Illustration: BR | Anna Hunger

#balkantote
Den Toten eine Würde geben

Hasib Latifi arbeitet seit rund 25 Jahren auf dem islamischen Friedhof im nordmazedonischen Kumanovo und er kennt dort jeden Stein. Schon als Kind streifte er durch die Gräberreihen, denn bereits sein Vater war auf dem Friedhof angestellt. Hasib Latifi hat für viele Menschen Gräber ausgehoben und er hat ein ehernes Prinzip: Wenn Menschen sterben, dann möchte er sie in Würde begraben und das gilt für jeden, auch für Flüchtlinge.

Den Toten eine Würde geben

Hasib Latifi betet an einem namenlosen Grab.

„Wir bringen sie unter die Erde“

Der stämmige Friedhofsmitarbeiter hat graue Bartstoppeln und ist mit Bauarbeiterhose und festen Schuhen für die Arbeit im Freien gekleidet. Der Umgang mit toten Menschen gehört für ihn zum Beruf, doch die Schicksale von Verstorbenen lassen ihn nicht gleichgültig. Auch über die drei Flüchtlinge, die auf dem Friedhof begraben liegen macht er sich Gedanken.

„Das waren sicher Muslime“

Zwei der Toten stammten aus Syrien, wer der Dritte war ist unbekannt. Seine verwesende Leiche wurde in einem Wald nahe der Grenze zum Kosovo gefunden. Hasib Latifi erinnert sich: „Das waren nur noch Knochen und vielleicht haben ihn Hunde angefressen“. Das Gesicht Richtung Mekka liegt der Tote nun in einem namenlosen Grab. Es hat keinen Stein und aus der Erde ragen zwei einfache Holzbretter. Hasib Latifi ist überzeugt:  Der Tote war ein muslimischer Flüchtling, denn die menschlichen Überreste sahen für ihn nach einem Ausländer aus. Sein Kollege Fatmir Ramadani denkt ebenso: „Flüchtlinge die gestorben sind lassen wir nicht über der Erde. Egal ob Afghane, Syrer, Iraker oder Iraner Wir lassen sie nicht über der Erde.“

Muslimische Gemeinden in Südosteuropa als Ansprechpartner

Sterben Menschen mit muslimischem Hintergrund auf der sogenannten Balkanroute sind die muslimischen Gemeinden in der Region wichtige Ansprechpartner. Oft kümmern sie sich um die Beerdigung und übernehmen die Kosten. Auch in Kumanovo spielte die muslimische Gemeinde eine wichtige Rolle. Zu zwei der Beerdigungen reisten Angehörige an, erzählt Hadschi Saba von der muslimischen Gemeinde. Einer der Verstorbenen war ein Arzt, der 2016, offenbar im Flüchtlingscamp Tabanovce starb. Der zweite ein Familienvater aus Damaskus der November 2014 in einer Schlepperunterkunft nicht ausreichend medizinisch versorgt wurde. Anders als der Tote aus dem Wald, konnten diese beiden Syrer identifiziert werden, sagt Hadschi Saba. Die Leiche des Familienvaters sei von der Polizei und der Gerichtsmedizin zunächst ins Kühlhaus gebrachte worden. „Als seine Verwandten aus Holland kamen brachten wir die Leiche dann in die Moschee. Dort haben wir ihn gewaschen haben gebetet. und ihn dann mit den Imamen auf dem Friedhof begraben.“

„Allah sagt, man darf sie nicht liegenlassen“

„Wir bringen sie unter die Erde, weil Allah sagt, dass man sie nicht irgendwo liegen lassen soll.“, ergänzt Hasib Latifi und zeigt auf eine Reihe älterer Gräber. Denn die beiden Syrer und der unbekannte Tote sind nicht die ersten Flüchtlinge die hier liegen Hasib Latifi hat auch Menschen aus dem Kosovo und Bosnien und Herzegowina beerdigt, die der blutige Zerfall Jugoslawiens in den 90er Jahren zwang ihre Heimat zu verlassen. Nach ihrem gemeinsamen Gang zu den Flüchtlingsgräbern setzen sich Hasib Latifi, Fatmir Ramadani und Hadschi Saba in eine Ecke des Friedhofs. Sie trinken starken türkischen Kaffee reden und rauchen. Drei albanische Muslime in Kumanovo in Nordmazedonien, die toten Flüchtlingen wieder Würde verleihen.

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