Junge Menschen in Bukarest. Foto: picture alliance | dpa

Immer mehr junge Menschen verlassen Rumänien
Zu viel  Korruption – zu wenig  Perspektiven

Fernab von europäischen Gipfeltreffen ist Rumänien eigentlich ein Land der Extreme: Es gibt verlassene Ortschaften – in Nordsiebenbürgen lebten 1977 noch 8.000 Deutsch-Rumänen, 2011 bekannten sich bei der Volkszählung nur mehr 735 Personen dazu, Deutsche zu sein. Und die Abiturienten zieht es ins Ausland: von 12.500 im Jahr 2000 sind es 2016 bereits 33.400. Im Vergleich: Die Studierendenzahlen in Rumänien selbst nehmen gravierend ab. Von 900.000 in 2009 fiel die Zahl auf 405.000 in 2016.

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Alltägliche Korruption

Was bewegt die Jugend, das eigene Land zu verlassen? Nicht wenige Schüler machen derzeit das deutsche Abitur in Rumänien, weil sie danach in Deutschland  studieren wollen, wo sie für sich eine bessere Zukunft sehen. Belastend für alle aber ist die übermächtige wie alltägliche Korruption , die das Land lähmt und echte Fortschritte hin zu einem modernen und für alle transparent agierenden Staatswesen blockiert. Längst schlagen Richter und Staatsanwälte in Rumänien Alarm, besonders anlässlich des EU-Justizministertreffens in Bukarest.

Was junge Rumänen von Brüssel erwarten

Dragos Calin und Elena Calistru stehen, wenn man so will, für das „neue“ Rumänien. Oder für das Rumänien, was sich verändern will. Die eine ist Politikwissenschaftlerin und berät mit ihrer Nichtregierungsorganisation „Funky Citizens“ unter anderem Kommunen und Schulen auf dem Weg hin zu transparenterer Arbeit, grätscht öffentlich immer wieder dazwischen, wenn sich Fälle von Korruption häufen. Der andere ist Richter am Landgericht von Bukarest, vertritt die Vereinigung der „kritischen“ Juristen. und stellt mit einem Kopfschütteln nur fest, was das Grundproblem vieler seiner Mitbürger sei: „Sie sind einfach geboren mit der Korruption. Sie sind aufgewachsen mit Korruption. Für die meisten ist Korruption völlig normal. Das ist schlicht ein gesellschaftliches Problem.

Es fängt an, wenn man ins Krankenhaus muss und extra etwas hinblättern soll. Oder wenn Du Kinder in der Schule hast. Du wirst regelmäßig aufgefordert, zusätzliches Geld mitzubringen. Für Basics, die eigentlich da sein sollten: Toilettenpapier, was in großem Stil verschwindet oder man muss kleine Geschenke für die Lehrer besorgen.

Elena Calistru von der Nichtregierungsorganisation "Funky Citizens"

So wie das im Kleinen passiert, läuft es ihr zufolge auch im Großen. Täglich würden in ihrem Land zigtausende Euro versickern. Schmiere der eine den anderen. An der Spitze des Landes steht vor allem der Parteichef der regierenden Sozialdemokraten in der Kritik. Über die Regierung lässt er kritische Strukturen konsequent schwächen. So wurde die überaus bekannte und erfolgreiche Anti-Korruptionsstaatsanwältin des Landes nach einem längeren Hin- und Her einfach rausgeworfen. Andere führende Juristen werden beständig unter Druck gesetzt, wird an ihren Stühlen gesägt.

Es gibt einen Konflikt zwischen den Generationen. Die jüngeren Richter und Staatsanwälte, also die, die etwa unter 45 sind, wurden in EU-Recht ausgebildet, in Menschenrechten, sie ticken viel mehr europäisch als die älteren.

Dragos Calin, Richter am Landgericht von Bukarest

Durch den Druck von oben und den Umbau des Justizsystems durch die Regierung fühlt sich Richter Calin an die Vorgänge in Ungarn und Polen erinnert. Geht es nach ihm, dann sollte die EU schnellstmöglich ein so genanntes „Artikel 7“-Verfahren auch gegen Rumänien anstrengen, weil hier im Bereich der Justiz zunehmend gegen die Grundwerte der EU verstoßen werde. Am Ende eines solchen Verfahrens könnte Rumänien seine Stimmrechte auf EU-Ebene verlieren. „Europa muss eingreifen“, sagt er klipp und klar, Brüssel sei jetzt gefordert. Brüssel sollte nicht mehr, wie jahrelang einfach weggucken.

Die Menschen hier sind nämlich inzwischen ziemlich müde. Wenn Du jahrelang protestieren gehst, auch immer mal kleinere oder größere Erfolge verzeichnen kannst, aber dann wieder sehen musst, wie die Verantwortlichen am Ende doch einfach die Pause-Taste beim Kampf gegen Korruption drücken, dann fragen sich inzwischen viele, ob das ganze Protestieren es überhaupt wert ist oder ob man nicht gleich in ein anderes Land gehen soll.

Elena Calistru von der Nichtregierungsorganisation "Funky Citizens"

Hunderttausende gut ausgebildete haben Rumänien in den letzten Jahren bereits verlassen, haben ihre Chance in Italien, Spanien, Großbritannien oder Deutschland gesucht. Für Elena und Dragos bislang keine Alternative zu ihrem Kampf. „Verändern können wir unsere Heimat ja nur von innen heraus“, sagen sie … und wirken trotz aller Umstände mit sich völlig im Reinen.

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