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Woher kommt diese übertriebene Angst vor dem Luftzug, der 'promaja'? Foto: BR | Zoran Ikonic

Mythos „Promaja“
Wenn der Luftzug leise tötet

Erdbeben? Ach was, lächerlich! Ein hungriger Löwe? Pff, kann man abschießen! Ebola Virus? Ist mit Knoblauch und Rakija behandelbar! Ein echter Balkanese kennt keine Angst. Also fast keine. Denn selbst der stiernackigste Schlägertyp bekommt – sofern er in Südosteuropa aufgewachsen ist – bei einem Gegner weiche Knie: Die Rede ist von der „promaja“* – dem Luftzug.

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Videomaterial: Zoran Ikonic, Eldina Jasarevic, Dardan Sadriu

Videobearbeitung: Karin Straka

Der Überlieferung nach – in der Regel detailreich von der eigenen Oma eingeimpft – führt auch nur ein kurzer unbedachter Moment im Luftzug unweigerlich zum qualvollen Tod. Oder anderen Leiden: furchtbaren Erkältungen, schmerzhaften Entzündungen, irreversiblen Verkrampfungen und wer weiß, vielleicht sogar noch schlimmeren Gebrechen wie – gottbewahre – Impotenz. Wenn in einer Wohnung, einem Bus oder einem anderen geschlossenen Raum zwei entgegengesetzte Fenster oder Türen gleichzeitig offen sind, bleibt das auf dem Balkan selten unkommentiert: „Fenster zu, die „promaja“ tötet uns!“

 

Wie viele Mythen hat auch die „Promaja-Phobie“ der Balkanesen einen wahren Kern. Tatsächlich können so genannte „partielle Unterkühlungen“ Beschwerden auslösen: Verspannungen, Muskelkrämpfe oder Nackenstarren sind möglich. Menschen, deren Immunsystem angegriffen ist, können sich vom Luftzug theoretisch auch erkälten oder Mittelohrentzündungen bekommen. Dass kerngesunde Personen von ein bisschen Zugluft potenziell tödliche Lungen – oder Gehirnhautentzündungen bekommen können – oder wie von meiner Großmutter immer wieder geschwarzmalt –  dauerhafte Kieferverrenkungen, ist medizinisch aber nicht nachgewiesen.

 

Woher kommt dann diese übertriebene Angst vor dem Luftzug? Einige führen das Phänomen auf den generellen Hang zum Aberglauben in der Region zurück („Wenn die Handfläche juckt, gibt’s bald Geld“, „Wer übertrieben lacht, wird am Folgetag weinen“, etc.). Andere halten es für plausibel, dass die Angst vor dem Luftzug einen ganz pragmatischen Kern hat. Zu früheren Zeiten konnte aus einer Erkältung mit etwas Pech auch eine lebensbedrohliche Erkrankung werden. Deshalb gingen die Menschen kein Risiko ein, mieden auch nur den kleinsten Luftzug – und garnierten das Ganze im Laufe der Zeit mit passenden Horrorgeschichten.

 

Übrigens: Die Psychologie beschreibt die „Anemophobie“ als übersteigerte und behandlungsbedürftige Angst vor Wind oder Sturm. Eine Phobie vor lauen Lüftchen ist wissenschaftlich hingegen noch unbekannt.

 

*oder promaha, propuh, течение, curent,…

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Kommentare (1)

Regina am

Wieso nicht „Durchzug“?

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