A fan of Serbia is seen during a public viewing event to watch the 2018 FIFA World Cup Russia Foto: picture alliance / AA

Ist Jubeln "unpatriotisch"?
Serbien und das WM-Finale

Serbiens WM-Träume endeten früh in der Vorrunde. Seitdem richtet sich das Augenmerk auf den Nachbarn und früheren Kriegsgegner Kroatien. Je weiter das rot-weiße-Team von Trainer Dalic kam, desto spürbarer wurde, dass Serbiens Staatsführung und Parteifreunde von Präsident Vucic das Jubeln für das kroatische Team als „unpatriotisch“ ansehen. Wie ist die Stimmung in Serbien, kurz vor dem Finale?

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„Ich werde für die Franzosen sein,“ sagt dieser junge Mann in Belgrads Innenstadt. Die Franzosen hätten das bessere Team und es verdient, den WM-Titel zu gewinnen. Für die Franzosen natürlich, gibt diese Frau auf die Frage zurück, für wen sie am Sonntagnachmittag sei. Und warum? „Brauchen Sie wirklich einen Grund?“ – Seit dem kroatischen Viertelfinalsieg gegen Russland ist die WM-Erfolgsgeschichte des ehemaligen Kriegsgegners d a s große innenpolitische Thema des Landes geworden. Warum? Unter anderem deshalb, weil Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vucic und viele seiner Anhänger sich über den Fußballreporter des serbischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender RTS geärgert hatten, der das Spiel kommentiert hatte. Der Fußball-Kommentator sei so „parteiisch“ gewesen, das er sein TV auf mute gestellt habe, sagte Vucic anschließend: „Was die Übertragung in RTS betrifft – das erste Mal, Kroatien spielte gegen jemanden, war die Übertragung gut und korrekt. Das zweite Mal war sie zu sehr parteiisch. Und seit dem mache ich den Ton aus.“

Das war zu viel des Jubels für den Staatspräsidenten. Und nachdem auch Abgeordnete und regierungstreue Zeitungen ihrem Ärger über den angeblich viel zu kroatisch-freundlichen TV-Kommentator Luft gemacht hatten, hörte sich die Übertragung des Halbfinales gegen England  schon ganz anders an, viel zurückhaltender.

Für Kroatien zu jubeln, sei für Serben unpatriotisch? Dieser junge Mann in Belgrads Innenstadt schüttelt nur den Kopf: Er gehöre der  jüngeren Generation an. Das sei ihm nicht wichtig. „Ich habe Freunde, sowohl Albaner als auch Kroaten. Alle Ehre den Kroaten, dass sie es ins Finale geschafft haben. Ehrlich gesagt, haben sie auch den WM-Titel verdient. Den Streit finde ich lächerlich. Wir sollten uns mit diesen Sachen aus der Vergangenheit nicht beschäftigen.“

 

Bierverkäufer beim Public Viewing am Nikola Pasic Platz Foto: BR | Stefanovic
Bierverkäufer beim Public Viewing am Nikola Pasic Platz Foto: BR | Stefanovic

In Belgrads Innenstadt, auf einem der Public Viewing Plätze, haben diese beiden  Bierverkäufer  durchweg gute Erfahrungen gemacht: Beim Spiel Russland-Kroatien seien auch viele kroatische Fans gekommen. Die Hälfte kroatische Fans, die andere russische. Einige hätten auch kroatische Trikots getragen und es habe keine Probleme. „Hier im Zentrum sicher nicht. Wo auch immer du bist, kannst du auf Idioten stoßen. Auch in Wien kann das passieren. Wenn du einen Idioten suchst, wirst du ihn sicher irgendwo finden.“

Blic Zeitung: Ist es serbisch für Kroaten zu sein? Foto: BR | Stefanovic
Blic Zeitung: Ist es serbisch für Kroaten zu sein? Foto: BR | Stefanovic

Die größte Boulevard-Zeitung des Landes, „Blic“, titelte am Freitag auf ihrer ersten Seite in fetten Lettern: „Gehört es sich, als Serbe für Kroaten zu sein?“ – Er hätte so viele kroatische Trikots verkaufen können, sagt ein Händler an seinem Stand, aber das hätte ihm nur Ärger eingebracht: „Es tut mir leid, wenn Jungs kommen und nach dem Trikot von Luka Modric fragen. Du kannst dieses Trikot nicht ausstellen und verkaufen, weil dann Idioten kommen würden, um dich zu attackieren. Jetzt, als die Kroaten spielten, wissen Sie, wie viele Menschen nach kroatischen Trikots gefragt haben? Wenn ich das machen würde,  würden sie mir nach zwei Tagen die Finanzinspektion schicken, um mich zu malträtieren.“

 

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