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Etwa 45 Millionen DM hat der Schwimmbagger Anfang der 90-er Jahre gekostet. Der deutsche Hersteller konnte sich wegen UN-Sanktionen vom Erfolg seiner Technologie nicht selbst überzeugen. Der Schwimmbagger blieb ein Einzelstück. Die Blockade ließ auch den Bau eines großen Kohlekraftwerks bei Kovin platzen, das durch weitere 4-5 identische Schiffsbagger hätte gespeist werden sollen. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Das sauberste Bergwerk der Welt liegt in der serbischen Donau
Bergleute und Matrosen

„Bergwerk Kovin“ steht auf dem Verkehrsschild an der kleinen Kreuzung im Dorf  Gaj, nahe der Stadt Kovin, etwa 70 Kilometer von der serbischen Hauptstadt Belgrad entfernt. Aber nur wenigen ist bekannt, dass hier seit 25 Jahren Braunkohle abgebaut wird. Kein Wunder, denn hier wird die Kohle nicht ‚unter Tage‘, sondern ‚unter Wasser‘ abgebaut.
Alles begann eigentlich sogar noch früher, in den 80-er Jahren, als im Auftrag der Provinzregierung der Vojvodina große Kohlevorkommen der Region gefunden wurden. Sie waren so groß, dass die Provinzregierung in der Nähe von Kovin den Bau eines großen Kohlekraftwerks plante. Doch das Gelände entlang des moorigen Ufers der Donau hatte sich für einen klassischen Tagebaus nicht nur als zu aufwändig und zu kostspielig erwiesen, sondern auch als umweltschädigend.

Auf dem rechten Donauufer einige Kilometer flussabwärts ist das große Kohlekraftwerk Kostolac mit seinen Tagebauen zu sehen. Die geologischen Kohlevorkommen bei Kovin, inzwischen auf etwa 400 Millionen Tonnen geschätzt, sind Teil des gleichen Kohle-Bassins, das durch die Donau getrennt wird. Foto: Bergwerk Kovin
Auf dem rechten Donauufer einige Kilometer flussabwärts ist das große Kohlekraftwerk Kostolac mit seinen Tagebauen zu sehen. Die geologischen Kohlevorkommen bei Kovin, inzwischen auf etwa 400 Millionen Tonnen geschätzt, sind Teil des gleichen Kohle-Bassins, das durch die Donau getrennt wird. Foto: Bergwerk Kovin

Technologisches Neuland

So betraten serbische Experten in Zusammenarbeit mit dem deutschen Baggerhersteller Orenstein & Koppel Neuland, um eine in der Welt einmalige Abbautechnologie zu entwickeln. Ähnliche Schwimmbagger gab es schon, aber nur in Kovin werde mit ihnen Kohle abgebaut, erklärt mir Ivan Filipov, technischer Direktor des Bergwerks voller Stolz. Problematisch war die Dichte der Braunkohle, die nur 20% über der Dichte des Wassers liegt, weshalb unklar war, wie sich die Kohle nach dem Schneiden unter Wasser verhalten werde. Es bestand die Gefahr, dass sie sich im Wasser ‚verselbständigen‘ würde, bzw. nicht aufgesaugt werden könnte. Der aus Deutschland in Einzelteilen gelieferte Bagger wurde in der Werft von Novi Sad zusammengebaut und nach Kovin geschleppt, wo 1992 der Probebetrieb aufgenommen wurde. Doch kurz darauf gefährdeten die UN-Sanktionen gegen das damals kriegsgeschüttelte Jugoslawien das Experiment, weil das deutsche Unternehmen seine Techniker über Nacht zurückziehen musste. Trotz Schwierigkeiten gelang es den einheimischen Experten aber, zu beweisen, dass die neue Technologie funktioniert. Aber die Sanktionen vereitelten den geplanten Bau des Kohlekraftwerks und somit auch den Bau von vier weiteren Schwimmbaggern gleicher Bauart, die dieses Kraftwerk hätten ‚füttern‘ sollen.

Ivan fährt mich vom Verwaltungsgebäude den Flussarm aufwärts  zum Kernstück des Bergwerks, zum Bagger selbst. Der Arm, der durch eine Flussinsel vom Hauptlauf der Donau getrennt ist, erweitert sich plötzlich zu einem See. „Da ist eigentlich nicht viel zu sehen und zu hören, wenn das Gerät unter Wasser arbeitet. Alles wird durch Elektromotoren betrieben“,  dämpft Ivan meine Erwartungen. Ich habe aber Glück, dass gerade kleinere Wartungs- und Kontrollarbeiten am Schiffsbagger durchgeführt werden und der lange versenkbare Mast mit dem doppelten Schneidrad an die Oberfläche gezogen wird.

Ivica Zlatkovic, Baggermeister, der wichtigste Mann auf dem Schiff und einer der wichtigsten im Unternehmen. Moderne Positionierungssysteme wie GPS helfen ihm inzwischen bei der Arbeit. Was sich aber in momentan 32 Meter Tiefe abspielt, kann aber nach fast 30 Jahren Erfahrung niemand besser spüren als er. Foto: BR | Dejan Stefanovic
Ivica Zlatkovic, Baggermeister, der wichtigste Mann auf dem Schiff und einer der wichtigsten im Unternehmen. Moderne Positionierungssysteme wie GPS helfen ihm inzwischen bei der Arbeit. Was sich aber in momentan 32 Meter Tiefe abspielt, kann aber nach fast 30 Jahren Erfahrung niemand besser spüren als er. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Maritime Bergleute

Wie auf einem richtigen Schiff treffe ich auf der Brücke den Leiter des ‚Gefährts‘, Goran Divnic, sozusagen den Kapitän. Neben ihm steht der vielleicht wichtigste Mann an Bord, von dessen Erfahrung viel abhängt, den Baggermeister Ivica Zlatkovic. „Wir sind gleichzeitig Schiffer, Matrosen  und Bergleute, denn wir unterliegen auch den Vorschriften der Binnenschifffahrt, auch wenn wir uns eigentlich nirgendwohin richtig bewegen. Unsere Arbeit ist auch nicht so schwer und gefährlich wie bei richtigen Bergleuten. Schwarz im Gesicht können wir nur durch die Sonne werden“, scherzt Goran. Die größte Gefahr für die fünfköpfige Besatzung seien Wind und Wellen, besonders der südöstliche Wind, Kosava genannt. Und im Hochsommer erhitze sich der Kahn derart, dass man problemlos Spiegeleier überall am Deck braten könne, ähnlich einem Panzer in der Wüste. Die kurze Pause ist zu Ende. Ivica setzt das Schneidrad in Bewegung und beginnt langsam, den Mast in die Tiefe hinabzulassen. Nur ein dumpfes Brummen der E-Motoren ist zu hören. Momentan wird die Kohle in 32 Meter Tiefe abgebaut. Als die Zähne des Rads die Kohle erreichten, beginnt das ganze Gefährt leicht zu ruckeln und zu vibrieren. „Wenn ich nach meiner 12-stündigen Schicht nach Hause komme, wankt und schwankt es immer noch weiter“, klagt Ivica.

Bevor wir wieder ans Ufer gehen, erklärt mir der Direktor, dass diese Technologie alle Systeme verbindet, die den Produktionsprozess in einem Bergwerk abrunden: der Bagger schneidet, transportiert und deponiert das Material. Mächtige Pumpen fördern das abgebaute Material durch Rohre vom Bagger zum Trennen auf der Flussinsel. Alles wird verwertet, auch Sand und Kies als Nebenprodukte. Besonders stolz ist Ivan auf die Umweltverträglichkeit dieser Technologie. „Das ist das sauberste Bergwerk der Welt. Nirgendwo anders kann es in unmittelbarer Nähe eines aktiven Bergwerks auch einen Strand mit Badegästen geben. Es gibt auch nirgends Bergleute die ständig ahnungslose Schwimmer warnen müssen“, lacht Ivan.

Obwohl das Bergwerk rentabel arbeitet und der Absatz sicher ist, macht er sich doch Sorgen um seine und die Zukunft der etwa 100 Beschäftigten. Eine gescheiterte Privatisierung haben sie bereits hinter sich. Zwischen 2007 und 2010 waren sie im Besitz eines ausländischen Investors, der trotz Verpflichtungen nichts in das Unternehmen investierte, sondern nur neu verschuldete. Seit 2010 sind sie zu 98% im staatlichen Besitz. „Und was der Staat vor hat, können wir nicht mal erahnen. Hoffentlich verkaufen sie das Gelände nicht an irgendeinen Tycoon, der hier einen großen Yachthafen anlegen würde“, witzelt Ivan beim Abschied.

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