Vor der Leichenhalle des Krankenhauses von Pazardzik, riecht es nach Verwesung. Foto: BR | Andrea Beer

Endstation Leichenhalle
Wenn Flüchtlinge unterwegs sterben - Ein Beispiel aus Bulgarien

Früher hat der Staat armen Familien mit den Kosten geholfen, aber jetzt ist das ein Problem. Für zwei der Leichen die aus Pazardzik nach Hause überführt wurden, haben die Familien Geld über unser Außenministerium geschickt. Aber in letzter Zeit sind es ziemlich viele Tote geworden. Afghanen sterben ja nicht nur in Bulgarien. Ein Rücktransport kostet zwischen 3000 und 3500 Euro. Das sind Kosten, die sich der afghanische Staat nicht leisten kann.

Ahmad Sidiq Dlir, Leiter der afghanischen Botschaft in Sofia

Anfang Juni 2017 sterben in Bulgarien neun Menschen auf der Flucht bei einem Autounfall, denn der Schlepper-LKW in dem sie sitzen rast auf einen Baum.  Das Unglück passiert auf der Autobahn nahe der bulgarischen Kleinstadt Pazardzik, rund 100 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Sofia. Am Steuer des Unfallwagens sitzt ein 16-jähriger Bulgare ohne Führerschein. Auch er kommt bei dem Unfall ums Leben. Die neun toten Flüchtlinge stammen aus Afghanistan und Pakistan und waren mit acht weiteren Flüchtlingen in dem Kleinlaster unterwegs. Die acht Überlebenden werden teils schwer verletzt in die Notaufnahme der Krankenhauses in Pazardzik gebracht. Auch die Toten kommen dorthin, sie werden obduziert und warten dann in der  Leichenhalle des Krankenhauses auf ihre letzte Reise. Keiner der Toten hat Papiere bei sich, was es schwierig macht, sie zu identifizieren. Involviert sind die zuständige pakistanische und afghanische Botschaft, das bulgarische Innenministerium,  Polizei und Staatsanwaltschaft. Sie führen Gespräche mit den Überlebenden, schicken Fotos oder DNA – Proben der Toten in die mutmaßlichen Heimatländer, um die Angehörigen zu benachrichtigen. Das ist nicht immer leicht, da Menschen in der Regel keinen Kontakt mit den Botschaften der Länder suchen, aus denen ihre Familienmitglieder fliehen mussten oder wollten. Gibt der Staatsanwalt die Leichen frei, können diese in ihre Heimat zurückgebracht werden und ein Bestattungsinstitut wickelt die Formalitäten ab. Doch so eine Rückführung kostet zwischen 3000 und 3500 Euro und nicht alle haben dieses Geld. Auch die Identifizierung gelingt nicht immer. In Burgas an der Schwarzmeerküste liegen seit rund zwei Jahren zwei Tote, von denen nach wie vor nicht klar ist, wer sie sind.

Der Unfall ist ja hier in der Nähe auf der Autobahn passiert und sie haben uns zehn Leichen gebracht. Einen Bulgaren und neun nicht identifizierte Ausländer. Sie sahen schlimm aus und waren sofort tot.

Wasil Wltschew, Chefarzt der Klinik in Pazardzik.

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Der Ausgang aus der Leichenhalle. Zu diesem Zeitpunkt liegen noch zwei afghanische Unfallopfer. Ihre Rückführung nach Afghanistan wickelt ein bulgarisches Bestattungsinstitut im Auftrag der afghanischen Botschaft ab. Foto: BR | Andrea Beer
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Das hat unser Budget sehr belastet. Alles zusammen hat umgerechnet zwischen 20.000 und 25.000 Euro gekostet. Zwei Leichen liegen noch hier, zwei Afghanen.

Wasil Wltschew, Chefarzt der Klinik in Pazardzik

Wir stellen so einen Unfall immer in einem größeren Zusammenhang. Also, warum sind Menschen überhaupt gezwungen solche Bedingungen zu akzeptieren? Wir wollen, dass Menschen leichter in ordentliche Asylverfahren kommen können.

Mathjis le Rutte, Leiter des bulgarischen UNHCR in Sofia
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