Letzte Ausgabe der Magyar Nemzet vom 12.04.2018. Foto: BR | Attila Poth

Ungarns Presselandschaft nach den Wahlen
´Sie können machen, was sie wollen´

Mit einer Art Todesanzeige versah die renommierte Tageszeitung „Magyar Nemzet“ am Mittwoch ihre letzte Ausgabe: Ein schwarzer Kasten, das Lebensalter – 80 sowie das Geburts- und Todesdatum: 25. August 1938 – 11. April 2018. „Aufgrund finanzieller Probleme“ habe er sich entschieden, „Magyar Nemzet“ sowie die dazu gehörige Online Version „mno.hu“ einzustellen, teilte Lajos Simicska in einer Erklärung mit. Der Urenkel des Gründers, Tibor Petöö, stellte die Einstellung der Zeitung in einen direkten Zusammenhang mit der erneuten, deutlichen Wiederwahl von Ministerpräsident Viktor Orban: Das Presseorgan sei aufgrund „eines Erdbebens“ zusammengebrochen. Die Stimmung in der Redaktion, die erst vor wenigen Tagen vom Ende ihrer Zeitung in Kenntnis gesetzt worden sei, sei bedrückt „wie nach einem Terroranschlag“, sagte der stellvertretende Chefredakteur Zsombor György. Staatliche Anzeigenkunden habe es nicht gegeben – private Unternehmen hätten Drohungen erhalten, falls sie Werbeanzeigen schalten sollten. Vor den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag hatte „Magyar Nemzet“ einige Recherche-Ergebnisse publiziert, in denen es um Korruptionsvorwürfe im Umkreis des Ministerpräsidenten ging. Ex-Vize-Chefredakteur Zsombor György:

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Mit dem Ende von „Magyar Nemzet“, einer der beiden nationalen unabhängigen Tageszeitungen, ist Ungarns arg ausgedünnte unabhängige Presselandschaft noch übersichtlicher geworden: Jetzt gibt es als einzige unabhängige, nationale Tageszeitung „Nepszava“, sowie das reichweitenstarke Online-Portal „Index“, das von Vertrauten von Lajos Simicska betrieben wird. Der einzige große unabhängige Fernsehsender ist RTL Klub –  im Besitz von Bertelsmann. Àgnes Urbán, Medienwissenschaftlerin an der Corvinus Universität Budapest, sieht nicht sehr optimistisch in die Zukunft:

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Auch der private Sender Lánchíd Rádió ist von Orban-Gegner und Eigentümer Simicska eingestellt worden. Um kurz vor Mitternacht am Dienstag versammelten sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sendestudio und zählten die letzten zehn Sekunden wie einen Countdown laut mit.

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Kommentare (2)

Iréne S. am

Und doch, es gibt ATV TV, ATV.hu (der meist gelesene), hvg.hu, 444.hu, Magyar Narancs, Mandiner, 24.hu, Heti Válasz, CEMP-csoport, pestisracok.hu, unzensierte Internet usw.
Die alte Medien Landschaft gibt leider nicht mehr die nur an Wahrheit fokussiert waren.
Einer der Hauptgründe für das Zeitungssterben ist der Rückgang der Werbeumsätze im Printbereich.
Medien leben nun von Leser und Werbeeinnahmen.
Deutschland gab es im Jahr 1992 noch 426 Tageszeitungen, es sind 2012 nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) nur noch 333 Tageszeitungen. Auch die verkaufte Auflage der Tageszeitungen ist seit Jahren rückläufig.
Ein Unternehmen (Google), das 1998 gegründet wurde, erwirtschaftet mehr Geld mit Werbung als eine Branche, die es schon seit über hundert Jahren gibt. Natürlich ist dieser Vergleich eines global agierenden Konzerns mit einem nationalen Markt weder fair noch wissenschaftlich, aber er zeigt doch exemplarisch, wie sehr Printwerbung in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat. Ungarn im Jahr 2017 stieg der Anteil der Global Player am digitalen Markt im Vergleich zu den heimischen Anbietern auf 53 Prozent.
Vor der ungarische Wahlen kam bei meiner Internet suche immer wieder ex Ministerpräsident Ferenc Gyurcsàny als Google Werbung. Er hat also auch nicht „Magyar Nemzet“ gewählt.
Wenn ich das Hamburger Abendblatt lese, finde ich in unregelmässigen Abständen Anzeigen der Bundesregierung zur Energiewende oder ähnliches. Ich glaube nicht, dass diese Anzeigen kostenlos sind. Wird hier nicht auch die Meinungsfreiheit der Zeitung beeinflusst?
Die OSZE meint also, dass in Ungarn ungleiche Bedingungen für die Bewerber herrschten. Warum sieht die OSZE diese ungleichen Bedingungen nur in Ungarn, aber nicht hier in Österreich?
Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Sendezeiten, die einem Hrn. Kern eingeräumt wurden und stelle dem die knappen Sendeminuten gegenüber, in denen dem Hrn. Kurz oder dem Hrn. Strache das Wort erteilt wurde. Ich erinnere weiteres an die generösen und steuergeldfinanzierten Inserate der SPÖ in diversen Gratisblättern, die dazu dienten, sich eine gewogene Berichterstattung zu erkaufen. Es gibt da noch tausende weitere Beispiele, etwa, dass die Verwendung des Wortes „konzentriert“ durch Hrn. Kickl (FPÖ) ein kräftiges Rauschen im Blätterwald verursachte, wohingegen die Äusserung Hundstorfers (SPÖ), dass man das „selektieren“ müsse, keine Aufregung verursachte.
All das sind Schieflagen, die haben die OSZE interessanterweise nicht gestört.
Was ich nicht ganz verstehe: Mir scheint, es wird mit unterschiedlichen Mass gemessen, wenn man etwa innerhalb der EU Spanien und Ungarn vergleicht. Was die Spanier an Gesetzen gegen Demonstrationen usw. eingeführt haben, übertrifft Ungarn bei weitem, ebenso das Verprügeln von Wählern, die Inhaftierung unliebsamer Abweichler der Katalanen und Korruptionsaffären dürfte Rajoy wohl mehr haben als Orban.
Trotzdem wird immer nur auf Orban eingeschlagen und die anderen sind fein raus. Woran liegt es??

Dodo am

Magyar Nemzet (und Lánchid Radio, ebenfalls zugesperrt) gehörte zum Medienimperium des Oligarch Lajos Simicska. Sehr interessant, dass die Zeitung justament nicht vor 8. April (Parlamentswahlen in Ungarn) sondern am 11.04. 2018 das Betrieb eingestellt hat; Für die Belegschaft – angeblich – vollkommen überraschend. Hr. Simicska – früher Orbán´s Busenfreund seit ein paar Jahren zu Orbán´s Intimfeind mutiert – hat mit seinen Medien die rechtsradikale Partei, JOBBIK unterstützt. Knapp vor der Wahlen präsentierte Magyar Nemzet noch eine abenteuerliche, „exklusive“ Geschichte mit einen „Zeugen“ der in der USA als „Geldkurier“ verhaftet wurde und aktuell sich in einem „Zeugenschutzprogramm“ befindet. Magyar Nemzet hat behauptet, dass der Mitarbeiter der Zeitung in der USA den Mann getroffen hat, dieser aber „nichts verraten wollte“ (also keine Beweise) weil er sich in den Zeugenschutz Programm befindet. (Ich frage nur, wie traf er dann den Journalisten?) Der Mann soll angeblich Teil einer – von Orbáns Vertrauensleuten steuerte – Operation gewesen zu sein. Er hat drei bis vier Milliarden Euro in bar und in Diamanten aus Ungarn ausgeführt und die Gelder auf arabische Bankkonten eingezahlt. In Wien hat er – in konspirativen Wohnungen – Geldkoffern „zwischengelagert“. Die Zeitung hat behauptet, dass diese Gelder aus EU-Förderungen stammen und die Regierung hat die Milliarden über die Ung. „Staatsbank“ MKB abgezweigt: Diese Bank hat die Fördergelder in bar ausgezahlt. Dass der „Kronzeuge“ in „Schutzprogramm“ von der Ung. Behörden seit 2014 wegen Betrug und Geldwäsche gesucht wird und der MKB erst seit 2014 in Eigentum des Ung. Staates ist ( seit 1994 gehörte MKB zu 94% Bayerische Landesbank – BayernLB . 2014 hat BLB die Aktien der MKB wieder an den Ung. Staat verkauft.) ist , kein Journalist oder Redakteur bei der Magyar Nemzet aufgefallen. (Abgesehen davon, dass Projekte, die mit EU-Gelder gefördert werden, niemals in bar bezahlt werden, sondern nach Projektplan und abgeschlossenen Tranchen, in Raten überwiesen werden.) Diese – und andere ähnliche – Geschichten haben nicht einmal links-liberale Wähler geglaubt; JOBBIK und Simicska haben dieses – einst niveauvolles Blatt – total zerstört. Nachdem die rechtsradikale JOBBIK die Orbán Regierung nicht stürzen konnte und für Simicska offensichtlich sein Rachefeldzug gegen Orbán zu teuer wurde, hat er den Geldhahn abgedreht. Jetzt schreien wieder die „solidarische“ Medien, dass es in Ungarn keine Pressefreiheit mehr gibt und Orbán hat es wieder getan: er hat eine Zeitung zugesperrt.
Ich frage nur: Was für ein Beitrag hätten Sie im ARD gebracht, wenn in Deutschland das Sprachrohr einer Partei, die vor ein paar Jahren mit paramilitärischen Schlägertruppen auf Romas jagte, offen antisemitisch, rassistisch und ultra-nationalistisch ist, zugesperrt wäre?

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