Pristina Stadtansicht. Foto: BR | Besnik Hamiti

Vor dem Westbalkan-Gipfel
Besuch bei einer serbischen Familie im Kosovo

Rund 130.000 Serben leben im Kosovo. Die meisten wohnen im Norden des Landes um die de facto geteilte Stadt Mitrovica. Doch viele Serben leben versprengt über das ganze Landesgebiet in kleinen Ortschaften und Dörfern. In einer Enklave, wenige Kilometer von Pristina entfernt, lebt Zarko Jovanovic mit seiner Frau und den Kindern. Ihre Zukunft ist ziemlich unsicher. Die Jovanovics sehen: Immer mehr Nachbarn verkaufen ihre Grundstücke und gehen weg. Auch wenn die Jovanovics im Kosovo leben, so sind sie unverändert auf die Unterstützung der serbischen Behörden abhängig. Die Kinder werden nach serbischen  Lehrplänen unterrichtet, die Krankenversicherung ist aus Serbien, die Rentenzahlungen kommen aus Belgrad. Wie es weitergehen soll? Wir haben die Jovanovics in Ugljare besuchen, rund zehn Kilometer südwestlich von Pristina.

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Auf dem Hof der Familie Jovanovic. Es ist schon dunkel, als wir zu Besuch kommen. Die Hunde schlagen an. Zarko Jovanovic holt uns vor dem Wohnhaus ab, zeigt uns die Gewächshäuser, in denen 40.000 Paprika-Pflanzen gedeihen. Er lebt hier in einer kleinen Enklave rund zehn Kilometer südwestlich von Pristina mit seiner Frau und den Kindern. In der großen Wohnküche bietet Zarko Kaffee und Saft an und kommt dann auf sein Dorf zu sprechen: Früher sei es ein ausschließlich serbisches Dorf gewesen, jetzt sei das Verhältnis schon 60 Prozent Serben zu 40 Prozent Kosovo-Albaner. “ Viele Menschen haben ihre Grundstücke verkauft,  und das beeinflusst natürlich auch ein bisschen die Sicherheitslage.“  Warum in seinem Dorf die Anzahl der serbischen Bevölkerung zurückgeht? Zarko braucht nicht lange nachzudenken.

Weil sie sich nicht sicher fühlen, weil es keine Arbeit gibt. wegen der schlechten Situation. Wenn 10 oder 15 Prozent schon gehen, dann fragen sich die Anderen, wenn die schon gehen, dann gehe ich auch.  Das ist eine Kettenreaktion.

Zarko Jovanovic

Die Kinder werden morgens mit einem Schulbus zu serbischen Schulen gefahren, in denen die serbischen Bildungspläne gelten. Die Krankenversicherung Serbiens gilt für die serbischen Einwohner im Kosovo, die Rentenzahlungen kommen aus Belgrad. In jeder Hinsicht seien die Serben im Kosovo von Belgrad abhängig, sagt die serbische Menschenrechts-Aktivistin Sonja Biserko, die langjährige Chefin des Helsinki-Komitees in Belgrad.

Sie (die Serben im Kosovo) leben wirklich am Existenzminimum. Die Jobs, die sie haben, haben meistens mit den lokalen Gemeinden etwas zu tun, genauso das Bildungs- und Gesundheitssystem, das wird von Belgrad bezahlt. Und deswegen bleiben sie. Die meisten arbeiten nicht und leben von Sozialhilfe. Die beklagen sich nicht viel über Albaner, vor allem nicht in letzter Zeit, weil die Atmosphäre sich geändert hat. Ihre Beschwerden richten sich eher auf Nord-Mitrovica und Belgrad, weil die manipulieren. Es ist eine Art Mafia-Bande, die alle lukrativen Jobs abgreifen. Es gibt nicht viel Investitionen, von keiner Seite. Und diejenigen Serben, die Geld haben, bringen das Geld in der Regel nach Serbien, weil sie nicht wissen, wie ihre Zukunft da unten sein wird.

Sonja Biserko, langjährige Chefin des Helsinki-Komitees in Belgrad

Zarkos Freund, Vladimir Zivkovic,  sitzt mit uns am Küchentisch der Familie Jovanovic. Die Lage für sie sei wirklich schwierig, sagt Vladimir, der in Pristina für eine internationale Nichtregierungsorganisation arbeitet. Niemand wisse, was sie machen sollten? Bleiben oder auswandern? Die Debatte über einen möglichen Gebietsaustausch zwischen Serbien und Kosovo, von dem seit Monaten die Rede ist, verfolgen Zarko und Vladimir mit gemischten Gefühlen. Entscheidend sei doch, meint Vladimir, dass die wirtschaftliche Lage besser werde – der Rest sei ihm eher egal.

Ich verstehe es wirklich nicht und das interessiert mich auch nicht sehr, welche Art von Grenzen es geben wird. Ich interessiere mich nur für meine wirtschaftliche Lage, wie die meisten Menschen. Wenn man ein gutes Leben hat und alle hier im Kosovo keine Probleme haben und sich keine Sorgenmachen müssen  über ihr Leben hier, was auch den Kindern wird, wenn sie sich sicher fühlen und der Alltag klappt, ich meine: Wer kümmert sich dann darum, wie die Grenzen und andere Dinge aussehen?!

Vladimir Zivkovic
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Kommentare (7)

Nimanaj am

In albanischen Gemeinden leben alle Minderheiten. In serbischen Gemeinden leben keine Minderheiten. Wo liegt der Fehler?

    Herr Mirovic am

    Lieber Herr Nimanaj,
    leider haben Sie nicht verstanden das Sie „die Albaner“ die Minderheit in Serbien sind. Wie einige Albaner in Südserbien und die dortige albanische Regierung (übrigens überwiegend UCK-Terroristen) im Kosovo mit den Minderheiten umgeht, hat die ganze Welt zuletzt in den Märzprogomen im Jahr 2004 gesehen. Serben, Roma, Goranen wurden alle durch ethnische Albaner mit Gewalt und aus Hass aus dem Kosovo vertrieben.Und das war lange nach dem völkerrechtswidrigen Krieg der NATO.

    Wissen Sie auch das von den ganzen heutigen Republiken die aus dem ehemaligen Jugoslawien hervorgingen die meisten Minderheiten (viele Völker) nur in Serbien friedlich zusammen leben?! In Belgrad leben mehr Albaner als Serben im ganzem Kosovo! Kein Albaner, Kroate, Slowene, Mazedonier oder Bosnier wurde aus Serbien vetrieben. Umgekehrt leben heute nur noch eine Handvoll Serben in den neuen Ländern, gerade im Kosovo und in Kroatien!

    Wo liegt da der Fehler?!

Valon Vila am

Herr Gajic,

Ihre Informationen stammen vermutlich von SputnikNews oder aus einer der Regierungsnahen Zeitungen aus Serbien. Sie waren ganz bestimmt noch nie im Kosovo.

Die serbischen Enklaven gehören zu den sichersten Orten im Kosovo (24-Stunden Kameraüberwacht und hohe Polizeipräsenz) und die Serben dort können ganz frei sprechen und müssen sich vor Niemandem fürchten. Vor allem weil Belgrad dort keinen großen Einfluss hat.
Ganz anders ist es im Norden Kosovos, wo überwiegend Serben leben und Belgrad großen Einfluss hat. Sie haben recht, fragen Sie dort die Menschen vor wem oder was sie sich fürchten. Der letzte, der das öffentlich machte, wurde am hellichten Tag erschossen. Der erschossene war der serbisch-kosovarische Politiker Oliver Ivanovic, der sich vor allem für Gespräche mit den Albanern einsetzte und deswegen in Belgrad als Verräter bezeichnet wurde. In einem seiner letzten Interviews sagt er: „Die Menschen hier fürchten sich nicht vor den Albanern, sondern vor den kriminellen Serben die hier ohne Nummernschilder fahren und Angst verbreiten.“

Belgrad ist keineswegs an einem stabilen Kosovo interessiert. Deswegen wird auch mit allen Mitteln für Instabilität gesorgt. Die Serben, die in kosovarischen Behörden(z.B. der Polizei) arbeiten und sich integrieren wollen, werden aufgefordert diese zu verlassen. Und das passiert, nicht selten, durch Einschüchterung.

Und damit auch in Zukunft die Serben im Kosovo Angst haben sollen, werden in den Regierungsnahen Zeitungen in Serbien, fast täglich Berichte von „angeblichen“ Übergriffen von Albanern auf Serben veröffentlicht. Und der Präsident Serbiens, Vucic, erwähnt fast bei jeder seiner Reden, das die Albaner angeblich nur auf den richtigen Zeitpunkt warten um die Serben im Norden anzugreifen.
Diese Art der Angsverbreitung kennt man aus der Ära Milosevic. Er trichterte der serbischen Bevölkerung damals ein, die Serben in Kroatien, Bosnien und Kosovo würden täglich angegriffen werden und Serbien sei von Feinden umgeben.
Was dann folgte waren vier Kriege zwischen Serbien und seinen Nachbarn, in denen Jugislawien in Schutt und Asche gelegt wurde.

    Viktor Jasper am

    Sehr geehrter Herr Vila!

    Ich halte Ihre pauschalen Antwort über die Aussagen von Herrn Gajic für zu einfach und destruktiv. Die letzten großen Vertreibungen der Nichtalbaner im März 2004 wurden wohl kaum von Serben, sondern von Albanern durchgeführt. Vergessen Sie nicht, das die Serben im Kosovo in der Minderheit sind… und zwar im eigenen Land. Sie fürchten sich nicht vor Serben oder Albaner, sondern allgemein vor Kriminellen und vor den Repressalien dieser. Wer soll diese Menschen schützen? Wer gibt Ihnen Arbeit? Wer gibt Ihnen Zuversicht für eine friedliche Zukunft? Da die Kosovarische Regierung überwiegend aus Albanern (ehemalige UCK-Kämpfern) besteht, die aus einem zwielichtigen Milieu (Drogen-, Menschen-, Organhandel) kommen, würde ich persönlich auch das Weite suchen, egal ob Serbe oder Albaner. Leider wählt die dortige albanische Mehrheit aber genau diese Kriminellen in die Regierung. Daher kommt auch kein Schengen-Abkommen zustande. Die paar kriminellen Serben im Norden haben nicht den ganzen Kosovo in der Hand. Sondern die kriminelle kosovarische Regierung. Dieselbe Regierung die nun mit Albanien ganz offen keine Grenzen mehr haben möchte (Großalbanien). Das sollte Ihnen und uns Angst machen, denn Grenzverschiebungen führten schon immer zu Krieg. Meiner Meinung nach sind es die USA die das größte Interesse an dem Kosovokonflikt haben. Einerseits ist im Kosovo der größte Militärstützpunkt der USA innerhalb von Europa und sie können damit die Russen ärgern, andererseits kann die USA den Euro schwächen wann immer sie will, indem sie dort einen Konflikt anzetteln. Es geht halt immer nur um Macht und um Geld und nicht um Menschen und Demokratie. Schauen Sie über den Tellerrand. Alles nur auf die Serben zu schieben ist schon allerhand Herr Vila!

Darko Gajic am

Liebe Redaktion

Sie befragen Leute in einer Enklave und erarten das sie wahrheitsgemäß auf ihre Fragen antworten? Und was passiert nach dem sie und ihr Team weggefahren sind? Es wird kein Wort wird darüber verloren das Täglich Serbische Enklaven ständig von Albanern überfallen werden. Kühe, Traktoren, Werkzeug werden gestohlen. Einfach mal mitten in der Nacht wird aus Kalaschnikows herumgeballert. All dies ist Einschüchterung der verbliebenen Serben. mann will sie um jeden Preis dazu bewegen ihr hab und gut günstig zu verkaufen und wegzuziehen. Machen sie mal ein Interview im Norden vom Kosovo wo die Serben die Mehrheit bilden. Meine Familie ist aus Pec und es ist eine große Familie keiner von ihnen ist mehr im Kosovo. Sie wurden vertrieben. Einige wurden auch vor tausenden Augenzeugen einfach mitten in Pec auf offener Straße ermordet. in 99% der Übergriffe gegen Serben gibt es keine Verhaftungen und keine Verurteilungen. Aber ich weiß Deutschland hat diesen nicht selbsterhaltenden pseudo Staat anerkannt. Und sie können nicht negativ über das scheitern der Deutschen Außenpolitik im Fall Kosovo objektiv berichten.

Lg

    Gerguri am

    Außerdem wurde bis heute, keine der Serbischen Paramilitär wie Chetnicks oder ähnliche im den Haag verklagt/verhaftet(nur die Kommandöre)!
    Wenn sie aber ihrer Seite denn Serbischen Medien oder Sputnik und co glauben, dann müssen sie doch mal selber nach Kosovo und Nord-Kosovo reisen und die Lage selber erleben.
    Die Übergriffe von Albaner gegen Serben würde dann auch in den Nachrichten erscheinen.(Würden diese überhaupt passieren)
    Meiner Meinung nach leben sogar die Serben im Kosovo eigentlich ganz gut. Sie müssen doch mal auch die Kosovo Albaner angucken, wir bekommen auch keine Arbeit, obwohl wir alle Einheimische sind, egal ob Kosovo Serbe oder Kosovo Albaner!
    Trotzdessen können Sie ja selber ihr Bild machn, indem Sie nach Kosovo/Nord-Kosovo Reisen, und dort von 100 Albanern beklaut, angepöbbelt, und auf der Straße erschossen werden? Also der Sinn an diesem Urteil ist doch mehr als Schwachsinnig. Ich als Kosovo Albaner war selber im Nord-Kosovo, die meisten Menschen dort interresiert es nicht wer man ist. Leider gibt es dort vereinzelt Rechtsextreme Serben die sogar gegen Olivre Ivanovic erschossen hatten, indem Er für ein Kosovo mit Serbern und Albanern gewessen sei.
    Der Mensch der ihm Erschossen hatte, war leider ein Rechtsextemer Serbe (aus Verrat).

    ARD-Wien Online Redaktion am

    Sehr geehrter Herr Gajic,
    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir stellen regelmäßig die verschiedenen Sichtweisen und Meinungen zu diesem Thema dar.

    Zum Beispiel hier: https://www.ard-wien.de/2019/03/26/serbien-und-kosovo-20-jahre-nach-den-nato-bombardierungen/

    Mit freundlichen Grüßen,

    ARD-Wien Online Redaktion

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