Die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic über das Jugoslawientribunal in Den Haag
Wahrheit eines Weltgerichts

Die kroatische Autorin Slavenka Drakulic saß viele Monate als Prozessbeobachterin in den steril wirkenden Gerichtsräumen in Den Haag. Unter anderem verfolgte sie dort die Verhandlung gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Wie wurden Menschen im ehemaligen Jugoslawien zu Tätern? Darüber hat die 68-jährige Autorin anschauliche Reportagen und Bücher geschrieben, in denen sie auch die Gesellschaften gnadenlos seziert.

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Das ICTY habe auch Fehler gemacht, betont Slavenka Drakulic, etwa zu umfassende Anklagen und entsprechend lange Prozesse. Doch an der archivierten Wahrheit zigtausender Dokumente käme nun niemand mehr vorbei. Nach dem Ende des Tribunals gehen die Prozesse gegen mutmassliche (Kriegs-) verbrecher in den Nachfolgeländern Jugoslawiens weiter; in Bosnien-Herzegowina, Serbien oder Kroatien, Drakulics Heimatland. Dort wurden bereits Prozesse gegen Angehörige der kroatischen Armee geführt, unter anderem gegen den Ex-General Mirko Norac. Dieser Fall wurde vom Jugoslawientribunal (ICTY) nach Kroatien abgetreten.

Slobodan Praljak trinkt im Gerichtssaal in Den Haag eine noch unbekannte Flüssigkeit, bricht zusammen und stirbt später im Krankenhaus. Foto: picture alliance | AA
Slobodan Praljak trinkt im Gerichtssaal in Den Haag eine noch unbekannte Flüssigkeit, bricht zusammen und stirbt später im Krankenhaus. Foto: picture alliance | AA

In Den Haag sorgte im letzten Prozess der Suizid des früheren bosnisch-kroatischen Ex-Generals und Militärchefs der bosnisch kroatischen Armee Slobodan Praljak für Aufregung. Diese hat in den Hintergrund gedrängt, dass die Urteile gegen Praljak und weitere fünf ehemals militärisch hochrangige bosnischen Kroaten durch das  Tribunal  in der Berufungsverhandlung bestätigt wurden. Praljak und die anderen fünf gehörten laut ICTY damals einer kriminellen Vereinigung an, die sogenannte „ethnische Säuberungen“ zum Ziel gehabt hätten. Das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag hat in dem Urteil auch die Mitschuld der damaligen kroatischen Staatsführung unter Präsident Franjo Tudjman an den Kriegsverbrechen festgestellt. Die Armee der bosnischen Kroaten – der sogenannte kroatische Verteidigungsrat HVO – verwüstet 1992 und 93 vor allem die Herzegowina und Zentralbosnien. Auch die berühmte steinerne Bogenbrücke von Mostar wurde dabei zerstört und Slobodan Praljak soll das angeordnet haben. Nach dem Urteil des ICTY wollen bosniakische Gefangenenverbände nun den kroatischen Staat auf Entschädigung verklagen.

Täter und Opfer würden einander oft begegnen, sagt Slavenka Drakulic. Die Prozesse in ihrer Heimat liefen sehr langsam, es gäbe Probleme, an Unterlagen zu kommen und Menschen hätten zudem Angst, als Zeugen auszusagen. Was ihre Heimat Kroatien – oder auch Serbien – angeht, glaubt die 68 jährige Slavenka Drakulic  grundsätzlich nicht, dass noch viele Prozesse folgen werden. Sie konstatiert bei den politischen Eliten in Zagreb oder Belgrad eine unheilvolle Mischung aus Nationalismus und Propaganda, die keine Versöhnung im Blick habe.

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