Der künstlerische Leiter des Budapester Operettentheaters Miklos Gabor Kerenyi wurde wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs fristlos entlassen. Foto: dpa

"Ich bin über 60, wir sind so sozialisiert"
Sexuelle Gewalt in Ungarn

Der künstlerische Leiter des Budapester Operettentheaters Miklos Gabor Kerenyi ist fristlos entlassen worden, weil er Schauspieler und Tänzer missbraucht haben soll. Die Vorwürfe, die gegen Kerenyi erhoben werden sind haarsträubend: Er soll seine Angestellten bei geringen Vergehen zu sich ins Büro zitiert haben, dort mussten sich ihre Kleidung ablegen und bekamen Schläge auf den nackten Hintern.

„Ich war 18 Jahre alt, als es passierte“ – sagt Schauspieler Akos Maros  – „Es war surreal. Damals dachte ich nicht, dass es sexuelle Belästigung oder Missbrauch sein könnte. Ich bin heterosexuell und habe an andere Möglichkeiten nicht gedacht.“ Miklos Gabor Kerenyi verteidigte sich im Gespräch mit dem ungarischen Fernsehen so: „Ich wollte niemandem wehtun. Ich muss hinzufügen: Ich bin schon über 60, wir sind so sozialisiert. Wenn wir einen Schlag auf den Po von Lehrern, Trainern oder von Unteroffizieren in der Armee bekommen haben, war das nichts besonders.“

Das ist schon der zweite Fall dieser Art in der ungarischen Kulturszene: Im Oktober hatte Laszlo Marton, Regisseur und Oberspielleiter des Budapester Lustspieltheaters, alle Funktionen niedergelegt, nachdem ihm mehrere Schauspielerinnen sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. Eine von Ihnen ist Lilla Sarosdi: „Ich möchte keine Rache. Ich möchte meine Branche nicht bloßstellen. Ich bin stolz auf meinen Beruf. Aber es gibt sehr viele Schauspielerinnen mit ähnlichen Geschichten, dunklen Geheimnissen, die sie nicht erzählen, weil sie Angst haben. Und solche Beispiele gibt es nicht nur in der Film- und Theaterbranche, sondern überall.“ Das bestätigt auch die Soziologin Aniko Gregor: „Die Behörden werden deutlich weniger Fälle kennen, als es in Wirklichkeit gibt. Laut Studien haben in Ungarn neun Prozent der Frauen, die älter sind als 15 Jahre, sexuelle Gewalt erlebt. Das sind 100.000-120.000 Frauen. Die Polizei ermittelt nach eigenen Angaben aber nur in 300-400 Fällen.“

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Der ungarische Regisseur Miklos-Gabor Kerenyi alias KERO am 06.08.2013 in Budapest im Budapester Operettentheater. Nach seiner fristlosen Kündigung bekam er ein Engagement in St. Petersburg. Foto: dpa
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Kommentare (1)

Iréne S. am

Lieber Herr Srdjan Govedarica

Ich möchte diese Angelegenheit nicht kleinreden. Jeder Fall ist einer zu viel.
Aber sich nur auf Ungarn zu beschränken finde ich zu wenig,
Mich würde noch interessieren:
Das EU-Parlament – ein rechtsfreier Raum?? das sich sonst als Hüterin der Menschenrechte, ausgibt und auf andere mit dem Finger zeigt, und dort soll es auch erst wieder so zu gehen wie in leider vielen andere Arbeitsstätten. Eine Betroffene nannte das EU-Parlament in der „Sunday Times“ gar eine „Brutstätte der sexuellen Belästigung“. Es wurde Niemand entlassen….
Sozialdemokraten, Linke und Grüne haben mit dem Vorschlag für eine Beschwerdestelle nur für Fälle sexueller Belästigung bislang aber keinen Erfolg.
Laut Studie Agentur der Europäischen Union für Grundrechte: „Gewalt gegen Frauen“ eine EU-weite Erhebung. (EU28)
Etwa 12 % der Frauen geben an, dass sie eine Form des sexuellen Missbrauchs oder Übergriffs durch eine/n Erwachsene/n vor dem 15. Lebensjahr erlebt haben, was ungefähr 21 Millionen Frauen in der EU entspricht.“
Der Weinstein-Affäre, die zu einer Bewusstseinsschärfung und Solidarisierungswelle führte und viele Frauen ermutigte, den sicher nicht leichten Schritt an die Öffentlichkeit zu wagen.
Nun, besser vor der eigenen Tür kehren.

Liebe Grüsse Iréne

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