Kronen-Zeitung vom 4. November 2018, S. 6. Foto: ARD Studio Wien

Eine konstruierte Geschichte aus unserem Berichtsgebiet
Stimmungsmache mit Messer-Migranten

Während Österreich intensiv über den Ausstieg des Landes aus dem globalen Migrationspakt diskutiert, erscheint am 04. November 2018 in der „Kronen Zeitung“ ein Artikel mit dem Titel: „Jetzt kommen ganz andere“.

Kronenzeitung_4_11_18 Foto: ARD Studio Wien
Kronenzeitung 4.11.18 Foto: ARD Studio Wien

Was schreibt die Kronenzeitung?
Ein Durchbruchsversuch von mindestens 20.000 Migranten aus dem bosnisch-kroatischen Grenzgebiet Richtung Mitteleuropa könnte kurz bevorstehen, schreibt das regierungsnahe Boulevardblatt. Einem Abteilungsleiter im Wiener Innenministerium liegen nach Angaben der „Kronen Zeitung“ entsprechende Informationen von „Verbindungsoffizieren“ aus dem bosnisch-kroatischen Grenzgebiet vor. Dort ist seit Monaten eine größere Anzahl von Migranten aus verschiedenen Ländern gestrandet. „95 Prozent dieser Migranten, die da durchbrechen wollen, sind junge Männer, fast alle mit Messer bewaffnet – zitiert die Kronen Zeitung „Beamte“ aus dem Innenministerium. Dabei sei die Versorgungslage der Menschen „relativ gut geregelt, denn viele der Migranten hätten Prepaid-Kreditkarten des UNHCR.

UNHCR Cash Card Foto: UNHCR
UNHCR Cash Card Foto: UNHCR

Was sagt das UNHCR?
Die Büros des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) in Sarajevo und in Wien widersprechen dieser Darstellung. Tatsächlich sind im Jahr 2018 bis jetzt etwa 20.000 Migranten in Bosnien und Herzegowina registriert worden. Eine so große Anzahl an Menschen sei aber nie gleichzeitig im Land gewesen. Zurzeit halten sich nach Angaben des UNHCR etwa 5.000 Migranten in Bosnien und Herzegowina auf. Keine 20.000, die sich gleichzeitig irgendwohin aufmachen könnten – also auch nicht mit Messern bewaffnet. Interessant: Die „Kronen Zeitung“ hat nach Angaben des UNHCR dort keine Informationen eingeholt – weder in Sarajevo, noch in Wien.

Bundesministerium für Inneres, Wien Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com
Bundesministerium für Inneres, Wien Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com

Was sagt das Wiener Innenministerium?
Das Innenministerium in Wien bestätigt auf Anfrage des ARD-Studios Wien, dass sich die Zahl 20.000 auf das gesamte Jahr 2018 bezieht. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es weiter, dass die Lage vor Ort zur Stunde unter Kontrolle sei, wobei „das Bundesministerium für Inneres im engen Austausch mit den Partnerbehörden stehe“. Das Innenministerium weist darauf hin, „dass es vor wenigen Tagen eine größere gewaltbereite Gruppe gab, die die Grenzen in illegaler Art und Weise mit Gewalt überwinden wollten“. Dass es unter diesen Personen zu einer Massenschlägerei gekommen sei, spiegle laut Innenministerium die Gewaltbereitschaft wieder. Informationen über einen baldigen „Durchbruchsversuch“ von mindestens 20.000 Migranten, die zudem in der Mehrzahl bewaffnet sind, erwähnt das Innenministerium gegenüber dem ARD-Studio Wien nicht.

Flüchtlingslager bei Kladusa

Situation am 26. Oktober 2018

Kamera: Daniel Dzyak

Wie ist die Lage im Grenzgebiet?
Das ARD-Studio Wien war Ende Oktober mit einem Team im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet und hat auch Ausschreitungen mitbekommen.

Eine Versorgungslage der Menschen, die „relativ gut geregelt“ sei, wie die „Kronen Zeitung“ schreibt, hat unser Team dort nicht vorgefunden. Angebliche Prepaid-Kreditkarten des UNHCR, die laut der „Kronen Zeitung“ viele Migranten hätten, würden sowieso nicht weiterhelfen. Solche Karten verteilt das UNHCR nach eigenen Angaben ausschließlich in Griechenland, diese Karten funktionieren auch nur dort und seien in Bosnien und Herzegowina nutzlos. Das Innenministerium in Wien dazu: „Bislang wurden bei einigen Migranten derartige Prepaid-Karten, unter anderem der UNHCR, aufgefunden. Wie diese in den Besitz dieser Karten gelangt sind, ist nicht weiter bekannt“.

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