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Der Tote aus der Korana

Ihsanudin Gull Muhammad stirbt im Mai 2018. Sein Körper wird im Fluss Korana gefunden. Der Fluss markiert die Grenze zwischen Bosnien und Herzegowina und dem EU-Land Kroatien. Rasim Ruždić wohnt in der Nähe der Korana. Er hat einen Geländewagen mit Anhänger, deshalb bittet ihn die Polizei um Hilfe bei der Bergung der Leiche im unwegsamen Gelände.

„Ich habe den Wagen gewendet und wir haben dann die Leiche in den Anhänger gelegt. Ich habe ihn an den Händen gehalten. Seine Haut hatte sich schon geschält, er war sicher mehrere Tage lang im Wasser.“

Rasim Ruždić

Die Geschichte von Ihsanudin Gull Muhammad aus Afghanistan

Ertrunken auf der Flucht vor kroatischer Grenzpolizei?

Ihsanudin Gull Mohammad trägt am Körper ein graues T-Shirt, eine Jeans, ein Paar Turnschuhe, eine Bosnische Mark und 30 Cent Bargeld, ein Haargummi und eine saphirblaue Gebetskette. Als Rasim Ruždić seinen Körper in den Anhänger legt, hält Ihsanudin linke Hand seine Gebetskette fest umklammert.

Wie Ihsanudin genau ums Leben gekommen ist, lässt sich nicht mehr aufklären. Sicher ist: Er war mit einer Gruppe unterwegs und hat versucht, die bosnisch-kroatische Grenze zu überqueren. Rasim Ruždić geht davon aus, dass die Gruppe von der kroatischen Grenzpolizei aufgegriffen wurde:

„Dann sind sie zurück nach Bosnien geflohen. Bei der Flucht ist der arme Junge wahrscheinlich dann von er Gruppe getrennt worden, hat den Weg zurück nicht mehr gefunden und ist in tiefes Wasser geraten. Er konnte wahrscheinlich nicht schwimmen und ist ertrunken.“

Nadelöhr an der bosnisch-kroatischen Grenze

Bosnien und Herzegowina lag bislang abseits der so genannten Balkanroute, die Wege nach Westeuropa führten über andere Länder. Waren es 2017 noch weniger als 800 Menschen, sind 2018 rund 25.000 so genannte illegale Migranten in Bosnien und Herzegowina registriert worden. Die Menschen versuchen, das EU-Land Kroatien zu erreichen. Einigen gelingt das, andere werden von der kroatischen Grenzpolizei aufgegriffen. Immer wieder berichten Migranten und Flüchtlinge, dass die kroatische Polizei ihnen keine Chance gebe, Asyl zu beantragen, sie illegal über die „grüne Grenze“ zurückschicke und dabei Gewalt anwende. Kroatien weist diese Vorwürfe konsequent zurück. Rasim Ruždić glaubt den kroatischen Behörden nicht und hat eine klare Meinung:

„Wenn man die Menschen aufhalten will, soll man sie aufhalten, aber töten muss man sie nicht.“

Ein Minimum an Würde

Ihsanudin Gull Mohammad ist auf einem muslimischen Friedhof in der nord-west-bosnischen Stadt Bihac begraben. Davor lag er einen Monat lang in einem Leichenschauhaus. Die bosnischen Behörden wussten nicht so recht, was sie mit dem Leichnam machen sollten. Die Beerdigung organisiert schließlich Zemira Godinjac, die sich in Bihac ehrenamtlich um Flüchtlinge kümmert.

„Jedes menschliche Wesen verdient wenigstes ein Minimum an Würde am Ende des irdischen Lebens. Davon bin ich als Mensch überzeugt.“

Zemira Godinjac beginnt, sich für den Menschen hinter dem Todesfall zu interessieren. Von einem Gefährten Ihsanudins erfährt, sie, dass der junge Mann verheiratet war und zwei Kinder hatte. Seitdem setzt sie sich dafür ein, dass sein Körper irgendwann in seine Heimat Afghanistan überführt wird. Doch das gestaltet sich schwierig, denn sie hat keinen Kontakt zur Familie des Toten und keine genauen Informationen über seinen Herkunftsort. Zemira Godinjac gibt aber nicht auf und hofft, dass jemand nach Ihsanudin sucht. Sie macht darauf aufmerksam, dass er ein unverwechselbares Merkmal hatte: An seiner linken Hand hatte er sechs Finger.  Ihsanudins saphirblaue Gebetskette und sein Haargummi bewahrt sie sicher bei sich auf:

„Er wollte seiner Familie bestimmt mehr hinterlassen. Aber so ist es nun mal, seine Bestimmung war, dass er eine Ruhestätte in Bosnien findet. Das hier ist seine Getestete, die er bei sich hatte. und das Band, mit der er wahrscheinlich seine Haare gebunden hat. Ich habe sie bei mir, um sie der Familie eines Tages zu übergeben. Früher oder später.“

Hintergründe zur Recherche erfahren Sie hier.

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