen sollen. Medienanfragen sollen die Minister freundlich ablehnen, auch wenn sie sehr beharrlich vorgetragen werden.

 

Da „Fachjournalist“ genauso wenig wie „Journalist“ eine geschützte Berufsbezeichnung ist, und sich mittlerweile eine unüberschaubare Anzahl österreichischer Kolleginnen und Kollegen in den sozialen Netzwerken als „Fachjournalistin/Fachjournalist“ bezeichnet, bin ich etwas ratlos, wie dieser Begriff genau zu definieren ist. Ich zum Beispiel berichte für die ARD seit fast zwei Jahren intensiv über die österreichische Innenpolitik. Erfülle ich damit schon die Kriterien? Oder sollte ich besser noch mehr vorweisen? Wenn ja, möchte ich Ihrem Büro einige Anhaltspunkte liefern, die es bitte den jeweils zuständigen Fachministern zuordnen möge: Ich kenne mich sehr gut mit Gitarristen der jamaikanischen Musikrichtung „Ska“ aus. Ferner bin ich in der Lage zu erläutern, dass der bosnische Ort „Čekrčići“ mit einem weichen „ć“ und zwei harten „č“ ausgesprochen wird. Darüber hinaus bin ich sehr gut darin, meine beiden kleinen Töchter so zu kitzeln, dass sie vergnügt quieken. Außerdem kann ich aufgrund einer Laune der Natur mit beiden Handflächen den Boden berühren, ohne dass es in den Waden zu sehr zwickt. Die Liste meiner Fähigkeiten und Fachkenntnisse ließe sich fortsetzen, ich beschränke mich aber auf die Relevantesten  – in der Hoffnung, auf diese Weise der engen Abstimmung Ihres Büros mit den Fachministern zuträglich zu sein.

 

Außerdem freue ich mich sehr, dass Sie uns eine freundliche Ablehnung in Aussicht stellen. Das ist wahrlich nicht selbstverständlich, denn es gehört hin und wieder zu unserem Berufsinstrumentarium, beharrlich zu sein, manche würden sogar von nervig sprechen.

 

Alles in allem bin ich sehr zuversichtlich, dass wir (Fachjournalistinnen und Fachjournalisten) nach Klärung dieser wenigen Unschärfen sicherlich sehr bald Wege für einen angemessenen Umgang mit Ihrer Regierung finden werden – ganz bestimmt noch vor der Neuwahl im September.

 

Hochachtungsvoll

Srdjan Govedarica (Fachjournalist in spe)

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Kommentare (1)

R. GELLMANN am

Als Journalist sollten Sie vor allem auch recherchieren koennen, dann wuessten Sie, dass diese missverständliche Bezeichnung bereits vor Tagen von der Kanzlerin konkretisiert wurde. Genau „diese Art von Journalismus“ die sie hiermit sehr schön gezeigt haben, gilt es zu ignorieren, damit sachlich gearbeitet werden kann.

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