Davids Freunde und Familie begannen Ende März, jeden Abend Mahnwachen unter dem Motto „Gerechtigkeit für David“ abzuhalten. Und jeden Abend kamen mehr Menschen dazu. Inzwischen ist das gesamte Land erfasst. Bild: Screenshot Facebook PRAVDA ZA DAVIDA.

Todesfall in Bosnien und Herzegowina löst Protestwelle aus
Gerechtigkeit für David

Es ist eine Geschichte über einen tragischen Todesfall, einen trauenden Vater und ein Land, das kein Vertrauen in seine Institutionen zu haben scheint. Alles dreht sich um David Dragicevic. Der 21-jährige Student stirbt Ende März in Banja Luka unter ungeklärten Umständen, sein lebloser Körper wird in einem Fluss gefunden. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf. Das Ergebnis: Keine Hinweise auf ein Fremdverschulden. David habe Drogen genommen, sei in ein Privathaus eingebrochen und dann in den Fluss gestürzt und ertrunken. Davids Freunde und Familie, allen voran sein Vater Davor glauben das nicht. Sie stützen sich auf Ungereimtheiten in den Ermittlungen der Polizei. Sie werden nicht müde zu betonen, dass die Polizei Davids letzte Stunden nicht plausibel nachgezeichnet habe, außerdem seien bei Obduktionen Spuren massiver Gewaltanwendung gefunden worden. Deshalb sind sie fest davon überzeugt, dass David ermordet worden ist und die Täter von der Polizei gedeckt werden. Davids Vater Davor erklärt immer wieder:

David Dragicevic ist getötet worden. Das behaupte ich in voller Verantwortung. Sollen sie mich sofort verhaften und einsperren. Getötet von Angehörigen des Innenministeriums der Republika Srpska in Kumpanei mit der Staatsanwaltschaft.

Davor Dragicevic, Vater von David

Warum und unter welchen Umständen David wirklich starb, lässt sich zur Zeit nicht sicher sagen. Zu viele Theorien und Gegentheorien sind im Umlauf. Fakt ist: Sein Fall hat sich zu einer Protestbewegung entwickelt. Davids Freunde und Familie begannen Ende März, jeden Abend Mahnwachen unter dem Motto „Gerechtigkeit für David“ abzuhalten. Und jeden Abend kamen mehr Menschen dazu. Inzwischen ist das gesamte Land erfasst. Die Facebookgruppe „Gerechtigkeit für David“ hat über 180.000 Mitglieder und ist damit eine der größten Gruppen dieser Art in der Region. Die beliebte Band Dubioza Kolektiv hat einen Protestsong für David aufgenommen. Geschrieben hat ihn David selbst. Tenor des Refrains: „Ich werde es wahrscheinlich nicht weit bringen, denn ich bin nur ein kleiner Fisch.“

Eine Protestbewegung, die an den einbetonierten Grenzen zischen Bosniaken, Kroaten und Serben nicht stoppt, ist für Bosnien und Herzegowina etwas sehr ungewöhnliches. So hat sich Davor Dragicevic, ein Serbe, mittlerweile mit Muriz Memic zusammengetan, einem Bosniaken, dessen Sohn Dzenan vor zwei Jahren unter noch ungeklärten Umständen umgekommen ist. Vater Muniz beschuldigt die Behörden, Beweise vertuscht und bei den Ermittlungen geschlampt zu haben. Journalist und Blogger Slobodan Vaskovic, der im Fall David die Mordthese unterstützt, erklärt das so:

Die Solidarität hat alle Grenzen überwunden, die in Bosnien und Herzegowina existieren, weil die Menschen sind um ihre eigenen Kinder sorgen. Wir haben jetzt eine unglaubliche Situation: Der getötete David Dragicevic ist zum Kind von uns allen geworden, von allen Menschen in Bosnien und Herzegowina. Jeder kämpft dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Slobodan Vaskovic, Journalist und Blogger

Der öffentliche Druck war irgendwann so groß, dass sich der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik der Sache annehmen musste. Er besuchte die Familie Dragicevic und sorgte dafür, dass das Polizeiteam, dass für die Ermittlungen zuständig war, suspendiert wurde. Die Obduktionsergebnisse werden nun in Zagreb von unabhängigen Experten überprüft. Dodik spricht davon, dass der Fall inzwischen eine politische Dimension bekommen habe, und seine Aufklärung nicht auf Straßen und Plätzen, sondern in den Institutionen stattzufinden habe. Davor Dragicevic wurde auch vor dem Parlament der Republika Srpska angehört. Bei seiner Rede beschuldigte er den Innenminister Dragan Lukac, für die Ermordung seines Sohnes verantwortlich zu sein. Innenminister Lukac wies alle Vorwürfe scharf zurück, bezichtigte Davor Dragicevic der Lüge und verklagte ihn wegen Verleumdung. Inzwischen beschäftigt sich auch ein Untersuchungsausschuss des Parlaments in Banja Luka mit dem Fall David.

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