Handgemenge vor dem Ministerratsgebäude. Foto: BR | Daniel Dzyak

Eindrücke von einer Anti-Regierungsdemonstration in Tirana
Knapp an einer Katastrophe vorbei

Der Lärm ist wahrhaft ohrenbetäubend. Mit geschlossenen Augen könnte man sich in einem Kriegsszenario wähnen. Doch jetzt in dieser Situation die Augen zu schließen, wäre Wahnsinn. Nicht wegen der Megaböller, die im Sekundentakt aus der Menge herausgeworfen werden und krachend zwischen Demonstranten und Polizei detonieren. Die eigentliche Gefahr sind die Brandsätze: Molotowcocktails, die zahlreich gegen die Fassade des Ministerratsgebäudes geworfen werden. Dazwischen aber stehen Menschen: Polizisten, die in einer Reihe aufgestellt versuchen, die Demonstranten vom Gebäude fernzuhalten. Gleichzeitig aber auch Protestierende, denen es vereinzelt gelingt, die Polizeikette zu durchbrechen, um Sekunden später triumphierend vor dem Portal des Ministerratsgebäudes zu posieren.

 

Plötzlich steht einer von ihnen in Flammen. Der Mann hat unglaubliches Glück. Geistesgegenwärtig reißen ihm zwei Mitstreiter die brennende Kleidung vom Leib. Sekunden später steht er da, halbnackt und offensichtlich paralysiert – denn wie benommen schaut er zu, wie weitere Brandsätze dicht an ihm vorbeifliegen, bis ihn Polizisten packen und aus der Gefahrenzone wegreißen.

Die albanische Innenpolitik steht seit Monaten Kopf: Seit Februar 2019 boykottiert die Opposition das Parlament. Die Initiative stammt von der größten Oppositionspartei, den Demokraten, und ihrem Vorsitzenden Lulzim Basha. Mit diesem Schritt möchte die Opposition Druck aufbauen, denn sie beschuldigt die Sozialistische Partei von Ministerpräsident Edi Rama des Wahlbetrugs und der Korruption, fordert seinen Rücktritt und verlangt vorgezogene Neuwahlen. Eine Pattsituation, denn Ministerpräsident Edi Rama schließt sowohl Rücktritt als auch Neuwahlen kategorisch aus. Begleitet wird diese innenpolitische Krise von Massendemonstrationen gegen die Regierung.

Anti-Regierungsdemo in Tirana am 11.05.2019

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt: Günter Stöger

Lediglich eine Schutzmaske

Überhaupt die Polizei: mich beeindruckt in diesem Moment, wie professionell sich die Ordnungshüter in dieser auch für sie äußerst bedrohlichen Situation verhalten. Scheinbar gelassen schauen sie zu, wie die „Mollis“ dicht über ihre Köpfe hinwegfliegen. Sie tragen weder eine spezielle Schutzausrüstung noch irgendwelche Schlagstöcke oder gar Waffen. Zusätzlich zur Alltagsuniform haben sie lediglich eine Schutzmaske gegen Tränengas dabei. Das soll deeskalierend wirken. Erst später, als an anderen Stellen der Innenstadt die Demonstration aus dem Ruder zu laufen droht, rückt entsprechend ausgerüstete Bereitschaftspolizei an. Dass die Zahl der auf beiden Seiten Verletzten an diesem Abend überschaubar bleibt, ist mehr als erstaunlich. Denn die Kundgebung hätte durchaus auch in einer Katastrophe enden können.

Dass der Einsatz von Tränengas in allen Fällen von der Polizei per Lautsprecher angekündigt wurde, war zwar fair, nutzte aber nur denen, die sich dann möglichst schnell vom Ort des Geschehens entfernen konnten bzw. auch wollten. Wer die Aufrufe ignorierte, ohne entsprechenden Atem- und auch Augenschutz dabei zu haben, sollte die Entscheidung schnell bereuen. Keine Ahnung, was sie da versprüht haben. Es war aber derart aggressiv, dass selbst der Kontakt über die Bindehaut der Augen Sekunden später den Kreislauf zum Flattern bringt.

 

Unser Kameramann Daniel kann jetzt ein Lied davon singen. Ausgerüstet mit Atemschutz und luftdichter Schutzbrille dreht er an diesem Abend, was das Zeug hält. Immer ganz vorne dabei und tatsächlich andauernd umhüllt von Tränengas liefert er die spektakulären Bilder und Szenen, die noch am gleichen Abend via Eurovision die restliche Welt erreichen sollten.

Für den Bruchteil einer Sekunde

Wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde, so schildert Daniel später, hat er die Schutzbrille ein wenig angehoben – zum Lüften, da sie innen komplett beschlagen war und er nichts mehr sehen konnte. Danach schaffte er es gerade noch, sich in eine Seitenstraße zurückzuziehen. Einige Demonstranten, die schon dort ausharrten, haben sich dann um Daniel gekümmert, der am Boden kauerte und völlig benommen war, und sofort ärztliche Hilfe herbeigerufen. Ein weiterer Passant hat diese Szene sogar mit seinem Handy gefilmt.

Daniel ist normalerweise hart im Nehmen, er hat schon bei zahlreichen Demos gedreht. Auch wenn er dann relativ schnell wieder auf die Beine kam: diese Erfahrung hier war auch für ihn neu.

 

Bei zwei der Demonstranten, die sich um Daniel besonders gekümmert hatten, haben wir uns tags darauf mit einem Essen in einem Restaurant in der Innenstadt bedankt.

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