Am 8. September soll die erste Pride-Parade in der Geschichte Bosnien und Herzegowinas stattfinden. Foto: picture alliance | PIXSELL

Diskussionen um die erste Pride-Parade in Bosnien und Herzegowina
„Beschützen oder inhaftieren?“

Am 8. September soll sie stattfinden: Die erste Pride-Parade in der Geschichte Bosnien und Herzegowinas. Also eine Demonstration für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender-Personen (LGBT). Bosnien und Herzegowina ist neben Nordmazedonien der einzige Nachfolgestaat des Ehemaligen Jugoslawiens, wo eine solche Parade noch nicht stattgefunden hat. Den rechtsnationalen Parteien, die in Bosnien und Herzegowina das politische Spektrum beherrschen behagt das nicht.

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Abdulah Skaka ist Bürgermeister von Sarajevo. Sexualität und sexuelle Orientierung bezeichnete er als Privatangelegenheit und sprach sich damit indirekt gegen die Parade aus. Seine Parteikollegin von der führenden bosniakischen SDA Samra Cosovic-Hajdarevic hingegen fiel mit einem drastischen Facebookpost auf, den sie nach heftiger Kritik schnell wieder löschte. Die Parlamentsabgeordnete im Kanton Sarajevo schrieb, dass „solche Personen isoliert gehören und so weit wie möglich von unseren Kindern und unserer Gesellschaft entfernt werden müssten“.

Emina Bosnjak gehört dem Organisationskomitee der Parade an und leitet die NGO „Offenes Zentrum Sarajevo“, die sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzt. Sie sagt, dass in LGBT-Personen in Bosnien und Herzegowina praktisch unsichtbar sind. Deshalb sei es wichtig, die Parade abzuhalten. Sie erhofft sich einen „Aha-Effekt“ bei Entscheidungsträgern – wenn sie die Personen, deren Probleme und Bedürfnisse sie berücksichtigen sollen, auch zu Gesicht bekommen.

 

In den vergangenen 20-25 Jahren entwickelt sich Bosnien und Herzegowina in eine Richtung, in der es immer weniger Verständnis für Andersdenkende gibt und immer mehr Unstimmigkeiten und Konflikte gibt. Wenn LGBT-Personen auf die Straße gehen von ihren Unterstützern begleitet werden, dann sendet die Pride Parade die Botschaft aus, dass eine Hoffnung und eine Chance dafür bestehen, dass dieser Staat auf anderen Prinzipien fußen kann.

Emina Bosnjak, NGO „Offenes Zentrum Sarajevo“

Das hier Handlungsbedarf besteht, zeigen viele homophobe Kommentare, die zur geplanten Parade in den sozialen Netzwerken aufgetaucht sind. Einige bezeichnen Homosexualität als Krankheit, andere glorifizieren den Sultan von Brunei, der Homosexualität kürzlich unter Todesstrafe gestellt hat. Emina Bosnjak betont, dass die Landesgesetze Hassverbrechen unter Strafe stellen, die sich gegen die sexuelle Identität richten. Die Realität sehe aber anders aus. Neben Übergriffen in der Öffentlichkeit seien LGBT-Personen auch in den eigenen Familien, aber auch in der Schule oder der Uni Gewalt ausgesetzt.

Gewalt ist bei LGBT-Veranstaltungen in der Region immer wieder ein Thema. Beispiel Belgrad und Zagreb: Die dortigen Pride-Paraden wurden immer wieder von gewaltbereiten Gegendemonstranten gestört.  Auch in Sarajevo mussten 2008 und 2014 kleinere Veranstaltungen mit Bezug zur LGBT-Community wegen gewalttätiger Übergriffen abgebrochen werden.

„Soll die Polizei LGBT beschützen oder inhaftieren?“ - diese Umfrage des Facebookprofils  „Polizeiakademie Bosnien und Herzegowina“ sorgte für Aufregung. Das Innenministerium in Sarajevo erklärte, dass diese Seite kein offizieller Auftritt der bosnischen Polizei sei. FOTO: BR | Screenshot
„Soll die Polizei LGBT beschützen oder inhaftieren?“ - diese Umfrage des Facebookprofils  „Polizeiakademie Bosnien und Herzegowina“ sorgte für Aufregung. Das Innenministerium in Sarajevo erklärte, dass diese Seite kein offizieller Auftritt der bosnischen Polizei sei. FOTO: BR | Screenshot

Ein Posting des Facebookprofils  „Polizeiakademie Bosnien und Herzegowina“ sorgte nicht zuletzt deshalb im Internet für Aufregung. „Soll die Polizei LGBT beschützen oder inhaftieren?“ – über diese Frage sollen die Nutzer abstimmen. Die Seite gefällt mehr als 24.000 Nutzern, das ist sehr viel für Bosnien und Herzegowina. Rund 2.900 stimmten für „inhaftieren“, 2.600 für „beschützen“ (Stand 5. April, 16:00h). Auf Nachfrage erklärte das Innenministerium in Sarajevo, dass die Seite kein offizieller Auftritt der bosnischen Polizei sei. Dennoch werfe das Posting ein schräges und irreführendes Licht auf die Frage, wie es um die Sicherheit der Community in Bosnien und Herzegowina bestellt ist, sagt Aktivistin Emina Bosnjak. Sie setzt sich nun dafür ein, dass die Seite entfernt wird.

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