Statt einer Mauer, sollen in Zukunft Poller das Regierungsviertel in Wien vor möglichen Terroranschlägen schützen. BR | Michael Mandlik

Satire, aber wahr
Die Mauer in Zeiten des Wahlkampfs

Schade eigentlich. Das Projekt wäre durchaus geeignet gewesen, die Öffentlichkeit über einen noch viel längeren Zeitraum hin leidenschaftlich bis kontrovers zu beschäftigen. Beweis: obwohl noch gar nicht bzw. jetzt nicht mehr errichtet – Aufmerksamkeit hat es schon zur Genüge.

Über die Sinnhaftigkeit kann man sich hingegen streiten. Tut man auch längst ebenso wie über die Frage, wer für das Planungsschlamassel eigentlich verantwortlich ist.  Das Bundeskanzleramt nicht, das Innenministerium nicht und die Stadt Wien schon gar nicht – sagen sie. Schwierig. Besonders in Wahlkampfzeiten.

Ausgangspunkt war die Überlegung, das Bundeskanzleramt wie auch den Präsidentschaftssitz mit einer 80 Zentimeter hohen und insgesamt 40 Meter langen Schutzmauer – unterbrochen durch sogenannte Poller – vor mobilen terroristischen Attacken abzuschirmen.

Das war im Jahr 2014, als entschieden wurde, dass Österreich im 2.Halbjahr 2018 die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen würde. Danach wurde ein Bauauftrag vom Bundeskanzleramt erteilt. Ab da allerdings scheint sich alles im Wiener Bürokratie- und Zuständigkeitsdschungel zu verlieren.

 

Die Albträume des Christian Kern

Wahrscheinlich hätte man sich wesentlich weniger bis gar nicht aufgeregt, wenn der Baubeginn nicht punktgenau in die Hochzeit des aktuellen österreichischen Wahlkampfes gefallen wäre. Da liegen die Nerven bei allen definitiv blank – besonders bei Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ). Obwohl noch unter seinem Amtsvorgänger bestellt wollte Kern mit diesem Projekt ganz sicher nicht als der „Mauerbauer“ in die Geschichte eingehen. Die entsprechenden Albträume müssen für ihn, der in den aktuellen Wahl-Umfragewerten nicht wirklich vorne liegt, furchtbar gewesen sein. Zunächst erschien ihm regelmäßig ein tattriger Poltergeist in Gestalt Walter Ulbrichts. Danach sein Wahlkonkurrent Heinz-Christian Strache von der FPÖ, der sich bei der Abschlusskundgebung seiner Partei vor der Mauer aufbaut und mit großer Geste und sonorer Stimme „Ick bin ein Wiena!“ in die Menge ruft. Und dann noch ein Sebastian Kurz, wie er am Tag seines Wahlsiegs triumphierend auf eben dieser Mauer steht und im Glitterkostüm live und umjubelt „I‘ve been looking for freedom“ in die Welt trällert!

„Nein, nein, nein!“ brüllt Kern schweißgebadet in seinen Albtraum hinein „Alles abblasen! Notbremse ziehen!“

Und so geschah es dann auch. Die „Wiener Mauer“ wird es nicht geben, vor allem nicht als Wahlkampfbühne. HC Strache muss sich einen neuen Gag für seine Abschlusskundgebung ausdenken und Sebastian Kurz verbleibt erkennungstechnisch im Türkis – ohne Glitter. Und Poltergeist Walter Ulbricht hat sich seit dem Baustopp in Christian Kerns Träumen nie wieder blicken lassen.

Video: Michael Mandlik

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