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Diese Waage steht an einer Straßenkreuzung in Tirana. Für umgerechnet 7 Cent kann man sich hier öffentlich wiegen. Die wenigsten Albaner haben nämlich eine Waage zu Hause. Foto: BR | Andrea Beer

Viele Albaner haben keine Waage zuhause
Der 'Weight Watcher' von Tirana

„Früher waren die Menschen viel dünner als heute“

Kole Zefi, 66. Er bessert mit einer Waage seine magere Rente auf. Er wiegt 85 Kilo und findet das sei zu viel.

„Ich habe zwei Kilo zugenommen, das ist nicht gut!“

Älterer Herr in Tirana. Er kontrolliert regelmäßig sein Gewicht.

Eine höllisch laute Straßenkreuzung mitten in Tirana. Der Stand von Kole Zefi und seine hellblaue Waage dürften hier eigentlich gar nicht stehen. Die Polizei toleriert ihn nur und manchmal muss er sich schleunigst verdrücken. Doch gerade schauen die Polizisten weg und der grauhaarige 66-Jährige erklärt bereitwillig das Geschäftsmodell mit dem er seine winzige Rente um genauso winzige Summen aufbessert. „Sich hier zu wiegen das kostet 10 Lek (Anmerkung: etwa 7 Cent) und die meisten haben ja keine Waage zuhause und ich verdiene in fünf oder sechs Stunden ein bisschen was, kann einen Kaffee trinken gehen und dann nach Hause.“ Kole Zefi versteht erst nicht so recht, was daran ungewöhnlich sein soll. Albanien war bis 1990 eine Kommunismus Diktatur und total isoliert – auch was Waagen angeht. In Geschäften oder landwirtschaftlichen Betrieben da wurde gewogen, erzählt Kole Zefi aber sonst hatte doch keiner eine Waage. Die deprimierende Mangelwirtschaft der Diktatur wünscht sich Herr Zefi sicher nicht zurück. Aber heute seien die Menschen einfach dicker, der ganze Lebensstil und so. Ihm selbst gehe es genauso. „Es gibt immer wieder welche die sagen oh nein ich habe zugenommen, ich muss aufpassen, ich muss weniger essen. Bei mir war das doch genauso. Ich bin Rentner, aber als ich noch gearbeitet habe, da hatte ich 72 Kilo, aber jetzt wiege ich über 85. Ich habe also auch Übergewicht und muss aufpassen.“ Eine gestylte Blondine mit dunkler Sonnenbrille spaziert auf die Kreuzung zu und an der kleinen hellblauen Waage vorbei. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur hat sie, wie viele Albaner, keine eigene Waage zuhause. Ihr Gewicht ist ihr aber beileibe nicht egal:

„Ich wiege mich auf der elektronischen Waage in der Apotheke. Auf den mechanischen Straßenwaagen wiege ich mich nicht. Früher haben sich die Menschen nicht für ihr Gewicht interessiert, aber heute haben sie mehr Interesse."

Junge Passantin in Tirana

Das stimmt allerdings, meint eine ältere Dame im roten Kleid am Arm ihres Ehemanns: „Meine Tochter, sie nervt mich, denn sie will ständig abnehmen.“ So eine mechanische Waage wie die hellblaue von Herrn Zefi, an die kann sich die Dame – sie ist über 70 – noch gut erinnern. „Auch im Kommunismus haben sich ältere Menschen mit wiegen ein bisschen etwas dazu verdient. Da habe ich mich früher immer gewogen und wir haben immer noch keine Waage zuhause.“ Ihr Ehemann schaut an sich herunter, die Hände am Bauch. Er ist unzufrieden. „Ich habe gerade mein Gewicht kontrolliert und zwei Kilo zugenommen. Das ist nicht gut. Früher war man immer in Bewegung, auch in den politischen Organisationen und heute fahren die Leute zweihundert Meter mit dem Auto.“ „Ja, und das Alter“, seufzt seine Frau. Wir Frauen haben es ja ohnehin schwerer und meine Ärztin sagt, ich darf nur 64 wiegen aber ich wiege über 70 Kilo! Gedanken wie diese müssen den jungen schwarzhaarigen Mann nicht plagen, der amüsiert neben der hellblauen Waage stehen bleibt.

„Ja, die wenigsten hier haben eine Waage und ich habe mich früher auch in der Apotheke gewogen. Aber dann habe ich eine Waage für die ganze Familie gekauft. Ich habe einen schwedischen Pass und diese ganze Waagengeschichte, das ist für mich eher eine schwedische Erfahrung. Von Waagen war doch vorher nie die Rede.“

Junger Albaner aus Tirana

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Auch diese beiden haben keine Waage zu Hause - ihr Gewicht kennen sie trotzdem und finden, dass sie ein wenig zu viel wiegen. Foto: BR | Andrea Beer
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