Die Gefallenen liegen nur knapp unterhalb der Grasnarbe. Foto: BR | Michael Mandlik

Archäologische Entdeckungen bei Wagram
Tod im Marchfeld – Erinnerungen an eine furchtbare Schlacht

Windstille Tage gibt es selten im Marchfeld bei Wagram nordöstlich von Wien. Heute aber ist so ein Tag und sehr heiß ist es obendrein. In der von intensiver Landwirtschaft geprägten weitläufigen Gegend  ist an einer Stelle unterhalb eines mächtigen Windrades eine etwa 10 Hektar große Fläche wie abgeschabt. Bagger haben die Grasnarbe entfernt und die darunter liegende erste Erdschicht freigelegt. Vier junge Menschen kauern am Boden und schaben mit kleinen Holzspateln an der Erdoberfläche. Was sie zu Tage fördern lässt erstmal erschauern. Menschliche Skelette mit zum Teil grotesk verdrehten Gliedmaßen, die Schädel sind vielfach zertrümmert. Dazwischen kleine metallene Relikte von Kleidung und militärischer Ausrüstung.

Dicht unter der Grasnarbe

Als die österreichische Straßenbaugesellschaft ASFINAG mit ersten vorbereitenden Maßnahmen zum Bau einer Schnellstraße von Wien nach Bratislava begann, wusste man allerdings schon, was man bei diesen Bauarbeiten voraussichtlich dicht unter der Grasnarbe finden würde. Von daher hatte die ASFING vorsorglich archäologische Grabungen entlang der Bauzone in Auftrag gegeben.

Der Zynismus des Krieges

Das Gelände war nämlich vor über 200 Jahren der Ort eines riesigen Gemetzels gewesen. Napoleon hatte am 05. und 06.Juli 1809 in der Nähe des Ortes Wagram seine Truppen gegen die von Erzherzog Karl von Österreich in die Schlacht geschickt. 300.000 Soldaten kämpften so zwei Tage lang erbittert gegeneinander. Die Geschichte schreibt, dass Napoleon dabei einen taktischen Sieg für sich reklamieren konnte  – aber um einen sehr hohen Preis: ein großer Teil seiner Armee blieb gefallen auf dem Schlachtfeld zurück. Die Verluste auf beiden Seiten betrugen 78.000 Mann.

Der Zynismus des Krieges wie auch der damals beteiligten Kriegsherren wird durch die nun erfolgenden archäologischen Ausgrabungen noch einmal verdeutlicht. Der Auffindungsort der vielen tausend Kriegstoten im Marchfeld wie auch die Lage der Skelette dicht unterhalb der Grasnarbe lässt die Forscher vermuten, dass die Gefallenen dieser Schlacht, wenn überhaupt, nur notdürftig bestattet wurden. Eher wurden sie, wie es der archäologische Grabungsleiter Alexander Stagl ausdrückt, „entsorgt“ und zusammen mit getöteten Pferden in  Gruben und Löcher geworfen – just als die Feldherren schon wieder an den Planungen zur nächsten Schlacht saßen.

Völlig ausgezehrte Soldaten

Weil manche der Archäologen gleichzeitig ausgebildete Forensiker sind, lassen sich anhand der bislang schon aufgefundenen Skelette auch Rückschlüsse ermitteln, wie es um den allgemeinen Zustand der damals gegeneinander angetretenen Truppen bestellt war. Auch wenn gegenwärtig noch keine genauen Forschungsergebnisse vorliegen – eines kann man dennoch jetzt schon sagen: die gesundheitliche Situation der damals ständig durch Europa marschierenden Soldaten muss äußerst schlecht gewesen sein, was vor allem auf eine mangelnde ernährungstechnische wie medizinische Versorgung  der Truppen schließen lässt.

Drei Millionen Euro werden laut ASFINAG-Geschäftsführer Alexander Walcher nun in den kommenden Monaten in diese archäologischen Forschungen investiert, bevor mit dem Bau der Schnellstraße begonnen werden kann. Schließlich erinnern die mit den jetzt erfolgenden archäologischen Entdeckungen gewonnenen Erkenntnisse nicht nur an die Geschichte Österreichs, sondern auch an die verheerenden Konsequenzen eines zerstrittenen Europas.

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