Auf dem muslimischen Friedhof im südserbischen Novi Pazar liegt Sahel begraben. Foto: BR | Videostandbild | Zarko Bogdanovic

Tod auf der Balkanroute
Ein Vater und ein Grab in Südserbien

Etwa eine Million Menschen passierten auf ihrer Flucht vor Krieg und Elend im Nah- und Mittleren Osten meine Heimat Serbien. Wegen der Lage vor den Toren der EU ist diese für die meisten so etwas wie ein „Sprungbrett“ für den letzten und entscheidenden Schritt –  die legale oder illegale Überquerung der ungarischen oder kroatischen Grenze.  Nicht alle schafften aber diesen Weg in die bessere Zukunft, das Schicksal wollte es einfach nicht. Sie ertranken nicht zu Hunderten und Tausenden, so wie im Mittelmeer, aber sie starben auch und das in unserer unmittelbaren Nähe. Gerade deswegen möchten wir, vom ARD-Team Südosteuropa, diesen Opfern des Schicksals ein Gesicht geben und ihre Geschichte erzählen.

Ein Jahr dauerte es, bis Hamayoon Faqirzada und seine Ehefrau mit ihrem 5-jährigen Sohn Sahel und seinem jüngeren Bruder über Pakistan, den Iran, die Türkei, Griechenland, Albanien und den Kosovo im letzten Sommer Serbien erreichten. Für den jungen Journalisten Hamayoon war seine Heimat Afghanistan zu einem lebensgefährlichen Ort geworden, zumal er außer seinem Engagement bei einem TV-Sender, auch für die afghanische Wahlbehörde und die IOM, die Internationale Organisation für Migration, gearbeitet hatte. Für die Taliban Grund genug, ihn zu bedrohen, erklärte Hamayoon  der ARD seine Situation vor der Flucht, während derer es zu einer Tragödie kam.

Am Morgen des 8. Juli 2016 betrat eine etwa 19-köpfige, aus mehreren Familien bestehende Gruppe, darunter auch die Faqirzadas, serbisches Territorium und wollte Richtung Norden, zur ungarischen Grenze weiter. In der Nähe des Bahnhofs in Raska liefen sie Gleise entlang, um sich in einer nahegelegenen Polizeistation registrieren zu lassen. Er sei ganz vorne gelaufen und habe seinen jüngeren Sohn getragen, so Hamayoon. Sahel hingegen war auf dem Arm eines Freundes, wollte dann aber zum Vater und lief deswegen alleine weiter. Gerade als sie sich auf einer Brücke befunden hätten, hätten sie den nahenden Zug gehört, erinnert sich Hamayoon an diesen tragischen Augenblick. Erschrocken wollte Sahel zu seinem Vater und lief in dessen Richtung. Hamayoons verzweifelte Aufforderung, er solle nicht zu ihm laufen, sondern stehen bleiben, kam leider zu spät. Sahel stürzte von der Brücke und wurde schwer am Kopf verletzt. Polizisten brachten sie zum nächsten Arzt, in die Gesundheitsstation von Raska, doch dort konnte Sahel nicht geholfen werden, zu schwer waren die Folgen seines Sturzes. Die Polizisten fuhren ihn deswegen in das zwanzig Kilometer entfernte Krankenhaus in Novi Pazar. Hamayoon fuhr in einem Taxi hinterher. Doch für Sahel kam jede Hilfe zu spät. Der Arzt auf der Notstation kann nur den Tod feststellen. Hamayoon stand unter Schock. Er holte seine Familie und die anderen Flüchtlinge in Raska ab und brachte sie auch nach Novi Pazar.  Zunächst fand er zu diesem Zeitpunkt keine Kraft,  seiner hochschwangeren Frau, die das dritte Kind erwartete, die tragische Wahrheit zu sagen. Das machte er erst am nächsten Morgen.

Muamer Delimedjac ist Direktor der „Offenen Hand“ einer kleinen, aber sehr aktiven humanitären Organisation in Novi Pazar, die sozial benachteiligte Familien aus der Region unterstützt. Muamer erzählt uns, dass sie eher durch Zufall von dem tragischen Unfall erfuhren. Eine Ehrenamtliche der Organisation habe sich zur selben Zeit mit ihrem Sohn im Krankenhaus von Novi Pazar befunden und die Gruppe im Hof campieren sehen. Da schlugen bei der „Offenen Hand“ die Alarmglocken: „An diesem Tag hatten wir zum ersten Mal einen solchen Fall, wo wir schnell reagieren mussten. Wir wussten, dass es sich um Flüchtlinge handelt und dass es nur eine Frage der Zeit war, wann sie weiterziehen würden. Wir mussten schnell reagieren, die Übernachtung für alle organisieren, bei der Bestattung helfen und gleichzeitig die ganze Gruppe von 15 Personen mit neuer Kleidung und Schuhen versorgen. Die Mutter des toten Jungen und eine weitere ebenfalls schwangere Frau aus der Gruppe mussten untersucht werden, so dass sie möglichst schnell ihre Reise würden fortsetzen können“, erzählt Muamer.

Novi Pazar ist die größte Stadt der mehrheitlich muslimisch bewohnten Region Sandzak und die Islamische Gemeinde dort bereitete das Begräbnis nach muslimischen Bräuchen vor. Die Stadtverwaltung, die auch von der Tragödie erfuhr, übernahm unbürokratisch einen Teil der Kosten und der kleine Sahel wurde am darauffolgenden Tag begraben. Bürgermeister Nihat Bisevac befand sich gerade auf  Dienstreise, als ihn seine Mitarbeiter informierten und kehrte spontan um, um beim Begräbnis dabei zu sein: „Unsere Reaktion war menschlich. Ein solches Schicksal rührt jeden. Die Bürger von Novi Pazar sind für ihre Menschlichkeit bekannt. Alle, die damals von der Tragödie erfahren haben, wollten auf irgendeine Weise helfen, um den Betroffenen den Schmerz zu erleichtern und ihnen beim weiteren Weg nach Westeuropa zu helfen“, sagte er der ARD und bestätigt, dass die Stadt zum ersten Jahrestag des Todes einen Grabstein finanzieren und aufstellen werde, falls Hamayoon und seine Frau dies nicht selbst tun können.

Auch Misala Zukorlic von der Stadtverwaltung in Novi Pazar erlebte die Tragödie damals mit. Sie machte sich vor allem Sorgen um die hochschwangere Mutter des toten Jungen. „Trauer bis zum Himmel war das“, sagt sie als Mutter eines fast gleichaltrigen Kindes gerührt. Zusammen mit ihren Bekannten von der „Offenen Hand“ kümmerte sie sich auch um die Weiterreise der jungen afghanischen Familie, nur einen Tag nach Sahels Begräbnis. Drei Tage nachdem diese Novi Pazar verlassen hatten, wurde der dritte Sohn, der Familie geboren. Sie nannten ihn auch Sahel, nach dem toten älteren Bruder. Über Ungarn und Österreich erreichte die Familie Faqirzada Deutschland, wo sie einen Asylantrag gestellt hat. Der Antrag von Hamayoon Faqirzada wurde im April 2017 abgelehnt und sein Fall liegt jetzt beim Verwaltungsgericht in München. Der Rest der Familie Faqirzada hat bisher noch keinen Bescheid bekommen. Misala und Denis Nokic, einer der Ehrenamtlichen der „Offenen Hand“, zeigten uns vor kurzem Sahels Grab am Friedhof bei Novi Pazar. Denis kommt ab und zu auch mit seinen eigenen Kindern, um Sahel zu besuchen, betet und pflückt das Gras weg. Muamer Delimedjac erinnert sich ganz gut an eine Szene vom letzten Sommer: „Als das Begräbnis und die Zeremonie vorbei waren, drehte sich Hamayoon zu uns, schaute in die Richtung der Stadt und sagte in klarem Englisch, dass er gerne hier bleiben würde. Wegen des Grabes seines Sohnes, wegen der Menschen, die ihm in diesem Augenblick so geholfen haben, wegen der Nähe, die er uns gegenüber empfindet“. Andere Gründe bewegten Hamayoon und seine Frau damals dann offenbar doch, Richtung Deutschland weiter zu ziehen. Sein sehnlichster Wunsch, bald wieder nach Serbien, nach Novi Pazar, zu kommen, müsste doch jedem verständlich sein. Wird er persönlich den Grabstein für seinen Sahel zum ersten Jahrestag aufstellen oder zumindest dabei sein können? Ich wünsche ihm vom Herzen, dass es so kommt.

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Hamayoon lebt heute in Bayern. Sein sehnlichster Wunsch ist es, das Grab seines Sohnes besuchen zu können. Foto: BR | Andrea Beer
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