Fähre über die Körös bei Szarvas. Foto: BR | Stephan Ozsváth

Horthy-Kult im Ausflugs-Boot
Die Reportage, die nicht im Radio kam….

Istvan Demeter löste die Leinen. Der Ungar startete mit seinem kleinen Ausflugsschiff im Arboretum von Szarvas, einem kleinen Städtchen im Osten Ungarns die Tour. Es war heiß. An Bord waren viele ungarische Familien. Auch ich bestieg mit meiner Frau und meinen drei Töchtern das Schiff. „Jetzt fahren wir zur Mitte Ungarns“, sagte der Kapitän in sein Mikrofon und los ging die Tour auf der Körös.

Mitte Ungarns ? Wir waren 90 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. Entweder hatte der Mann in Geographie nicht aufgepasst, oder es ging um etwas anderes. Wenig später staunten wir nicht nur über die Schildkröten am Ufer, sondern auch über das Trianon-Denkmal, eine Stele am Ufer. „Hier ist die Mitte Ungarns“, erklärte Istvan Demeter und geleitete das Schiff weiter über die Körös. Die Fahrt dauerte vielleicht eine Stunde und je länger die Tour dauerte, desto mehr ärgerte ich mich, kein Aufnahmegerät dabei zu haben. Schließlich hatte ich ja Urlaub. Normalerweise habe ich immer ein Aufnahmegerät und eine Kamera dabei. Allzeit bereit. Nur jetzt nicht.

Ich konnte also Istvan Demeters Ausführungen über die angeblichen Vorzüge des Horthy-Regimes nicht aufzeichnen und an meine Hörer weiter geben. Schade. Denn es wurde noch richtig interessant. Wie ein Quizmaster fragte der Kapitän seine Passagiere ab: „Welcher Admiral demütigte die Alliierten?“ „Horthy“, brüllte der Chor der Ungarn in die Hitze. Volle Punktzahl. Und während wir langsam über die Körös schipperten, zog Istvan Demeter einen Plastikbeutel aus der Tasche. „In Budapest sind die teurer“, pries er seine Ware an: Schlüsselanhänger mit Groß-Ungarn-Landkarte, für wenige Forint das Stück. Und ich hatte weder Kamera noch Aufnahmegerät dabei.

Was für eine Reportage wäre das gewesen! Ein Stück Alltagsgeschichte aus Ungarn, die in wenigen Skizzen erklärt, wie ein ganzes Land nach rechts abdriftet. Horthy-Kult im Ausflugsboot. Hätte ich diese O-Töne gehabt! Es hilft nichts. Ich kann die Geschichte  im trimedialen Zeitalter weder mit echten Fotos bebildern, noch mit Tönen, nur mit Worten. Ganz altmodisch.

Ich habe in den letzten fünf Jahren andere Geschichten erzählt über Ungarn. Viele erzählen von einem Land im Herzen der EU, das dramatisch nach rechtsaußen abdriftet. Ganz bewusst orchestriert von Viktor Orban. Mittlerweile spricht er von „ethnischer Homogenität“, nährt Überfremdungsängste in einem Land, in dem gerade mal ein paar Hundert Flüchtlinge leben. Kürzlich hat er den ehemaligen Reichsverweser und Inspirator der ersten Judengesetze in Ungarn als „außergewöhnlichen Staatsmann“ gepriesen. Es gibt Horthy-Statuen im Land, Ortsschilder in Szekler-Runen-Schrift.

Von all dem will ich auch weiter erzählen. In Reportagen. Aber auch in meinem Buch „Pusztapopulismus“, das protokolliert, wie der „Bürger“ und die „Republik“ in Ungarn verschwindet und ersetzt wird durch „das Volk“ und die „Nation“,  Orban an das kollektive Gedächtnis appelliert und sein EU-Land zum christlichen Bollwerk gegen eine muselmanische Völkerwanderung stilisiert. Er schreckt nicht einmal mehr vor dem Sündenbock des „lachenden Juden“ zurück. Es gibt noch viel zu erzählen aus dem Land der Magyaren. Stoff für mehr als fünf Jahre ARD-Korrespondent.

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