In Österreichs Tageszeitungen ist die Bundestagswahl das Titelthema Nr. 1. Foto: BR | Jan Heier

Nach der Bundestagswahl
Pressestimmen aus Südosteuropa

Österreich

„Muttiseelenallein“, titelt die Wiener Gratiszeitung „Heute“ nach der Wahl in Deutschland.  „Nr.1 mit Beule“ schreibt der „Kurier“ auf seiner Titelseite und meint damit die deutsche Kanzlerin. Angela Merkel stehe jetzt vor der „schwierigen Reise nach Jamaica“. Die Partner einer solch bunten Koalition hätten auch auf den zweiten Blick wenig Gemeinsamkeiten, kommentiert Helmut Brandstätter. Der Einzug der AfD in den Bundestag habe eine Schock-Stimmung erzeugt. Denn „Nazi-Vokabular“ habe es dort bisher nicht gegeben. „Die AfD will den Grundkonsens der Bundesrepublik zerstören“, meint Brandstätter. „ Aber gerade der war die Grundlage für Anerkennung in der Welt und in der Folge für die Wirtschaftserfolge des Landes“.

Die konservative Wiener Tageszeitung „Die Presse“ findet, Angela Merkel sei „zur Jamaika-Koalition verdammt“, eine leichte Übung werde „der Regierungs-Reggae“ aber nicht, ist sich Kommentator Christian Ultsch sicher. Denn die beiden „Backgroundsänger“ seien sich nicht grün. Aber angesichts des Vampireffekts in der Großen Koalition sei Merkel nun zu „einem Aufbruch zu neuen Ufern verdammt“. Den Aufstieg der AfD kommentiert das konservative Blatt so: „Der Rechtspopulismus hält nun auch in Europas letzter Bastion der Mäßigung Einzug“. Für Deutschland bedeute das „einen Kulturbruch“. Und in Moskau gebe es jemand, der sich darüber freut.

Der liberale „Standard“ kommentiert:  „Weiter so“ sei nicht mehr möglich. Merkel müsse sich nun um Frustrierte und Arme im reichen Deutschland kümmern. Merkel habe zu spät reagiert, kommentiert Autorin Birgit Baumann. „Jetzt hat Merkel die Quittung bekommen und Franz-Josef Strauß rotiert selig im Grab“. Von den Sprüchen der AfD-Vertreter („ausmisten“, „Schluss mit dem Schuldkult“) werde „einem übel“, meint Baumann. Man dürfe nicht vergessen: „Das alles passiert in jenem Land, von dem der Naziterror einst ausging“. Wer jetzt noch glaube, so weiter machen zu können, wie bisher, dem sei nicht zu helfen. Die Frustrierten und Ängstlichen müssten wieder eine Perspektive bekommen, meint Baumann: „Und zwar in einer Art und Weise, dass man sich nicht dauerhaft an die AfD gewöhnen muss“ und sie bei der nächsten Wahl wieder aus dem Bundestag fliege.

Österreichs Boulevard-Blätter sehen den Grund für die Wahlschlappe der großen Koalition in Deutschland in Angela Merkels Flüchtlingspolitik: „Rechte Ohrfeige für Merkel“ titelt „Österreich“ und spricht von einem „Wahlbeben in Deutschland“. Kommentatorin Isabelle Daniel sucht Bezüge zur kommenden Nationalratswahl und meint, Österreichs Umfragen-König Sebastian Kurz müsse sich durchaus Sorgen machen. Schließlich sei auch sein Pendant in Deutschland, CSU-Chef Seehofer, mit seinem strammen Rechtskurs abgestraft worden. Die Sozialdemokraten müssten erst recht zittern nach der schallenden Ohrfeige der Wähler für die deutschen Sozis. Die Rechtspopulisten von der FPÖ wiederum könnten Rückenwind verspüren, meint sie. Denn auch in Österreich seien die Menschen der Großen Koalition überdrüssig.

Die auflagenstarke Kronen-Zeitung zeigt ein Foto einer enttäuscht blickenden Kanzlerin, neben der Überschrift: „Merkel: Quittung für die Asylpolitik“. Sie habe einen „grottenschlechten Wahlkampf geführt“, urteilt das Boulevardblatt. Und sie habe die „rechte Flanke“ nicht geschlossen. So habe sie für die „Wiederauferstehung der FDP“ gesorgt und der AfD den Einbruch ins CDU-Lager ermöglicht. Fazit der Krone: „Das wäre einem Franz-Josef Strauß nicht passiert“.

Albanien / Rumänien / Kroatien

Laut der albanischen Tageszeitung Tema war die Wahl „Ein Wendepunkt in der deutschen Politik. Die Nationalisten sind nun im Bundestag.“ Die albanische Nachrichtenagentur „ata“ schreibt davon, dass der Sieg Merkels vom Einzug der Nationalisten in den Bundestag getrübt wird und ergänzt: „Deutschland: Die Rechtsnationalisten brechen ein Tabu mit ihrem historischen Vormarsch.“ In Rumänien klingen die Pressestimmen ähnlich. “Das SCHLECHTESTE Ergebnis seit 70 Jahren für Merkels Christdemokraten, der NATIONALISMUS in spektakulärem Aufwind,“ schreibt Evenimentul zilei. Das Portal Gandul unterstreicht ebenfalls den Einzug der AfD in den Bundestag unter dem Titel: „Angela Merkels Partei gewinnt die Wahlen in Deutschland. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ziehen die Rechtsextremen ins Parlament ein.“ „Die Flexibilität Angela Merkels in Sachen Einwanderung hat  zur steigenden Popularität der rechtsextremen Alternative für Deutschland geführt“, behauptet Gândul. Die Zeitung sieht Merkel  als geeingnete Partnerin Macrons für eine „Vertiefung der Integration der EU und eine Konsolidierung der Eurozone.“ Merkel schließe auch die Schaffung eines EU-Ministerpostens für Finanzen nicht aus, meint Gândul optimistisch. Auch in kroatischen Medien sind die Wahlen das Top-Thema. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen HTV sprach davon, dass der Erfolg der AfD ein politisches Erdbeben verursacht habe. Überrascht zeigte man sich von der raschen Aussage Martin Schulz`, dass es keine große Koalition mehr geben würde und die SPD in die Opposition gehen werde. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt HRT schreibt auf ihrer Website: „Deutschland: Proteste wegen des Einzugs der extremen Rechten ins Parlament.“ Weiter wird ausgeführt, dass Minderheiten in Deutschland nun die Angst umtreibt, es könnte für sie schlechter und gefährlicher werden in Deutschland. Trotzdem wird noch hervorgehoben, dass die Politik und die Öffentlichkeit in Deutschland stark genug sind, um eine Partei (oder Bewegung) wie die AfD auszuhalten.

Ungarn / Kosovo / Serbien

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Mit Spannung haben die Spitzenkandidaten der österreichischen Parteien auf die Wahl geblickt. Gerade der rechtspopulistischen FPÖ könnte dre Erfolg der AfD einen weiteren Aufschwung bringen. [v.l.n.r. Peter Pilz (Liste Pilz), HC Strache (FPÖ), Sebastian Kurz (Liste Kurz), Christian Kern (SPÖ), Ulrike Lunacek (Grüne), Matthias Strolz (NEOS) ]. Foto: dpa-Bildfunk | Herbert Pfarrhofer
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