Gertrude Pressburger 1947 (links) und heute. Foto: Gertrude Pressburger (links), Lukas Beck (rechts)

Gertrude Pressburger meistert ein Leben nach Auschwitz
Halt hoch den Kopf und werde nicht zum Knechte!

Gertrude Pressburger hat als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt. Die heute 90jährige Wienerin wird nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich 1938 mit ihrer Familie von dort vertrieben. Die jüdische Familie ist zwar zu praktizierenden Katholiken geworden und die Kinder sind getauft. Doch nach Nazi Lesart ist die Familie jüdisch. Zusammen mit ihren Eltern und den beiden kleinen Brüdern ist Gertrude Pressburger deswegen fast sechs Jahre auf der Flucht. Immer auf dem Sprung, immer in Angst vor Verrat. Als Flüchtlingskinder können Gertrude und ihre Brüder nur unregelmäßig die Schule besuchen, doch der Vater lehrt sie schreiben und rechnen.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
Gertrude Pressburger wird 1927 geboren. Sie erinnert sich an den Austrofaschismus, den Einmarsch der Deutschen in Österreich und die Vertreibung 1938 aus Wien. Auch an die fast sechs gehetzten Fluchtjahre durch Jugoslawien und Italien. Der Vater hält die Familie als Tischler gerade so über Wasser. Sie leben in Zagreb, Lubljana und einige Zeit in dem norditalienischen Ort Caprino. Foto: Lukas Beck
0:00 | 0:00

Der Vater ist gelernter Tischler und hält die Familie damit mehr schlecht als recht über Wasser, renoviert Kirchen oder repariert Heiligenfiguren. Die Mutter schrubbt Böden und auch Gertrude hilft mit. Ende 1943 leben die Pressburgers in Norditalien zwar unter dem Hitlerverbündeten Mussolini. Doch systematisch werden Juden erst nach dessen Sturz und dem Einmarsch der Deutschen dort deportiert. Und so kommt die Familie  Pressburger im Frühjahr 1944 ins deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Mutter und Gertrudes beide kleinen Brüder werden in der Gaskammer ermordet, wo ihr Vater ums Leben kommt, weiß sie nicht.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
Als Jugendliche überlebt Gertrude Pressburger Auschwitz-Birkenau und den Todesmarsch Richtung Westen. Sie wird nach Kriegsende von Schweden aufgenommen und kann sich zum ersten Mal seit langem wieder richtig waschen. Ihre ermordeten Eltern hatten immer großen Wert auf Sauberkeit gelegt und auch die Bildung ihrer drei Kinder war ihnen während der Fluchtjahre zwischen 1938 und 1944 wichtig. Foto: Lukas Beck
0:00 | 0:00

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
Ihre Erinnerung raubt ihr oft den Schlaf, erzählt Gertrude Pressburger. Dort lauern viele Szenen. Da ist die SS-Braut, die sich im schneeweißen Hochzeitskleid durch Auschwitz kutschieren lässt. Da ist die Gefangene, die die Gaskammer überlebt und dann völlig zerstört und geradezu entrückt im Lager umher geistert. Wo und wie ihr Vater starb, weiß Gertrude Pressburger nicht. Ihre Mutter und die zwei kleinen Brüder erstickten in der Gaskammer in Auschwitz-Birkenau. Foto: Lukas Beck
0:00 | 0:00

Nach Kriegsende landet Gertrude Pressburger in Schweden. Sie übersteht eine Tuberkulose, erholt sich körperlich und findet Arbeit in einer Handtaschenfabrik. Und sie entwickelt den unerschütterlichen Willen, weiter zu leben.

Halt hoch den Kopf und werde nicht zum Knechte.

Eintrag von Gertrude Pressburgers Vater in ihrem Stammbuch

Diesen Satz hat ihr der Vater ins Stammbuch geschrieben und Gertrude Pressburger ist wild entschlossen, ihm gerecht zu werden. Einfach ist das nicht. Gertrude Pressburger hat nicht nur ihre Familie verloren, sondern steht auch ohne Dokumente da und ist völlig mittellos. Ihr zustehende Entschädigung wird sie später nur ein oder zweimal in Österreich beantragen, in Deutschland fragt sie danach nicht.

In Stockholm lernt sie den späteren SPÖ Bundeskanzler Bruno Kreisky kennen, der eine Exilorganisation für Österreicher leitet und ihr zur Seite steht. Sie kehrt nach Wien zurück, doch Überlebende wie sie sind dort nicht willkommen. Österreich ist zwar von den Alliierten befreit worden, doch noch voller NS-Täter und Mitläufer, die Rassismus und Antisemitismus mehr oder weniger ungestört weiter ausleben können.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
Niemand habe ihr in Schweden so geholfen wie Kreisky, sagt Gertrude Pressburger im Rückblick. Trotz aller Schwierigkeiten kehrt sie nach Wien zurück. Jahrzehnte später ist Kreisky Kanzler und sie spricht ihn auf einer Veranstaltung in Wien an. Seine Reaktion: „Ja Gertie, Mädel, wie geht’s dir denn?!“ Sie darf sich telefonisch immer zu ihm durchstellen lassen verspricht er ihr. Doch sie will es alleine schaffen und tut das auch. Foto: Lukas Beck
0:00 | 0:00

Erst mit der Affäre um die Nazivergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim beginnt in Österreich Mitte der 1980er Jahre die Aufarbeitung der NS-Zeit. Auch Gertrude Pressburger ist bei den Demonstrationen gegen Kurt Waldheim dabei. Ihrer Tochter Christine erzählt sie alles, öffentlich redet sie über ihre Erlebnisse aber nicht.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
Mit ihrer Tochter redet Gertrude Pressburger schon relativ früh über ihre Flucht, die Ermordung ihrer Eltern und der beiden kleinen Brüder oder über Auschwitz. Doch im privaten Umfeld bleibt sie zurückhaltend, etwa in der Familie ihres Mannes. Trotzdem lässt sie sich nichts gefallen, denn bei der Arbeit oder auch in der eigenen Wohnung, wird sie mit der NS Vergangenheit konfrontiert. Auch der Nazinachbar in der Wohnung über ihr fällt negativ auf. Foto: Lukas Beck
0:00 | 0:00

„Ein Geruch, ein Gespräch, eine Szene, all das kann eine Erinnerung an früher auslösen.“

Gertrude Pressburger

2016 wird die Holocaustüberlebende dann schlagartig bekannt. Denn im polarisierenden Bundespräsidentenwahlkampf bezieht die heute 90Jährige in einem Wahlvideo klar Position: Für den Ex-Grünen Chef Alexander Van der Bellen, gegen den FPÖ-Rechtspopulisten Norbert Hofer. Das Video wird 3,8 Millionen Mal angeklickt und die selbstbewusste alte Dame schreibt als „Frau Gertrude“ Wahlkampfgeschichte.

 

In dem Buch „Gelebt, erlebt, überlebt“ hat die Journalistin Marlene Groihofer nun die Geschichte von Gertrude Pressburger aufgeschrieben. Das Gesprächsbuch erscheint am 29.01.2018 im Wiener Zsolnay Verlag und wird am 30. Januar von Bundespräsident Van der Bellen präsentiert.

An die alten schwarz-weiß Fotos ihrer Familie kam Gertrude Pressburger wie durch ein Wunder.

Als die Familie Pressburger von Norditalien aus nach Auschwitz deportiert wird, muss sie viele Dinge in dem kleinen Ort Caprino zurücklassen, in dem sie mehr als zwei Jahre gelebt hatten. Nach dem Krieg wird Gertrude Pressburger informiert, dass sie diese Sachen abholen könne, aber sie lehnt ab, da sie kein Geld für eine solche Reise hat. Die Fotos landen im Müll, wo sie jemand fand, der die Familie kannte und so blieben die Fotos erhalten.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
"In meinem Alter habe ich eine so junge Freundin gefunden“, freut sich Gertrude Pressburger über den Kontakt mit der 1989 geborenen Marlene Groihofer. Der jungen Journalistin hat die 90Jährige ihre Lebensgeschichte für das Buch "Gelebt, Erlebt, Überlebt" erzählt. Auch Kinder und Jugendliche kann man für die Vergangenheit interessieren, ist Gertrude Pressburger überzeugt. Es käme nur darauf an wie, sagt sie. Foto: Lukas Beck
0:00 | 0:00

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
Trotzdem macht sich Gertrude Pressburger Sorgen. Nicht um sich, sondern über ihre Tochter oder ihren Schwiegersohn. Über die politische Lage hält sie sich weiter auf dem Laufenden, doch ob sie und andere Überlebende mit ihren Warnungen nachhaltig gehört werden, das weiß sie nicht. Wie sich die Erinnerungskultur in Österreich und die Einstellung gegenüber den österreichischen Verstrickungen in die NS Zeit ohne persönliche Erinnerungen entwickelt? Foto: Lukas Beck
0:00 | 0:00
Was Sie noch interessieren könnte

Kommentare (1)

Elisabeth Groihofer-Steidl am

Danke für diesen so sorgfältig und respektvoll gestalteten Beitrag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.