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FPÖ Politiker Johann Gudenus im Dezember 2017 im Nationalrat. Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com

Stichhaltige Gerüchte?!
Kommentar: Die FPÖ und das Soros-Oxymoron

„Dunkel war’s, der Mond schien helle, schneebedeckt die grüne Flur, als ein Wagen blitzeschnelle, langsam um die Ecke fuhr. Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft, als ein totgeschossner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief.“

Dichter Joachim Ringelnatz war ein Freund des Absurden und Paradoxen und hat der Welt dieses wunderbare Gedicht geschenkt. FPÖ Fraktionsvorsitzender Johann Gudenus ist ein Freund des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban und auch er scheint Gefallen zu finden an absurden rhetorischen Figuren.

Es gebe „stichhaltige Gerüchte“, wonach der in Ungarn geborene und jüdischstämmige US-Milliardär Soros daran beteiligt sei, „Migrantenströme nach Europa zu unterstützen“, sagte Gudenus in einem Zeitungsinterview. Ganz abgesehen davon, dass die Formulierung „stichhaltige Gerüchte“ genau so viel Sinn ergibt wie Ringelnatz‘ blitzschneller langsamer Wagen – sie gibt einen guten Einblick in die Argumentationsmuster im Fall Soros. Vorneweg: Es ist selbstverständlich legitim, den milliardenschweren Investor Soros und seine Geschäftspraktiken sachlich zu kritisieren. Doch um sachliche und belegbare Kritik geht es hier nicht.

Soros ist seit Jahren das Ziel von Verschwörungstheorien und das Lieblingsfeindbild rechtsnationaler Politiker und ihrer Anhänger. Das Copyright liegt beim ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Soros steuere die Masseneinwanderung in die EU mit dem Ziel, die christlichen Gesellschaften in Europa zu destabilisieren. Sein Einfluss sei derart weitreichend, dass praktisch alle Kritiker Orbans von ihm gesteuert würden –  Aktivisten, die sich für Flüchtlinge einsetzen, ungarische Oppositionspolitiker, der EuGH – alles Komplizen des so genannten „Soros-Plans“. Beweisen kann Orban diese Behauptungen nicht. Das hindert ihn aber nicht daran, diese Erzählung zum Stützpfeiler seines politischen Wirkens der vergangenen Jahre zu machen: Das kleine Ungarn sei im ständigen Freiheitskampf gegen eine mächtige – im Subtext jüdische –  Weltverschwörung und nur einer kann das Land aus dieser nationalen Bedrohungslage befreien: Viktor Orban. Das Rezept funktioniert: Orbans rechtsnationale Fidezs-Partei hat die Parlamentswahl Anfang April gewonnen und kann mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit regieren.

Beobachter warnen schon lange davor, dass Viktor Orbans Art politische Debatten zu führen zur Blaupause für Gleichgesinnte in ganz Europa werden könnte. Johann Gudenus liefert den Beweis, dass an dieser These etwas dran ist. Wenn „stichhaltige Gerüchte“ in Ungarn als Patentrezept für den politischen Machterhalt funktionieren, warum dann nicht auch anderswo?

Übrigens: Formulierungen wie stichhaltige Gerüchte, blonder Glatzkopf oder junger Greis heißen in der Sprachwissenschaft Oxymora. Und auch das Wort Oxymoron selbst ist ein Oxymoron. Wörtlich übersetzt bedeutet es scharfsinnig-dumm.

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