Foto: BR | Attila Poth

„Ich möchte, dass sie alle sterben“
Berufungsverhandlung im Kühllaster-Prozess beginnt in Szeged

Der Fahrer sagt, dass viele Frauen und Kindern weinen - wow, wow – (…..) Ich möchte, dass sie alle sterben. Das möchte ich.

Auszug aus einem Telefongespräch zwischen den beteiligten Schleppern, während die Menschen im Kühllaster um Hilfe rufen und klopfen.

Am 27 August 2015 öffnen Polizisten einen abgestellten Kühllaster auf der A4 bei Parndorf in der Nähe von Wien. Sie finden 71 Tote aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak. Die Leichen der 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder verwesen bereits. Eingepfercht auf nur 14 Quadratmeter waren sie in dem luftdichten Innenraum des Lasters erstickt. Fast alle der 14 mutmaßlich Verantwortlichen werden schnell gefasst und im Juni 2017 im südungarischen Kecskemét vor Gericht gestellt. Denn die Menschen starben auf ungarischem Staatsgebiet.

Gegen drei Angeklagte wird in Abwesenheit verhandelt. Die anderen werden in mit Fußfesseln und in Handschellen und streng bewacht in den Gerichtsaal geführt.

Die Anklage in Kecskemét dokumentiert insgesamt 26 Schlepperfahrten, bei denen Menschen oft in enge und schlecht belüftete Transporter gezwängt wurden. Die vier Hauptangeklagten organisierten laut Anklage den Menschenschmuggel: Der mutmaßliche Chef der Gruppe ein 32-jähriger Afghane und drei Bulgaren. Darunter der heute 28-jährige bulgarische Fahrer des LKW. Er hat seiner Mutter erzählt, er würde in Deutschland Möbel transportieren. Nun fährt er Flüchtende in einem Kühllaster. Obwohl die Menschen darin verzweifelt schreien und klopfen hält der Fahrer damals nicht an. Stattdessen telefoniert er mit den anderen Schleppern in den Begleitautos. Die Gruppe ist damals bereits im Visier ungarischer Ermittler. Sie zeichnen die Gespräche auf und hören sie laut Behörden erst später ab.

In Ungarn darf vor Gericht unter bestimmten Umständen mitgeschnitten, fotografiert und gefilmt werden. In der Verhandlung der ersten Instanz liest Richter János Jádi seitenweise Telefonate aus den Polizeiprotokollen vor, die sich um die erstickenden Flüchtenden drehen. Foto: BR
In Ungarn darf vor Gericht unter bestimmten Umständen mitgeschnitten, fotografiert und gefilmt werden. In der Verhandlung der ersten Instanz liest Richter János Jádi seitenweise Telefonate aus den Polizeiprotokollen vor, die sich um die erstickenden Flüchtenden drehen. Foto: BR

Zitate der abgehörten Schleppergespräche aus dem Polizeiprotokoll. Verlesen von Richter János Jádi

„Sie sprechen zu viel. Es ist zu warm. Der Fahrer sagt, dass viele sagen: please, please!“

 

„Ich denke, dass die Menschen nicht nur Wasser möchten, Samsun. Es gibt keine Air, keine Luft.“

 

„Aber hämmern sie? Ja, sie haben an der Tankstelle heftig gehämmert, Scheiße.“

 

 

Der Afghane schlägt sogar vor, die Flüchtenden im Wald abzuladen, sollten sie sterben. Im ersten Prozess wurden rund 500 Beweise vorgelegt und 270 Zeugen gehört und die Angeklagten schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Im Juni 2018 werden die vier Hauptangeklagten nicht rechtskräftig zu 25 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, unter verschärften Bedingungen und ohne Möglichkeit auf vorzeitige Entlassung. Wegen Schlepperei, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der Tötung von Menschen, nicht aber wegen Mordes. Die anderen müssen zwischen drei und 12 Jahre ins Gefängnis. Auch hier ist das Urteil nicht rechtskräftig.

Nach Meinung der Staatsanwaltschaft gibt es kein gesetzliches Hindernis gegen die Angeklagten die mit dreimal qualifiziertem Mordverbrechen und für den Tod von 71 Menschen verantwortlich sind eine lebenslängliche Zuchthausstrafe zu ermessen.

Staatsanwalt Gabor Schmidt. Er legte nach dem Urteil in Kecskemét Berufung ein. Auch die Verteidiger der Angeklagten gingen in Berufung. Sie fordern nun mildere Strafen oder Freisprüche für ihre Mandanten.
Für den Berufungsprozess in Szeged sind insgesamt vier Verhandlungstage angesetzt. Am 20. Juni soll das Urteil fallen.

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