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Myriaden von Insekten wohin das Auge reicht. Foto: BR | Zoran Ikonic

Auf Theiß-Safari
Leben und Sterben der Eintagsfliege

„Das war doch nur ’ne Eintagsfliege“. So nennt der Volksmund ein Aufmerksamkeit erregendes, aber letztlich bedeutungsloses Geschehnis. Das wird weder der Eintagsfliege gerecht, noch der Natur der Dinge und zeugt von unserer begrenzten Vorstellung von dem, was wir Existenz nennen: die vergessene Entwicklungsphase im Mutterleib akzeptieren wir höchstens als notwendiges Übel, ebenso wie die leidige Geburt, nur um das uns Wertvollste zu verwirklichen – das Leben. An diesem hängen wir dann ein Leben lang mit solcher Vehemenz, dass vermeintlich naturgemäß der Tod unser vermeintlich schlimmster Schrecken ist.

Eintagsfliegen hingegen – müssen wohl, sollten sie sich dessen bewusst sein, ein ganz anderes Verständnis von ihrer Existenz haben und könnten uns inspirieren, das Leben aus anderer Perspektive zu betrachten.

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Video: Zoran Ikonic

Europas größte Eintagsfliege, Palingenia longicauda oder Theißblume genannt, lebt heute nur noch an der südlichen Theiß in Serbien und etwas nördlicher, am ungarischen Teil dieses Flusses. Das Phänomen, die sogenannte Theißblüte, das Massenschwärmen hunderttausender dieser Insekten, ist ein beeindruckendes und einzigartiges Erlebnis. Seit Jahren versuche ich schon, es zu erleben und nun ist er mir endlich gelungen. Der herrliche Anblick und die Gelegenheit dieses Naturspiel miterleben zu können, stimmte mich anfangs sehr euphorisch, da der Hochzeitsflug dieser Insekten nicht jedes Jahr zur gleichen Zeit stattfindet und in voller Intensität und Pracht nur an einem einzigen Tag zu beobachten ist. Irgendwann zwischen dem  10. und 20. Juni und immer an einem anderen Abschnitt der Theiß.  Die Gelegenheit dabei zu sein, habe ich daher als einen echten Glücksfall empfunden. Der Höhepunkt des Naturspektakels war, als die Luft sich um mich herum graublau und die Wasseroberfläche gelbgrün färbte.

Duschko, der mich auf seinem Fischerboot zur „Theiß-Safari“ mitnahm, weihte mich immer mehr in das Liebesspiel und den kurzen Hochzeitsflug dieser Insekten ein. Doch mit jeder neuen Information verflog meine anfängliche Euphorie.

Diese Insekten machen eine sehr lange Entwicklung im Schlammboden des Flussbettes als Larven durch, bevor sie ihre Wohnröhre verlassen und an die Wasseroberfläche schwimmen. Erst dort findet die letzte Häutung statt und die Larven entfalten sich zu schönen Theißblumen-Schmetterlingen.

Drei Jahre haben sie auf diesen Moment gewartet, um noch am selben Tag zu sterben. Falls Eintagsfliegen überhaupt eine Vorstellung von Warten, Leben oder Tod haben sollten. Wir Menschen warten für gewöhnlich immer auf das richtige Leben. Dieses liegt immer in der Zukunft und will einfach nie Gegenwart werden. Schaut man den Eintagsfliegen zu, könnte man meinen,  dass sie keinen blassen Schimmer davon haben, oder dass es sie schlichtweg nicht interessiert. Dass sie sich vielmehr im Hier und Jetzt verloren haben, so kurz es für sie auch sein mag.

Zuerst schlüpfen die Männchen, etwas später dann auch die Weibchen. Sie werden von den Männchen bereits erwartet. Dicht über der Wasseroberfläche beginnt ihr dramatischer Hochzeitsflug.  Während die Männchen direkt nach der Paarung an der Wasseroberfläche verenden, fliegen die begatteten Weibchen noch einige Kilometer Flussaufwärts, berühren gelegentlich die Wasseroberfläche und legen dabei Eierpakete ab. Kurz danach verenden auch sie. In der wunderschönen Abenddämmerung sanken die unzähligen Eier langsam auf den Grund und der Kreislauf begann vom Neuen. Dieser Gedanke über den neuen Lebenszirkel hatte etwas Tröstliches. Die zeitweilige Schwermut war wieder weg, es blieb die Freude über einen schönen Tag.

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Video: Zoran Ikonic

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