Ausschnitt der Probe zu

„Heimwärts“ von Ibrahim Amir
Wo beginnt, wo endet österreichische Identität?

In „Heimwärts“  ist ein unheilbar kranker Syrer nach Jahrzehnten in Wien auf dem Weg in seine Heimatstadt Aleppo. Der Todgeweihte wird von seinem Neffen Chaled  begleitet. Die beiden werden von einer geschlechtsumgewandelten Krankenschwester und deren Freund begleitet. In der Transitzone an der türkischen Grenze stirbt der Onkel und nun gilt es, den Leichnam weiter nach Syrien zu bringen, was sich zu einer scheinbar unüberwindlichen bürokratischen Angelegenheit auswächst.

Österreichpremiere am 5.1.2018 im Volx/Margareten in Wien

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt: Roland Buzzi

Der Familie von Ibrahim Amir ist diese absurd anmutende Geschichte wirklich passiert, und das hat den Schriftsteller auch dazu gebracht, über folgende Fragen nachzudenken:  Was ist Heimat? Was ist Identität?  Anregungen finden sich in Ibrahim Amirs vielschichtigem, auch witzigen Stück, in dem türkisch, deutsch oder bosnisch-kroatisch-serbisch gesprochen wird. Für ihn sei Heimat nicht mehr an einen Ort gebunden, sagt Ibrahim Amir, sondern könne eine Erinnerung, Kunst oder auch eine Leidenschaft sein. Gelassen und offen auf den Punkt. So wirkt der Autor, als er im Wiener Theater Volx/Margareten sitzt, wo gerade eine Premierenprobe zu Ende ist. Die neue schwarz blaue Regierung in Österreich sei eine negative Veränderung, findet er. Amir ist gespannt, wie die Debatte über österreichische Identität verlaufen wird, die die Rechtspopulisten der FPÖ, aber auch ÖVP Politiker angekündigt haben. Wo beginnt und wo endet denn eine österreichische Identität? fragt Ibrahim Amir. Als Intellektueller mit Einwanderungsgeschichte bestimmt er die Diskussion hierzulande mit. Anders als viele andere Geflüchtete, die – oft traumatisiert – erst einmal Zeit brauchen würden, so Amirs Erfahrung mit Freunden, Bekannten oder in der Familie. Sein Stück „Heimwärts“ endet vor der Beerdigung des verstorbenen Onkels. Im wahren Leben wurde dessen Leichnam über die Grenze  nach Syrien geschmuggelt und dort begraben.

Der Arzt und Autor Ibrahim Amir:

Der 35-jährige kurdische Syrer ist in Aleppo geboren. 2002 flieht er als Student der Theaterwissenschaften nach Österreich. Der Grund: Gemeinsam mit anderen hat er an die kurdischen Opfer des Giftgasangriffs der irakischen Luftwaffe auf Halabdscha erinnert. In Österreich schließt Ibrahim Amir ein Medizinstudium ab und beginnt zu schreiben. Schon für sein erstes Stück „Habe die Ehre“ bekommt er den renommierten Nestroypreis. Seine bitterböse Flüchtlingskomödie „Homohalal“ spielt im Jahr 2037. Das Wiener Volkstheater setzt „Homohalal“  2016 ab und das Stück wird dann in Dresden uraufgeführt. Die Wiener Verantwortlichen haben damals Angst, rechte Ressentiments zu bedienen. Amir zeigt Verständnis, meint aber heute, er wolle sich die Themen nicht von Rechtspopulisten vorschreiben lassen, sondern ohne Angst alles diskutieren. 2009 fährt Ibrahim Amir zum bisher letzten Mal selbst heimwärts, nach Aleppo, wo er noch Familie hat. Unter anderem seine Eltern, die im Nordwesten der Stadt im kurdischen Verwaltungsgebiet leben. Bisher konnte er sich nicht überzeugen, nach Österreich zu kommen. Sie hätten Angst vor einer Entwurzelung, meint er. Ibrahim Amir schreibt auf Deutsch und hat die  österreichische Staatsbürgerschaft. Wenn er über Österreicher spricht, dann sagt er oft auch „wir“.

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