Seine Musiker-Skulpturen würde Boris Deheljan in Zukunft am liebsten irgendwo in der Welt sehen, einem Museum, einer Privatkollektion oder vielleicht in Rock- oder Jazzclubs - unter ihresgleichen. Foto: Jelena Petrovic

Jimi Hendrix, Iggy Pop und Miles Davis
 „Art Brut“  aus der Belgrader Vorstadt

Vor genau 40 Jahren ließ Jimi Hendrix bei seinem Auftritt auf dem „Monterey Pop Festival“ seine Gitarre in Flammen aufgehen und wurde damit zur Legende. Wie Hendrix fanden auch viele andere Ikonen dieser Zeit in den darauffolgenden Jahren viel zu früh den Tod. Doch ihre zeitlose Kreativität inspiriert die Menschen bis heute.

Auch für Boris Deheljan, den 36-jährigen Belgrader, gibt es seit den frühen Teenagerjahren nur eine Art von Musik, die ihn fasziniert: Rock und Jimi Hendrix, den Meister aller Meister für ihn. Vor drei Jahren beschloss er, dem Musiker mit einer Statue in Lebensgröße zu ehren. Aber auf seine eigene Art und Weise, so wie er es am besten kann: Die Rocklegende besteht aus über 4.000 Muttern, Schrauben, 80 Meter Eisenstangen, verschiedenen Stahlprofilen, Metallteilen und 40 Kilogramm Schweißdraht – Sie ist 1,80 Meter groß und hat 200 Kilo „Lebendgewicht“.

 

Imaginäre Köpfe als Lampen - „Überbleibsel“ seiner 2. Ausstellung, an denen er in diesen Tagen wieder werkelt. Sein Talent wurde bereits von der Film- und Theaterbranche erkannt, wo er bereits an einigen Projekten als Szenograf gearbeitet hat. Foto: BR | Dejan Stefanovic
Imaginäre Köpfe als Lampen - „Überbleibsel“ seiner 2. Ausstellung, an denen er in diesen Tagen wieder werkelt. Sein Talent wurde bereits von der Film- und Theaterbranche erkannt, wo er bereits an einigen Projekten als Szenograf gearbeitet hat. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Wir sitzen im Hof des 120 Jahre alten, großelterlichen Langhauses. Dieser zur Werkstatt umgebaute Teil des Hauses ist Boris‘  Spielwiese und Bühne zugleich, in der der eiserne Hendrix wiedergeboren wurde. „Mechanik, Autos, Motorräder interessierten mich schon immer. Ich werkelte immer an meinem eigenen und den Mopeds meiner Freunde rum, später dann an den Autos. Während andere Kinder in der Pause Sandwichs und Süßigkeiten kauften, gab ich mein Geld auf dem Flohmarkt für Werkzeug aus. Als junger Kerl fuhr ich auch Motorradrennen, mit eigenem Team. Aus Geldmangel musste ich es dann aber leider aufgeben. Das ganze Leben verbrachte ich in Garagen und Werkstätten“, erklärt der gelernte Maschinentechniker seinen Hang zur Technik.

 

Boris Deheljan ist vom Verhältnis des serbischen Staates gegenüber talentierten Künstlern enttäuscht. Er wäre sogar bereit, eines seiner künftigen Werke zu verschenken, damit es keine Ausreden gebe, wie er sagt. Dem bekannten Belgrader Museum für zeitgenössische Kunst z.B., das nach 10-jähriger Rekonstruktion noch in diesem Jahr wieder eröffnet werden soll. Foto: BR | Dejan Stefanovic
Boris Deheljan ist vom Verhältnis des serbischen Staates gegenüber talentierten Künstlern enttäuscht. Er wäre sogar bereit, eines seiner künftigen Werke zu verschenken, damit es keine Ausreden gebe, wie er sagt. Dem bekannten Belgrader Museum für zeitgenössische Kunst z.B., das nach 10-jähriger Rekonstruktion noch in diesem Jahr wieder eröffnet werden soll. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Die Liebe zum Rock `n Roll – Boris spielt Gitarre und inzwischen auch Schlagzeug – hat auch sein künstlerisches Talent weiterentwickelt, denn Rock ´n Roll macht kreativ, ist Boris überzeugt. Vor vier Jahren kam er zunächst auf die Idee, für sein eigenes  Zimmer eine Tischlampe aus Schraubmuttern zu bauen. Einer befreundeten Künstlerin gefiel das so sehr, dass sie ihn überredete, mehr Lampen für eine Ausstellung zu produzieren. 2014 war es so weit – er hatte seine erste selbständige Ausstellung, bei der alle elf dieser ungewöhnlichen Skulptur-Lampen, eine Art Kunsthandwerk, verkauft wurden. Er nahm sich vor, jedes Jahr eine Ausstellung zu machen  und 2015 folgte die zweite Lampenausstellung. Für 2016 war Hendrix geplant. „Spätzünder“, scherze ich mit Boris und verwende dabei das deutsche Wort. Er versteht sofort die Bedeutung und stimmt mir lachend zu, denn viele deutsche Ausdrücke aus Technik und Handwerk sind noch immer fester Bestandteil der slawischen Sprachen auf dem Balkan.

Der Sprung von Lampen zu Figuren in Lebensgröße war gar nicht so einfach, gibt Boris zu. Das Bild hat er im Kopf. Jede Mutter, jedes Teil wird mit einer Spitzzange gehalten, bis der richtige Winkel gefunden ist, und dann verschweißt. „Es ist eine mühsame, langsame Arbeit, die fast kein Ende zu haben scheint. Wenn man sich nach drei Tagen anschaut, was man gemacht hat… fast nichts“, erinnert sich Boris an die sechs Monate des Winters 2015/2016, in denen er bis zu zwölf Stunden täglich an der Skulptur arbeitete.  Die größte Herausforderung, die ihn fast zum Aufgeben zwang,  war der Kopf bzw. das Gesicht. Glühende Funken zerstörten ihm viele Handschuhe oder bohrten sich durch Schuhe und Socken und verbrannten seine Füße. Die erste Version des Kopfes enttäuschte ihn dann so sehr, dass er sie genervt in eine Ecke seiner Garage schleuderte. Doch „majstor“ (Meister) Boris, wie er sich selbst gerne sieht, löste auch dieses Problem.

 

„Power of Soul“ – anders als der berühmte Hendrix-Song konnte seine dritte eigene Ausstellung im April 2016 nicht heißen. „Alle waren begeistert. Auch Professoren der Bildhauerkunst. Das hat mich zusätzlich motiviert“, erzählt Boris. „Und jüngere Künstler? Sie waren einfach verwirrt. Sie fragten mich, wie ich das bewerkstelligt habe. Ihnen war das völlig unklar. Sie kennen das Material genauso wenig wie seine Beschaffenheit, wie es wirkt und sich bei der Bearbeitung verhält. Ich habe mein ganzes Leben in der Werkstatt verbracht und viel in der Praxis gelernt, was mir bei der Suche nach Lösungen geholfen hat“, verweist er stolz auf seine „informelle künstlerische Ausbildung“. Einladungen kamen sofort und Hendrix stand paar Monate später auf der Bühne des weltberühmten „Exit“ Open Air-Musikfestivals in Novi Sad oder im Belgrader „Mixer House“ anlässlich des Hendrix- Todestages. Auch einige namhafte ausländische Rock- und Kunstzeitschriften registrierten die Arbeit des Belgrader Laienkünstlers.

Der misslungene Hendrix-Kopf  wurde übrigens zur Inspiration. Als ihn ein Freund nach etwa acht Monaten  verdutzt fragte, warum er denn den Kopf vom Miles Davis weggeworfen habe, sei ihm seine nächste Herausforderung klar geworden, erklärt Boris schmunzelnd. Und sie eröffnete ihm die Welt des Jazz und Jazzrocks, über die er bis dato nichts gewusst hatte.

 

In die Statue von Miles Davis baute er noch mehr Material ein als bei Hendrix, etwa 7.000 Mutter, obwohl Davis nur 1,69 groß war – eine Folge des charakteristischen, legeren und flatternden Kleidungsstils der Jazzlegende, die einfach mehr Material erfordert. Und mit „Hendrix-Erfahrung“ gewappnet gelangen Boris diese viel weichere Formen. Foto: Jelena Petrovic
In die Statue von Miles Davis baute er noch mehr Material ein als bei Hendrix, etwa 7.000 Mutter, obwohl Davis nur 1,69 groß war – eine Folge des charakteristischen, legeren und flatternden Kleidungsstils der Jazzlegende, die einfach mehr Material erfordert. Und mit „Hendrix-Erfahrung“ gewappnet gelangen Boris diese viel weichere Formen. Foto: Jelena Petrovic

„So what“, Boris  Ausstellung, in der Miles Davis im April 2017 in Belgrad vorgestellt wurde, brachte ihm auch die Anerkennung aus dem Ausland, von der er sich viel für seine Zukunft erhofft. Jimi und Miles aus der Belgrader Vorstadt bekamen für September eine Einladung für die große kollektive Art Brut-Ausstellung „Turbulence“ in der Pariser „Halle Saint Pierre“.

Ob er sich inzwischen als richtiger Künstler bzw. als Art brut-Künstler fühlt, frage ich ihn. „Ja, denn ich habe etwas gemacht, was ein Durchschnittsmensch nicht machen kann. Dadurch unterscheide ich mich und kann mich zur Kategorie der Künstler und „Meister“ zählen. Und im Art brut fühle ich mich wohl, weil Phantasie und Freiheit dort keine Grenzen gesetzt werden. In Paris, wo Künstler verschiedener Richtungen auftreten, werde ich definitiv sehen, ob ich dazu gehöre“. Boris ist zuversichtlich und glaubt, dass er früher oder später von seiner Kunst leben kann, denn nach Meinung der Experten sind seine Werke teuer. 15.000 Euro wurden ihm bereits für den „Miles Davis“ angeboten. Doch vor Paris will Boris nichts entscheiden. Mit einem besseren Schweißapparat und mehr Hingabe könnte er vielleicht zwei solch lebensgroßer Statuen jährlich schaffen. Und es müssten ja nicht immer unbedingt Musikstars sein.

Das nächste Projekt, dessen Anfänge mir Boris in seiner Werkstatt zeigt, steht aber schon fest: Ein etwas verwirrter „Iggy Pop“ wird von zwei kleinen lachenden Engeln an den Schultern gepackt und in die Luft gehoben. Die Botschaft des Autodidakten Boris Deheljan: „Alle wahren Rocker müssen in den Himmel kommen, obwohl sich viele wegen ihrer Lebensweise eigentlich eher in der Hölle sehen. Rock ist Kreativität, Kunst. Und solche Menschen gehören nicht in die Hölle “.

Miles und Jimi werden gerne „eingeladen“ – hier wurden sie auf dem populären 'Dev9t' ('neun'), einem internationalen Avantgarde Kunst- und Musikfestival in Belgrad, ausgestellt. Foto: BR | Dejan Stefanovic
Miles und Jimi werden gerne „eingeladen“ – hier wurden sie auf dem populären 'Dev9t' ('neun'), einem internationalen Avantgarde Kunst- und Musikfestival in Belgrad, ausgestellt. Foto: BR | Dejan Stefanovic
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