Auf diesen Plakaten in Capljina, der Heimatstadt von Slobodan Praljak, wird der verurteilte Kriegsverbrecher als Held verherrlicht. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Recherchen in der bosnisch-herzegowinischen Heimat des Kriegsverbrechers Slobodan Praljak
„Lager gehören zum Krieg nun mal dazu“

Am 29.11. 2017 nimmt sich der bosnische Kroate und verurteilte Kriegsverbrecher Slobodan Praljak in seiner Berufungsverhandlung vor dem Jugoslawientribunal in Den Haag mit Zyankali das Leben. Das hat auch Praljaks Heimat ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, die Herzegowina. Praljak ist in Capljina geboren,  einer Kleinstadt rund 30 Kilometer südlich von Mostar. Wir sind dorthin gefahren, um mehr über die Stimmung und die Einstellung der Menschen dort zu erfahren.

 

Diese Männerrunde sitzt in einem Cafe in Capljina. Sie laden uns zu einem Kaffee ein und sind sehr freundlich. Vom nahe gelegenen Lager „Dretelj“ hätten alle in der Gegend gewusst, doch im Krieg hätten solche Lager nun mal dazugehört. Hätte man Muslime nicht eingesperrt, hätten sie die Kroaten angegriffen, sagen die Männer. Betrieben wurde das Lager Dretelj von der bosnisch kroatischen Armee (HVO), die bis 1993 mit den muslimischen Bosniern (Bosniaken) verbündet war und sich dann gegen diese wandte. Schätzungsweise 2000 Menschen – Serben und Bosniaken – wurden dort gefoltert, ausgehungert und Opfer massiver sexualisierter Gewalt. Im Ort Dretelj sind heute viele davon überzeugt, dass Slobodan Praljak sich das Leben nahm, um auf die Ungerechtigkeit des Gerichts in Den Haag hinzuweisen. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Diese Männerrunde sitzt in einem Cafe in Capljina. Sie laden uns zu einem Kaffee ein und sind sehr freundlich. Vom nahe gelegenen Lager „Dretelj“ hätten alle in der Gegend gewusst, doch im Krieg hätten solche Lager nun mal dazugehört. Hätte man Muslime nicht eingesperrt, hätten sie die Kroaten angegriffen, sagen die Männer. Betrieben wurde das Lager Dretelj von der bosnisch kroatischen Armee (HVO), die bis 1993 mit den muslimischen Bosniern (Bosniaken) verbündet war und sich dann gegen diese wandte. Schätzungsweise 2000 Menschen – Serben und Bosniaken – wurden dort gefoltert, ausgehungert und Opfer massiver sexualisierter Gewalt. Im Ort Dretelj sind heute viele davon überzeugt, dass Slobodan Praljak sich das Leben nahm, um auf die Ungerechtigkeit des Gerichts in Den Haag hinzuweisen. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Slobodan Praljak war Kommandeur der bosnisch-kroatischen Armee und gemeinsam mit fünf weiteren bosnischen Kroaten wurde er unter anderem für Kriegsverbrechen in der Herzegowina verurteilt. Wir sprechen mit Menschen, die Kriegsverbrechen, wie Folter und Lager, überlebt haben. Fahren aber auch nach Capljina, wo Praljak von der Mehrheit der bosnischen Kroaten dort nach wie vor glühend als Held verehrt wird. Die bosnisch- kroatische Armee HVO  kämpfte bis Mitte 1993 gemeinsam mit den muslimischen Bosniern, dann wurden aus Verbündeten Gegner. In Folge riefen die bosnischen Kroaten 1993 auf dem Gebiet der Herzegowina den Staat „Herceg-Bosna“ aus, der den Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina noch weiter schwächte.

So wurden auch Zentralbosnien und die Herzegowina zum Schauplatz sogenannter „ethnischer Säuberungen“ durch die Armee der bosnischen Kroaten. Das waren Kriegsverbrechen, für die unter anderem Slobodan Praljak vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu 20 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Tausende muslimische , aber auch serbische Bosnier, wurden in Lager verschleppt. Sie mussten Zwangsarbeit leisten und Männer wie Frauen wurden oft Opfer von sexualisierter Gewalt.

 

 

Über das Gefangenenlager zu sprechen ist tabu

ARD Korrespondentin Andrea Beer auf dem Gelände auf dem das ehemalige Lager „Heliodrom“ liegt (nicht im Bild zu sehen). Nach kurzer Zeit kamen insgesamt drei Männer, die ihre Arbeit nicht erlauben wollten. Andrea Beer und Eldina Jasarevic wurden fotografiert und angesprochen, dass es „hier nichts zu sehen gäbe“. Sie wendeten den Einschüchterungsversuch ab und machten mit einem der verblüfften Männer statt dessen ein Selfie.

Bei unserer Recherche in der Herzegowina, treffen wir auch einige Menschen, die frühere Gefangenenlager wie das „Heliodrom“ bei Mostar oder „Dretelj“ bei Capljina als eine „Notwendigkeit des Krieges“ betrachten. Kroaten hätten sich verteidigen müssen, hören wir oft. Darüber hinaus herrscht gegenüber (muslimischen) Bosniaken häufig eine grundsätzlich negative Einstellung. Wer offen Kritik daran übt, bekommt das auch zu spüren.

Die kroatische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Stefica Galic riskiert immer wieder ihr Leben. Die 53-jährige trifft sich mit uns zum Abendessen im muslimisch bewohnten Teils von Mostar und zeigt und am nächsten Tag des „Heliodrom“.

Das ehemalige Lager "Heliodrom"

Die kroatische Menschenrechtsaktivistin Stefica Galic zeigt, wo die Hallen des ehemaligen Lagers Heliodrom in Mostar lagen, das von der bosnisch-kroatischen Armee HVO betrieben wurde. Kommandeur der Armee war Slobodan Praljak.

Damit gehört sie zu den wenigen Kroaten in der Stadt, die offen darüber reden. Sie setzt sich – unter anderem in ihrem Internetportal „ tacno.net“ – für eine offene Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit ein. Die zweifache Großmutter liebt ihre Enkel, doch die Familie ist auch ihr wunder Punkt. Denn nicht nur Stefica Galic wird bedroht, auf offener Straße angegriffen und regelmäßig als „Hure“ und „Verräterin“ beschimpft. Auch ihre Familie ist durch ihren Mut in Gefahr. „Slobodan Praljak und die anderen haben wir im Krieg vor Ort gesehen“ erzählt sie. Die laufende Debatte überrascht sie nicht, denn Männer wie Praljak genießen in der Gegend einen guten Ruf und viele kannten  ihn persönlich.

Kroatischer Premier unterstützt die Kroaten in Mostar

ARD Mitarbeiterin in Bosnien – Herzegowina Eldina Jasarevic in Mostar. An dieser Stelle hat der kroatische Premier Andrej Plenkovic  ( HDZ-Partei)  einen Kranz für bosnisch-kroatische Veteranen abgelegt. Nach dem Suizid von Slobodan Praljak kritisierte Plenkovic das Urteil in Den Haag, weil es den damaligen kroatischen Staat unter der Führung von Franjo Tudjman (HDZ-Partei) für die Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina mitverantwortlich macht. Diese Kritik wiederholte Plenkovic bei seinem Besuch in Mostar nicht.

Mirzo Cemalovic, 69, engagiert sich beim Verband ehemaliger Gefangener in Mostar. Er hätte sich gewünscht, das sich der kroatische Regierungschef Andrej Plenkovic bei seinem Besuch in Mostar nicht nur bosnisch-kroatische Veteranen ehrt, sondern sich auch mit ehemaligen Gefangenen bosnisch-kroatischer Lager getroffen hätte. Zwischen Mai 1993 und März 1994 war der pensionierte Jurist Cemalovic in sieben solchen Lagern inhaftiert Unter anderem im „Heliodrom“ bei Mostar und in dem besonders berüchtigten Lager „Dretelj“ bei Capljina. Er fordert Entschädigung und soziale Sicherheit für ehemalige Lagerinsassen. Viele Überlebende hätten nicht einmal eine Krankenversicherung. Slobodan Praljak kannte er persönlich und , dass dieser von Kroaten in der Herzegowina und Kroatien bis heute als Held verehrt wird, wundert Mirzo Cemalovic nicht. Es gibt ein großes Netzwerk von damaligen Tätern in der Gegend und dass die Opfer ihnen im Alltag begegnen müssen, ist keine Seltenheit.

Ehemalige Lagerinsassen

Mirzo Cemalovic von Verband ehemaliger Gefangener und Emir Balic, die Brückenspringerlegende von Mostar im Cafe Aldi in Mostar.  Die beiden haben sich zufällig getroffen und waren zusammen im bosnisch-kroatischen Lager „Heliodrom“ inhaftiert.  An diesem Morgen sitzen noch zwei weitere Männer im Cafe Aldi, die im „Heliodrom“ eingesperrt waren. Ein Thema, das in der Gegend immer präsent, aber gleichzeitig ein Tabu ist. Der Suizid von Slobodan Praljak hat dem kroatischen Nationalismus in Teilen Mostars und der Herzegowina wieder neue Nahrung gegeben. Kritiker finden es schade, dass nun vor allem über den Kriegsverbrecher Slobodan Praljak geredet wird, die Opfer der Gewalt aber wie so oft vergessen würden.

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