Blick aus der Seilbahn auf Sarajevo. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Lieblingsplatz in Sarajevo
Die Seilbahn der Erinnerungen

Fast 23 Jahre nach Kriegsende ging im April des vorigen Jahres die Seilbahn von Sarajevo wieder in Betrieb. Für die „Sarajlije“ – die Einwohner Sarajevos – ein besonders feierlicher Tag. Die winzigen Gondeln zierten die Abhänge des Berges Trebevic oberhalb der Stadt über viele Jahrzehnte und brachten jeden Stadtbewohner mindestens einmal im Leben bis zum Gipfel. Von dort aus konnte man die bosnische Hauptstadt im Tal, ihre Minarette und Kirchentürme, die Altstadt Bascarcija aus der Osmanenzeit, die Nationale Bibliothek und die Brücken über den Fluss Miljacke stundenlang bewundern. Im April 1992 besetzten Karadzics Soldaten die Schützengräben unter der Seilbahn und nutzten den schönen Ausblick, um auf die Menschen und Häuser unten im Tal zu schießen.  Sechsundzwanzig Jahre mussten wir „Sarajlije“ darauf warten, dass unsere Seilbahn wie der Phoenix aus der Asche aufersteht und uns in ihren Gondeln wieder auf den Trebevic schweben lässt.

Vor ein paar Tagen ging auch ich zur Seilbahn, um das alte Fahrgefühl wieder genießen zu können. Um 9 Uhr morgens bei -8 Grad gab es nur drei Fahrgäste, oder ganz genau gesagt zwei japanische Touristen und mich. Kaum saß ich alleine in der geräumigen modernen Gondel, kamen die Erinnerungen.

 

In der Grundschule machten wir einmal im Jahr einen Schulausflug mit der Seilbahn auf den Berg Trebevic. An diesem Tag fiel der Unterricht aus und wir bekamen immer ein wenig Geld von unseren Eltern, um uns im Supermarkt selbst etwas für den Ausflug zu kaufen. Natürlich erwarben wir immer das, was zu Hause sonst verboten war oder wegen des knappen Hausbudgets nur selten auf den Tisch kam: Bonbons, Schokoriegel, Fruchtsäfte, die man mit einem Strohhalm trank, Chips – also lauter ungesundes, aber leckeres Zeug. Manchmal backten unsere Mütter auch Kuchen, die wir nur gegen das feste Versprechen mitnehmen durften, den Kuchen zuerst unserer Klassenlehrerin anzubieten und erst dann unseren Freunden.

 

Bei diesen Ausflügen war es vor allem wichtig, wer mit wem in der Gondel fährt. Es war immer lustig, Jungs mit dabei zu haben. Die tobten in der Gondel oft so sehr, dass diese hin und her schwankte und wir Mädchen aus Angst oder Freude schreien mussten. Manchmal gab es auch kürzere Stromausfälle und die Gondeln blieben eine Weile in der Luft hängen. Beim Warten haben wir uns dann immer Geschichten ausgedacht, was alles passieren könnte, wenn wir so tagelang in der Luft bleiben würden. Eine beliebte Beschäftigung bei diesen Seilbahnfahrten war es auch, die Menschen auf dem Boden zu beobachten, über sie zu tratschen, über sie zu lachen, ihnen die Zunge rauszustrecken oder ihnen zuzuwinken.

Als ich nach ein paar Minuten wackelfreier Fahrt aus der neuen, modernen Gondel an der Endstation ausstieg, stand plötzlich eine alte, orangefarbige Gondel aus meiner Kindheit vor mir. Ein Ausstellungsstück zur Erinnerung an die alten Zeiten für die jüngeren Generationen. Ich konnte einfach nicht widerstehen, die Gondeltür zu öffnen und mich hineinzusetzen. Die Gondel kam mir so winzig vor, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie wir damals zu viert oder zu sechst darin Platz gefunden haben. Im Gondelinneren sah ich eingeritzte Namen aus alten Zeiten: Zlatan, Jasna, Crni, Said. Eine romantische Inschrift zeugt von der Liebe von Ivica und Ljilja mit einem Pluszeichen auf ewig verbunden. Man fragt sich natürlich, was aus dieser Liebe geworden ist und wo die beiden jetzt sind.

Zum Schluss schlenderte ich noch zum alten Aussichtsplateau. Ich war ganz alleine da oben. Kein Kinderlärm, keine japanischen Touristen, nur die schneebedeckten Tannenbäume um mich herum und Sarajevo zu meinen Füßen. Da musste ich feststellen, dass das einzige, was sich in der Zwischenzeit nicht verändert hatte, der Blick von oben auf die Stadt ist. Der ist immer noch so atemberaubend schön und tut mir heute wie damals gut.

Der Blick auf Sarajevo von der Aussichtsplattform des Berges Trebevic. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Der Blick auf Sarajevo von der Aussichtsplattform des Berges Trebevic. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Was Sie noch interessieren könnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.