Straßenschilder auf kyrillisch und Latein in Belgrad. Foto: picture alliance | prismaarchivo

Streit um die Schrift: Bald Kyrillisch-Pflicht in Serbien?
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Die Serbische Sprache benutzt zwei Schiften: Lateinisch und Kyrillisch. Für den offiziellen Gebrauch ist kyrillisch von der serbischen Verfassung vorgeschrieben, im Alltag hingegen werden beide Schriften genutzt. Der Serbische Kulturminister Vladan Vukosavljevic sieht im Interview mit dem Sender N1 darin einen Widerspruch:

Offizieller Gebrauch und öffentlicher Gebrauch müssten eigentlich Synonyme sein. Nirgendwo auf der Welt existiert so ein Dualismus.

Vladan Vukosavljevic, serbischer Kulturminister

Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2014 schreiben 47% der Serben vorwiegend in lateinischer Schrift, 36 Prozent bevorzugen Kyrillisch, der Rest nutzt beide Schriften gleichermaßen.

 

„Kyrillisch ist nicht kurzfristig vom Aussterben bedroht, es ist aber auffällig, dass es immer weniger im Gebrauch ist.“

 

Sagt Minister Vukosavljevic. Sein Ministerium hat deshalb einen Vorschlag für eine Gesetzesnovelle vorgelegt, mit der die kyrillische Schrift massiv aufgewertet werden soll. Neben Behörden und staatlichen Einrichtungen wären nach dem Gesetzesentwurf auch Unternehmen, Universitäten, Schulen und Medien dazu verpflichtet, praktisch ausschließlich die kyrillische Schrift zu verwenden. Viele Serben begrüßen das Vorhaben, auch dieser Passant in der Belgrader Innenstadt:

 

„Ja natürlich. Wie in anderen Staaten auch. In Bulgarien gibt es doch auch nur die kyrillische Schrift.“

 

Das Vorhaben ist aber auch kritisiert. Denn es könnten sehr hohe Strafen drohen. Unternehmen etwa, die eine Gebrauchsanweisung in lateinischer Schrift verfassen, müssten laut Gesetzesentwurf bis zu 1.000.000 Serbische Dinar Strafe, das sind ca. 8500 Euro. Für Kulturminister Vukosavljevic kein Grund zur Aufregung:

 

„Es ist doch normal, dass jedes Gesetz von Maßnahmen begleitet wird, für den Fall, dass das Gesetz nicht eingehalten wird.“

 

Sprachwissenschaftler hingegen zweifeln den Sinn der Maßnahme an. Ranko Bugarski, Linguistik-Professor an der Universität Belgrad, weist darauf hin, dass die kyrillische Schrift in Serbien ohnehin schon bevorzugt behandelt wird. So könne niemand in Serbien die Grundschule abschließen, ohne die kyrillische Schrift gut zu beherrschen, auch seien alle Schulbücher verpflichtend auf Kyrillisch. Ranko Bugarski kann sich außerdem nicht vorstellen, wie die geplanten Regeln umgesetzt werden sollen:

 

„Die Menschen werden unsicher sein – was ist erlaubt, was ist nicht erlaubt? Sie werden „Fehler“ machen und die lateinische Schrift wird genutzt werden. Stellen Sie sich nur vor, wie das kontrolliert werden soll!“

 

Solche praktischen Bedenken lassen die Befürworter der Kyrillisch-Pflicht kalt. Momcilo Miric von der Vereinigung zur Rettung der kyrillischen Schrift argumentiert mit der kulturellen Identität der Serben. Da sich die Serbische und die Kroatische Sprache nur marginal voneinander unterscheiden, sei die kyrillische Schrift als Unterscheidungsmerkmal von großer Bedeutung:

 

„Alles, das in lateinischer Schrift verfasst wurde, ist Kroatisch. Das schreiben internationale Standards vor. Folgerichtig gehört das dann auch zum kroatischen Kulturerbe.“

 

Das geplante Gesetz soll noch in diesem Jahr dem Parlament vorgelegt werden. Es gilt als sicher, dass es angenommen wird. Die Serben, die der Kyrillisch-Pflicht kritisch gegenüberstehen, hoffen darauf, dass es nach der öffentlichen Debatte nicht so restriktiv ausfallen wird – auch diese Frau in der Belgrader Innenstadt:

 

„Ich finde, es sollte bei der Mischung aus lateinisch und kyrillisch bleiben. Es sollte nicht absolut alles auf kyrillisch geschrieben werden. Das ist alles eine Art von Hyper-Lokalpatriotismus oder Nationalismus im negativen Sinn.“

*Für Kyrillisch-Anfänger: Streit um die Schrift
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