Mona Somm (li.) und Julia Oesch (re.) mit dem offenen Brief an die Leitung der Tiroler Festpiele. Foto: BR | Andrea Beer

Tiroler Festspielleiter Gustav Kuhn läßt nach Vorwürfen sein Amt ruhen
Sexuelle Übergriffe und anhaltender Machtmissbrauch?

Nach einer Krisensitzung des Vorstands der Tiroler Festspiele steht fest. Der künstlerische Leiter der Tiroler Festspiele Erl Gustav Kuhn lässt sein Amt mit sofortiger Wirkung ruhen, bis die Vorwürfe aufgeklärt sind. Der Schritt sei kein Schuldeingeständnis. Das teilte ein Sprecher der Festspielstiftung nach der Vorstandssitzung in Wien, mit, an der auch der österreichische Unternehmer und Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner und die Tiroler Landesrätin teilnahm.

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Kuhn wolle damit weiteren Schaden von den Festspielen abwenden hiess es, die Festspiel Stiftung begrüße diesen Schritt . Hintergrund sind massive Vorwürfe von fünf Künstlerinnen,  die zwischen 1998 und 2017 bei den Tiroler Festspielen engagiert waren. Darunter die deutsche Mezzosopranistin Julia Oesch. In einem offenen Brief werfen die Musikerinnen dem 72jährigen Leiter und Dirigenten Kuhn sexuelle Übergriffe, Machtmissbrauch, ungehemmte Aggression Mobbing und verbale Demütigungen vor. Gustav Kuhn weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Die Staatsanwaltschaft in Innsbruck ermittelt und bis die Vorwürfe geklärt sind, soll Andreas Leisner die Festspielleitung übernehmen, bisheriger Stellvertreter von Gustav Kuhn.

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Aus dem österreichischen Kultusministerium hiess es, die Entscheidung sei notwendig und alternativlos gewesen. Auch die Tiroler Grünen begrüßten den Schritt, da die Vorwürfe schwer wiegen würden. Schon im Februar 2018 hatte ein Blogger Vorwürfe gegenüber Kuhn erhoben. Ob Gustav Kuhn in sein Amt zurückkehren kann hängt laut Festivalpräsident Hans Peter Haselsteiner auch von der Gleichbehandlungskommission im Bundeskanzleramt ab, dass die Geschäftsführung der Festspiele nun anrufen will.
Vor dem Krisentreffen hat Andrea Beer mit den beiden Sängerinnen Julia Oesch (Mezzosopran) und Mona Somm (Sopran) gesprochen. Dass Gustav Kuhn sein Amt ruhen lassen will, wußten die Deutsche und die Schweizerin zum Zeitpunkt des Gespräches nicht.

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Künstlerinnen gehen an die Öffentlichkeit - Festspielpräsident kontert

 

Offener Brief der fünf Künstlerinnen vom 25.7.2018

An den
Präsidenten der Tiroler Festspiele Erl
Dr. Hans Peter Haselsteiner

 

Wir, die Unterzeichneten, waren bei den Festspielen in Erl als Künstlerinnen tätig. Die unangemessene Art, wie auf das Ansprechen der dortigen Zustände reagiert wurde, macht es uns unmöglich, länger über unsere eigenen Erfahrungen zu schweigen. Wir sind direkt Betroffene, Zeuginnen oder Mitwissende davon, dass es zu unserer Zeit anhaltenden Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe von Seiten des künstlerischen Leiters gegeben hat. Auch einige von uns waren solchen ausgesetzt: unerwünschtem Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine etc., von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen. Immer wieder wurden die Grenzen der persönlichen Würde und des Respekts uns gegenüber missachtet und überschritten. Regelmäßig waren wir der ungehemmten Aggression des künstlerischen Leiters ausgesetzt. Massive seelische Gewalt in Form von Mobbing, öffentlicher Bloßstellung, Demütigung und Schikane stand an der Tagesordnung. Wer den Spielregeln nicht folgte, wurde mit Repressalien und Ausgrenzung bestraft: Versprochene Rollenaufträge und Verträge wurden zurückgezogen, die zuvor gelobte Leistung war plötzlich nichts mehr wert oder wurde coram publico ins Lächerliche gezogen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Wir sind empört, dass trotz der allseits bekannten Faktenlage die notwendigen Konsequenzen noch immer auf sich warten lassen, sowohl von Seiten der Präsidentschaft der Festspiele als auch von Seiten der zuständigen Politik.

 

Aliona Dargel, Violine, Weißrussland

Bettine Kampp, Sopran, Deutschland

Ninela Lamaj, Violine, Albanien/Italien

Julia Oesch, Mezzosopran, Deutschland

Mona Somm, Sopran, Schweiz

 

Die unterzeichnenden Künstlerinnen möchten mit diesem Schritt an die Öffentlichkeit auch weitere Betroffene auffordern, sich zu gemeinsamem Handeln zusammenzuschließen. Gerne wenden Sie sich hierfür an voiceit@artbutfair.org

Antwortschreiben vom 27.7.2018 von Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner auf den offenen  Brief der fünf Musikerinnen

 

Sehr geehrte Frau Dargel,

Sehr geehrte Frau Kampp,

Sehr geehrte Frau Lamaj,

Sehr geehrte Frau Oesch,

Sehr geehrte Frau Somm,

 

Ihr offener Brief von gestern hat mich einerseits schockiert und andererseits überrascht. Selbstverständlich werde ich veranlassen, dass den von Ihnen erhobenen Vorwürfen mit Ernsthaftigkeit und Akribie nachgegangen wird und Sie über die Ergebnisse der Recherchen umgehend informiert werden.  Allerdings werde ich diesbezüglich erst ab Montag tätig werden, um das Ende der Festspiele abzuwarten. Es war Ihnen sicher nicht bewusst, dass Ihr Outing am Tag vor Wagners Ring erfolgt; ein Zyklus, der dem Dirigenten Gustav Kuhn alles abverlangt, insbesondere, weil er an vier aufeinander folgenden Tagen gespielt wird. Als Künstlerinnen werden Sie sicher für die kleine Verzögerung Verständnis aufbringen.   Parallel dazu prüft die Staatsanwaltschaft Innsbruck die Vorwürfe und wird Ihnen sicher ab sofort Gelegenheit geben, diese zu präzisieren.  Um die Untersuchungen zielführend vorantreiben zu können, ist es im hohen Maße wünschenswert, wenn nicht gar unabdingbar notwendig, dass Sie Ihre Betroffenheit bzw. Zeugnislegung der eigens für diese Fälle bestellten unabhängigen Ombudsfrau anvertrauen. Ich darf Ihnen dazu deren Koordinaten wie folgt bekannt geben:

Dr. Christine Baur

Ombud Erler Festspiele

ombud.tfe@gmx.at] (mailto:ombud.tfe@gmx.at)

Mobil: +43 676 3130103

 

Ich persönlich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mir erläutern würden, was Sie als „unangemessene Art, wie auf das Ansprechen der dortigen Zustände reagiert wurde“ einstufen? Die TFE haben alle zu Gebote stehenden Mittel ergriffen, um die bisher erhobenen Vorwürfe aufzuklären und zukünftige zu verhindern. Ich bitte allerdings zur Kenntnis zu nehmen, dass wir eine Vorverurteilung von Maestro Kuhn über das Internet für im höchsten Maße unfair halten und hoffe sehr, dass Sie diesen Standpunkt teilen.  Auch die letztlich von Ihnen kundgemachte Empörung über das Ausbleiben „notwendiger Konsequenzen“ aus einer „allseits bekannten Faktenlage“ kann ich daher nicht teilen. Worin bestehen Ihrer Meinung nach die notwendigen Konsequenzen? Seien Sie versichert, dass die TFE Konsequenzen ziehen werden, wenn sie gerechtfertig sind und zwar zeitgerecht und angemessen.

Mit vorzüglicher Hochachtung Hans Peter Haselsteiner

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