Illustration: BR | Anna Hunger

#balkantote
Wenn Angehörige selbst auf Spurensuche gehen

Im April 2015 überrollt ein Zug in Nordmazedonien 14 Flüchtlinge. Die Identität der Toten ist unbekannt. Die Ermittlungen in Nordmazedonien wurden schnell eingestellt. Auch wurden nicht alle Augenzeugen des Unglücks befragt. Wie etwa der 19-jährige Afghane Mahdi Mohebi. Er hat das Unglück überlebt. Doch anstatt seine Aussagen zu protokollieren, schob die nordmazedonische Polizei ihn sofort zurück nach Griechenland.

Wo ist mein Bruder?

Mahdi Mohebi erreichte 2015 Deutschland. Er lebt in Bremen und macht eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. Urlaub hat er von seinem Chef bekommen, weil er jetzt zurückkehren will auf die Balkanroute, zurück nach Nordmazedonien. Mahdi Mohebi vermisst seinen jüngeren Bruder Alireza. Er will ihn auf der Balkanroute wiederfinden. Von Alireza gibt es kein Lebenszeichen mehr, seit dem 23. April 2015. Es ist noch vor Beginn der „Flüchtlingskrise“ in Europa. Mahdi und der 14-jährige Alireza sind an diesem Tag im April in Nordmazedonien. Sie laufen zu Fuß zusammen mit einer größeren Flüchtlingsgruppe die Bahnschienen entlang. Sie wollen weiter nach Norden. Ihr Ziel: Deutschland. Abends erreichen sie die Zugstrecke nahe des 40.000 Einwohner-Städtchens Veles, im Zentrum Nordmazedoniens. Es ist stockdunkel. Auf einmal kommt ein Zug. Mahdi springt eine Gleis-Brücke hinunter. Sein Bruder schafft es nicht. Mahdi schreit nach ihm. Die nordmazedonische Polizei nimmt ihn fest. Mahdi bittet mehrmals, ihm zuzuhören und zu helfen, Alireza wiederzufinden – vergeblich. Mahdis Aussagen werden nicht protokolliert. Die Polizei sieht ihn nicht als Opfer. Mahdi wird in die Hauptstadt Skopje in ein geschlossenes Lager gebracht. Wenige Stunden später wird er nach Griechenland zurückgeschoben. Er war damals 16 Jahre alt, ohne Dolmetscher und ohne Rechtsbeistand – Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention offenbar außer Kraft.

Wenn Angehörige selbst auf Spurensuche gehen

Animation/Illustration: BR | Anna Hunger

Der Film „Story im Ersten: Tote auf der Balkanroute“

Ähnlich wie Mahdi Mohebi in Bremen geht es vielen Angehörigen, die seit 2015 in Deutschland leben. Wie viele Betroffene es in der Bundesrepublik gibt, Zahlen dazu existieren nicht. Darko Jakovljevic konnte dennoch mit mehreren Familien in Kontakt treten, die bereit waren, darüber zu sprechen. Sie halten das leidvolle Warten nicht mehr aus: Da jahrelang eine offizielle Suche nach ihren Kindern und Geschwistern auf der Balkanroute nicht beginnt, entschließen sich mehrere Angehörige auf die Route zurückzukehren. Sie wollen selbst auf Spurensuche gehen. Sind ihre Verwandten tot? Oder wurden sie verhaftet und abgeschoben? Ein Film über Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde in Europa, wenn es um den Umgang mit vermissten und toten Geflüchteten und ihren Angehörigen geht.

Filmautor Darko Jakovljevic über "Tote auf der Balkanroute"

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt: Günter Stöger

Leidvolles Bangen um das Schicksal von Angehörigen

„Die Story im Ersten“ (Autor: Darko Jakovljevic, Redaktion: Astrid Harms-Limmer) zeigt: Weder Behörden noch Politik in Deutschland fühlen sich zuständig. Denn betroffene Angehörige wenden sich an die deutsche Polizei, berichten dem BAMF, dass es von ihren Verwandten auf der Balkanroute kein Lebenszeichen mehr gibt. Hilfe jedoch bekommen sie nicht. Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes ist zwar bereit zu helfen, ist jedoch auf eine Kooperation der Behörden im In- und Ausland angewiesen. Die aber gibt es nur selten. Ist die Notlage von in Deutschland lebenden Flüchtlingsfamilien also einfach egal? Einige Familien halten es nicht mehr aus und gehen selbst auf Spurensuche.

Werden sie Antworten auf ihre drängendste Frage finden: Was geschah mit unseren Familienmitgliedern?

Erstausstrahlung: Die Story im Ersten: Tote auf der Balkanroute. Heute, 25.3., 22:45 Uhr im Ersten.

Was Sie noch interessieren könnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.