Umweltaktivisten schätzen, dass in 40.000 Haushalten in Sarajevo minderwertige Heizöfen lodern. Sie gelten als Hauptursache für die schlechte Luft in der Stadt. Foto: BR | Srdjan Govedarica

Luftverschmutzung in Sarajevo
„Wir müssen über die Luft reden“

Sarajevo hat ein Problem mit schlechter Luft. Im Winter trägt die Stadt oft tagelang einen graugelben Smogschleier, die Kessellage zwischen den Bergen Bjelasnica, Igman und Trebevic verschärft die Lage zusätzlich, weil die giftige Luft nicht abziehen kann. Auch in Sarajevo sind es Autoabgase, die zur schlechten Luft beitragen. Weil der öffentliche Nahverkehr schlecht ausgebaut ist, rollen fast 150.000 Autos täglich durch die Stadt. Nach offiziellen Statistiken sind mehr als 80 Prozent dieser Autos älter als zehn Jahre und damit nicht unbedingt schadstoffarm. Alleine das würde schon für eine problematische Feinstaubbeslastung ausreichen. Die wahren Übeltäter sind laut Umweltschützern aber minderwertige Heizöfen, die in vielen, vor allem armen Haushalten lodern und mit allem Möglichen und Unmöglichen befeuert werden. Das sagt Anes Podic, Koordinator des Vereins Eko-Akcija:

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In Sarajevo nutzen nach unseren Schätzungen etwa 40.000 Haushalte feste Brennstoffe, die in minderwertigen Heizöfen verbrannt werden. Die US-amerikanische Umweltagentur schätzt, dass ein solcher Ofen so viele Schadstoffe ausstößt wie fünf LKW. Stellen Sie sich also 200.000 LKW vor, die morgens angeworfen werden und bis spät abends laufen. Das ist höchstwahrscheinlich die Hauptursache für die Luftverschmutzung in Sarajevo." Foto: BR | Srdjan Govedarica
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Ein Blick auf die Feinstaubwerte zeigt das Ausmaß des Problems. In der Zeit vom 19. Bis zum 25. Februar haben Umweltaktivisten an vier Tagen Feinstaubwerte um die 100 Mikrogramm gemessen. Das ist doppelt so hoch, wie der von der EU definierte kritische Grenzwert und bei weitem nicht der in Sarajevo gemessene Spitzenwert. In anderen europäischen Großstädten würden bei diesen Werten Feinstauballarme greifen, Fahrverbote oder Schulschließungen wären die Folge. Nicht in Sarajevo – sagt Umweltaktivist Anes Podic:

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„Bei uns passiert leider gar nichts. Sarajevo hat zwar als einzige Stadt in Bosnien und Herzegowina einen definierten Feinstaubalarm. Der liegt aber bei 400 Mikrogramm – das ist fünf Mal mehr als in Paris. Das heißt – unsere Behörden kümmern sich fünf Mal so wenig. Irgendjemand wird sich die Statistiken angesehen haben und festgestellt haben – wenn wir den Wert bei 400 ansetzen, wird es kaum je oder nie Feinstaubalarm geben.“ Foto: BR | Eldina Jasarevic
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Edita Djapo ist Umweltministerin der Föderation Bosnien und Herzegowinas. Sie weist darauf hin, dass die Feinstaubbelastung außerhalb ihrer Zuständigkeit liege und bei den lokalen Behörden angesiedelt ist. Dennoch habe auch ihr Ministerium das Problem im Blick. Schnelle Erfolge seien aber nicht zu erwarten:

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„Um das Problem langfristig zu lösen, müssen wir den Menschen, die noch individuell heizen, ermöglichen, ans Erdgasnetz angeschlossen zu werden. Wir haben auch geprüft, wie sich aus dem Kraftwerk Kakanj Fernwärme nach Sarajevo bringen ließe. Man könnte also die Fernwärme mit Gas kombinieren – das würde die Luftverschmutzung verringern – aber das ist ein Projekt, das sicherlich fünf bis zehn Jahre dauern wird.“ Foto: BR | Eldina Jasarevic
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Bis dahin kümmern sich andere um das Thema. So hat der schwedische Botschafter in Sarajevo, Andres Hagelberg das Projekt „Lets Talk About Air“ gestartet, eine breit angelegte Kampagne, die auf das Problem aufmerksam machen und letztlich die Behörden dazu bewegen soll, nachhaltige Lösungen für das Problem zu finden. Botschafter Hagelberg ist vor gut einem Jahr nach Sarajevo gekommen – seitdem lässt ihn das Problem mit der Luftverschmutzung nicht los:

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„Ich hatte schon von der Situation gehört, aber es war ein ziemlicher Schock, das zu erleben. Im Winter gab es Zeiträume mit Werten bis zu 500, normal wäre 30, vielleicht 50. Und für mich war das deshalb schockierend, weil mir die gesundheitlichen Folgen völlig klar sind. Es ist eine Frage der Würde. Was ich hier im letzten Winter gesehen habe, ist eine Situation, mit der Menschen nicht konfrontiert werden sollten." Foto: BR | Srdjan Govedarica
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Die Zahlen sind tatsächlich allarmierend – die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass in Bosnien und Herzegowina 8000 Menschen im Jahr an den Folgen der schlechten Luft sterben – und das in einem Land mit der Einwohnerzahl Berlins. Bosnien und Herzegowina ist damit laut WHO weltweit auf Platz zwei – hinter Nordkorea. Auch die Heinrich Böll-Stiftung in Sarajevo engagiert für bessere Luft. Zusammen mit Umweltaktivisten hat die Stiftung eine Smartphone-App in Umlauf gebracht, die aktuelle Messwerte präsentiert und das Bewusstsein der Menschen für die Tragweite des Problems schärfen soll. Auch hier geht es aber letztlich darum, der Politik Beine zu machen, damit sie sich des Problems annimmt – sagt Marion Kraske, Direktorin des Büros der Stiftung ins Sarajevo.

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Marion Kraske, Direktorin des Büros der Heinrich Böll-Stiftung in Sarajevo. Foto: BR | Srdjan Govedarica
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Umweltaktivisten schätzen, dass in 40.000 Haushalten in Sarajevo minderwertige Heizöfen lodern. Sie gelten als Hauptursache für die schlechte Luft in der Stadt. Foto: BR | Srdjan Govedarica
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