2015 würdigte der Präsident der Republika Srpska Milorad Dodik zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica die Opfer und sprach erstmals von einem 'riesigen Verbrechen'. Doch weiterhin weigert er sich gegen diese Darstellung in den Schulbüchern. Foto: picture-alliance | AA

Serbische Schulkinder in der „Republika Srpska“ sollen weiterhin nichts über den Völkermord erfahren
Milorad Dodik für Schulbücher ohne Srebrenica

Der Friedensvertrag von Dayton hat den Krieg in Bosnien-Herzegowina beendet und dem Land gleichzeitig eine äußerst komplizierte gesamtstaatliche Struktur verpasst. Denn Bosnien-Herzegowina hat nicht nur eine Gesamtregierung in Sarajevo, sondern besteht darüber hinaus aus zwei weiteren Landesteilen: das sind die kroatisch-muslimische Föderation und die „Republika Srpska“, der serbisch dominierte Landesteil.

Unter dem Schlagwort „Zwei Schulen unter einem Dach“ werden Schülerinnen und Schüler in Bosnien-Herzegowina getrennt voneinander unterrichtet, auch in der „Republika Srpska“. So lernen die rund 7.000 Kinder mit bosnisch muslimischem Hintergrund die in der „Republika Srpska“ zur Schule gehen, auch mit Büchern aus dem anderen Landesteil, der Föderation. Es gab zwar mehrere Anläufe, auch der Internationalen Gemeinschaft, dies abzuschaffen, doch bis heute gibt es unterschiedliche Lehrer und Lehrpläne. Wie die blutigen Zerfallskriege dargestellt werden, ist ein Dauerstreit, der sich vor allem an „Srebrencia“ entzündet, zumal die frühere UNO-Schutzzone auf dem Gebiet der heutigen „Republika Srpska“ liegt. Am 11. Juli 2017 wird in und um Srebrenica wieder der Opfer gedacht und 70 Menschen beigesetzt.

Kada Hotic Familie wurde in Srebrenica ermordet. Foto: BR | Karin Straka
Kada Hotic Familie wurde in Srebrenica ermordet. Foto: BR | Karin Straka

Wir hatten nur zwei Beinknochen von ihm. Er hatte keinen Rücken, keinen Kopf, keinen Rumpf. Mein Sohn war 29, ein erwachsener Mann, aber das ist mein Kind. Er hieß Samir.

Kada Hotic konnte ihren Sohn erst vor fünf Jahren beerdigen. Außer ihm verlor sie ihren Ehemann, zwei Brüder und ihren Schwager durch das Massaker von Srebrenica. In ihrem weiteren Familienkreis wurden noch über fünfzig weitere ihrer Angehörigen ermordet. Sie ist die Mitbegründerin der Organisation 'Mütter von Srebrenica'.

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien stufte das Massaker dort als Völkermord ein. Doch die serbisch-bosnischen Schüler sollen im Geschichtsunterricht möglichst nichts über die 8400 Opfer von Srebrenica oder die Belagerung von Sarajewo durch bosnisch-serbische Truppen und Paramilitärs erfahren. Stattdessen soll zum Beispiel der Völkermord an den Serben durch das faschistisch-kroatische Ustascha Regime im Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt rücken. Diesen Vorschlag hat Bildungsminister Dane Malesevic gemacht und er wird dabei unter anderem von Milorad Dodik unterstützt. Der Präsident der „Republika Srpska“, der immer wieder mit einem Referendum über den Gesamtstaat droht. Seine serbische Teilrepublik widersetze sich dem Versuch, Schüler zu täuschen, indem ihnen beigebracht werde, die Serben hätten einen Völkermord begangen, so Dodik. Experten halten Aussagen wie diese, vor allem für ein Ablenkungsmanöver von der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage der Republika Srpska und mahnen dringend eine Reform des Bildungssystems an.

Wir kämpfen für unsere bosnische Sprache und Reformen im Bildungssystem in der Serbischen Teilrepubilk, wo ja auch muslimisch bosnisch Kinder unterrichtet werden, aber alles ohne Erfolg. Die Politiker, die uns vertreten erreichen nichts.

Muhizin Omerovic engagiert sich in der Bürgervereinigung muslimisch-bosnischer Eltern. Rund 7.000 Kinder dieses Hintergrunds gehen im serbischen Landesteil zur Schule.

Serbien zweifelt Opferzahlen an

Wie und was lernen Schüler über die blutigen Zerfallskriege Jugoslawien und den Völkermord in Srebrenica? Das ist auch im benachbarten Serbien ein Thema. So hat der Belgrader „Fond für humanitäres Recht“ einer Studie drei serbische Schulbücher genauer untersucht. Ein Ergebnis: In den letzten sieben Jahren ist in Serbien der Zugang zu diesem Thema zwar gemäßigter geworden.  Doch was das Bild der eigenen Nation angeht, überwiegt nach wie vor ein ethnozentrischer Standpunkt, unter dem Motto „Alle anderen Völker sind gegen uns“. Was Srebrenica angeht, wird die Zahl der Opfer bewußt angezweifelt und paralell die Zahl toten serbischen Zivilisten und Soldaten bei den Kämpfen 1995 in der Drina Region hervorgehoben. Außerdem wird behauptet, internationale Gerichte wiesen dem heutigen Serbien keine Mitschuld an dem Völkermord zu, was nicht stimmt. Zudem stammen einige Zahlen in den Schulbüchern von einem Mitglied des Verteidigerteams von Slobodan Milosevic vor dem Jugoslawientribunal in  Den Haag!  Auffallend ist laut Experten auch, dass die Ursachen, die zu den Zerfallskriegen Anfang der 90er Jahre geführt haben, sich wortwörtlich mit den Erklärungen von damals decken. So würden zum Beispiel, die Hauptursachen im sozialistischen Jugoslawien und den Unabhängigkeitsbestrebungen  von Kroatien oder Bosnien-Herzegowina gesucht und nicht im serbischen Kriegsnationalismus unter Slobodan Milosevic. Interessant ist auch: Ein Abschnitt in aktuellen Geschichtsbüchern über den Völkermord in Srebrenica ist für die achte und die zwölfte (Abschluss-) Klasse genau gleich. Abgesehen von den genannten kritischen Punkten und der irreführenden Darstellung  müsste eine Schulpädagogik auf Alter und Wissenstand der jeweiligen Schüler eingehen.

Es braucht Geschichtsbücher, die auf historischen Fakten beruhen und nicht auf nationalistischer Propaganda.

Marion Kraske von der Heinrich Böll Stiftung in Sarajevo findet eine Bildungsreform im ganzen Land für dringend notwendig. Solange Schülerinnen und Schüler entlang ethnischer Linien lernen, hält sie eine Versöhnung für schwierig.

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Das Gräberfeld in Potocari - ein Mahnmal für den Genozid in Srebrenica. Foto: BR | Karin Straka
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Kommentare (4)

Don Lido am

Die schlimmsten Patrioten sind die, die irgendwo im Ausland leben!
Dodi te u Bosnu, pa zivi te u njoj,!!!

Darko Lazic am

Schade das sich das ARD Südosteuropateam nicht die Mühe gemacht hat über die serbischen Opfer rund um Srebrenica zu berichten. (…) Erst wenn alle zu ihren Taten stehen wird ein Miteinander in Bosnien möglich sein. Aber dafür ist es zu spät. Die Teilung des Landes ist unaufhaltsam. Leider. Bosnien ist eine Art Minijugoslawien. Das funktioniert nicht. Alle drei Völker haben eigene Vorstellungen. Und man kann ein Land nicht mit Druck der Internationalen Gemeinschaft zusammen halten. Ich hoffe sowas ereignet sich nie wieder wie in Srebrenica oder anderswo. Es ist sinnlos. Aber nur mit dem Finger auf die Serben zu zeigen wird die Situation nicht verbessern. [Der Kommentar wurde aufgrund der Kommentarrichtlinien von der Redaktion gekürzt]

Arijana Biscevic am

Danke für diesen Artikel. Es ist so traurig, was in Bosnien-Herzegowina und in Srebrenica 1992-1995 passiert ist. Der Völkermord war sozusagen der tragische Höhepunkt eines sinnlosen und zerstörerischen Krieges, und das mitten in Europa. Die Verantwortung für den Völkermord tragen aber nicht nur die serbischen Aggressoren, die ihn monatelang vorher vorbereitet haben, sondern auch die internationale Gemeinschaft, alle Mitglieder der Vereinten Nationen, die es zugelassen haben, dass die UNO-„Schutzzone“ Srebrenica in die Hände der serbischen Aggressoren und Massenmörder rund um Ratko Mladic fällt. Zuvor wurden die bosniakischen Zivilisten entwaffnet und waren ihren Schlächtern hilflos ausgeliefert. Meine Worte mögen vielleicht zu hart erscheinen, aber die Realität in Srebrenica 1992-1995 war viel härter, als es Worte jemals beschreiben könnten. Und es ist schrecklich, dass es keinerlei Vergangenheitsbewältigung in der kleineren bosnischen Entität „Republika Srpska“ und im benachbarten Serbien gibt. Stattdessen stellt die serbische Politik die Serben selbst als (einzige) Opfer dar.

    Darko Lazic am

    Das die Serben sich nur als Opfer darstellen ist lächerlich. Wenn ihr Muslime auch mal anfängt eure Verbrechen an Serben, Kroaten aber auch an eigenen Landsleuten die es gab, erst dann können wir darüber reden gemeiname Schulbücher einzuführen. Aber ich habe von Ihnen nur Vorwürfe gegen die Serben gehört. Wieso hat der Krieg angefangen in Bosnien? Erzählen sie mir ihre Sicht der Dinge.

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