Neues Anlaufziel für Bootsflüchtlinge aus dem Nahen Osten: die rumänische Schwarzmeerküste. Foto: BR | Michael Mandlik

Schmelztiegel der Schicksale
Gestrandet im rumänischen Galati

Mit den Spannungen zwischen der EU und der Türkei vermuten wir, dass diese Flüchtlingsroute wieder aktiviert wird. Bootsflüchtlinge von der Türkei zu uns nach Constanta hat es früher nämlich auch schon gegeben.

Flüchtlingshelfer Cosmin Barzan von der rumänischen Flüchtlingshilfsorganisation CRC.

Die Rumänische Küstenwache hat im letzten Monat 480 Flüchtlinge im Schwarzen Meer aufgegriffen, die Türkische Küstenwache um die 700. Im Verhältnis zum Mittelmeer ist die Schwarzmeerroute damit sehr viel weniger befahren, aber das könnte sich schnell ändern.

Von wo genau die Boote in der Türkei für ihre Fahrt über das Schwarze Meer ablegen ist nicht klar. Aber von Istanbul aus sind es nur knapp 360 Kilometer, durch internationales Gewässer bis an die Rumänische Küste. Greifen die Rumänischen Behörden die Flüchtlinge auf ihrer Fahrt auf, kommen sie in Flüchtlingsunterkünfte und können Asyl beantragen. Die meisten der Ankommenden wollen aber weiter nach Westeuropa. Im armen Rumänien sehen sie kaum Chancen für sich.

Auf die mögliche neue Flüchtlingsroute über das Schwarze Meer durch ihr Land reagieren die Rumänen bisher gelassen. Offizielle Stellungnahmen seitens der Politik gibt es nicht und auch die Medien berichten wenig über die Neuankömmlinge.

Flüchtlingsaufnahmezentrum Galati

Nahezu alle im Flüchtlingsaufnahmezentrum im nordrumänischen Galati teilen das gleiche Schicksal: sie sind mit einem Boot von der Türkei aus über das Schwarze Meer gekommen und waren an der rumänischen Küste gelandet. Jetzt sind sie hier und erst einmal in Sicherheit. Auch wenn Rumänien ein armes Land ist, bekommen sie in den sauber und ordentlich wirkenden Unterkünften des Aufnahmezentrums, was sie zum Weiterleben brauchen. Nicht wenige haben hier in Galati sogar ihren Asylstatus als Flüchtlinge bestätigt bekommen. Dennoch wollen die meisten, die wir befragen können, weiter –weiter nach Deutschland.

 

Autorin / Schnitt: Tamara Link

Kamera: Daniel Dzyak

In die Irre geführt

Dass die meisten während ihrer Flucht zu Spielbällen der inzwischen international bestens organisierten Schleppermafia geworden sind, wird offensichtlich. „Sie sagten mir ‚Wir bringen Dich nach Italien‘“ erzählt ein Iraker, der für sich und seine Familienangehörigen über 1000 Dollar pro Person  für die knapp zweitägige Überfahrt gezahlt hat. „…dann aber war ich in Rumänien“.  Ähnlich in die Irre geführt wurden auch viele andere, die sich nach einigen Wochen Aufenthalt in der Türkei sozusagen blindlings in die Hände von Schleppern begeben hatten. Auffallend ist auch, dass sich neben den Flüchtlingen aus dem Irak, Syrien und Afghanistan inzwischen auch Menschen aus dem Iran und Indien befinden. Sie waren nicht über das Schwarze Meer, sondern via Zypern nach Rumänien eingereist.

 

Sie haben uns betrogen. Sie haben gesagt wir fahren nach Italien, stattdessen sind wir in Rumänien gelandet.  Wir waren 13 Stunden im Boot. Das Boot war nicht gut und alt trotzdem haben wir für fünf Leute 6500 Dollar gezahlt.

Der Iraker Rebwar Ali Rassul lebt mit seiner Familie in einer Flüchtlingsunterkunft in Rumänien. Er ist mit dem Boot von der Türkei aus über das Schwarze Meer gekommen.

„Germany help all people“

Eine indische Frau spricht von brutalen Misshandlungen durch ihren Ehemann und dessen Familie, weil ihr Vater die vereinbarte Mitgift nicht bezahlte. Zwei jung Verheiratete wiederum erzählen, sie hätten in Indien vor ihrer eigenen Verwandtschaft fliehen müssen, weil sie ohne deren Einwilligung geheiratet hätten. Beide wollen, so schnell es geht, nach Deutschland weiter. „Germany help all people“, sagt der Ehemann und breitet die Arme auseinander.

Fast schon eine Ausnahme ist da die syrische Mutter, die mit ihren Kindern in Rumänien bleiben will. „Hier besteht keine Gefahr für uns, hier können wir in Frieden leben und sie behandeln uns gut “, sagt sie. Ihr Asylgesuch wurde von den rumänischen Behörden bereits anerkannt. Nun hofft sie, dass ihr in Syrien verbliebener Mann bald nach Rumänien nachziehen kann.

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Evakuierung eines havarierten Flüchtlingsbootes (im Hafen von Midia). Foto: rumänische Grenzpolizei
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