Über 4000 Quadratkilometer Fläche waren in Bosnien-Herzegowina unmittelbar nach Kriegsende im Jahr 1995 mit Minen verseucht. Heute sind es immer noch über 1000 Quadratkilometer. Foto: BR | Michael Mandlik

Bosnien-Herzegowina - 23 Jahre nach Kriegsende
Minen – Der heimtückische Tod

Weil es in diesem Wald ansonsten totenstill ist, dröhnt das Piepsen des Metallsuchgerätes doppelt laut im Gehörgang. Auf den Knien langsam vorwärts rutschend stochert der bosnische Soldat mit einer langen Metallsonde Zentimeter für Zentimeter in den vor ihm liegenden verwurzelten Waldboden. Sobald er damit auf etwas Hartes stößt, lässt er den Teller des Metallsuchers darüber kreisen. Je lauter das darauffolgende Pfeifgeräusch, desto größer das im Boden verborgene metallische Etwas. Es kann alles Mögliche sein. Dass es sich aber gerade hier – im zu Kriegszeiten heftig umkämpften Gebiet nahe der bosnischen Stadt Brcko – um Minen handeln könnte, diese Wahrscheinlichkeit ist hier exorbitant hoch. Und nicht nur hier.

Beitrag: Michael Mandlik

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt: Günter Stöger / Christine Dériaz

Heimtückisches wahlloses Töten

Fast genau 23 Jahre ist es jetzt her, seit mit dem Friedensabkommen von Dayton der mörderische Krieg in Bosnien-Herzegowina beendet werden konnte. Das Aufeinander-Schießen hatte damit ein Ende. Doch die von allen Kriegsparteien zehntausendfach verlegten und im Boden verborgenen Sprengkörper töten weiterhin – heimtückisch und wahllos. 1700 Menschen wurden seit Ende des Krieges von Minen verletzt oder verloren ihr Leben, darunter viele Kinder.

Viele tausend „Killing Fields“

Überall – in Wäldern, auf Feldern, auf Wegen – lauert die tödliche Gefahr. Denn wirklich niemand weiß heute, wo und wie viele Minen insgesamt auf den ehemaligen Schlachtfeldern und Kampfgebieten vergraben wurden. Schätzungen sprechen von 100 Tonnen Explosivmaterial auf nahezu 5000 als solche identifizierten Minenfeldern. Sogenannte Minen-Protokolle, also militärisch-taktische Aufzeichnungen, wo und wie zu Kriegszeiten die Minen und Sprengfallen verlegt wurden, gibt es heute nur noch in seltenen Fällen. Da, wo es belegt war, hat man die Sprengkörper bald nach dem Krieg entfernen können. Doch der große lebensgefährliche Rest ist im Verborgenen geblieben. Hinzu kommen immer wieder auch extreme Wetterlagen wie Starkregen und in der Folge Erdrutsche, die Sprengkörper ausschwemmen bzw. mitreißen und so tags zuvor noch minenfreie Flächen in „killing fields“ verwandeln.

Minenfrei frühestens im Jahr 2060

In Zusammenarbeit mit einem Dutzend privater Unternehmen versuchen Spezialisten der bosnischen Armee tatsächlich seit Kriegsende, das ganze Land möglichst schnell minenfrei zu bekommen. Doch die selbst gewählte „Deadline“, bis zum Jahr 2019 das Land von dieser mörderischen Geißel zu befreien, erwies sich mehr und mehr als illusorisch. Nun wird, um Vieles ernüchterter, das Jahr 2060 angepeilt. Die Frage nach gerade dieser Jahreszahl wird von den Minensuchern mit Achselzucken quittiert. „Sehen Sie“, sagt ein Soldat, “wirklich alle Minen zu finden ist nicht möglich. Die besonders gefährlichen Antipersonenminen vom Typ PROM-1 etwa können bis zu 50 Jahre sogar im Wasser liegen und funktionieren dann wahrscheinlich immer noch. Ob das aber auch nach 60 Jahren so sein wird, wissen wir nicht. So können wir nur hoffen, dass sich das Problem nach einem längeren Zeitraum technisch von selbst erledigt haben wird…“

Für die betroffene Bevölkerung ist das nur ein schwacher Trost – so wie für Landwirt Ivo aus Brcko. „Ich habe damals als Soldat selbst Minen verlegt“, sagt er, “alle haben das getan. Minen gab es in großer Zahl. Das waren die billigsten Waffen.“ Und gerade das bereitet Ivo heute die größten Sorgen: „Einige meiner Kameraden, die damals auch Minen vergraben haben, sind bald darauf gefallen. So weiß heute niemand mehr, wo genau sie sie verlegt haben. Das kann überall sein…“ Und schließlich berichtet Ivo von seinem immer wiederkehrenden Albtraum: „Ich mag gar nicht daran denken, dass eines meiner Enkelkinder oder sogar noch Urenkelkinder von einer Mine getötet werden könnte, die ich selbst gelegt habe. Das raubt mir regelmäßig den Schlaf…“

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