7812 Zuschauer sahen das

Wiener Sportklub und First Vienna FC
Derbystatus: Es ist kompliziert

Der 1. Mai war einer dieser Tage, der die Herzen in den Wiener Gemeindebezirken Dornbach und Döbling höher schlagen und gerade die älteren Fans an die gute alte Zeit denken lies.

Live im ORF wurde das „Derby of Love“  zwischen den Regionalligisten, dem Wiener Sportklub und dem First Vienna FC 1894 in einem nahezu ausverkauften Stadion übertragen. Fußballherz was willst du mehr? Alle Zeichen deuten darauf hin, dass es das vorerst letzte Spiel zwischen Schwarz-Weiß und Blau-Gelb  sein wird. Die Vienna steht am finanziellen Abgrund, den der Sportklub zu gut kennt und nach Jahren mit „K“ plant, ab der neuen Saison wieder als Sport-Club spielen zu können. Damit die Vienna wieder auf die Beine kommt und der Sportklub wieder zum Sport-Club wird, wurden jeweils Crowdfunding-Projekte gestartet.

Von Gärtnern, Cyclisten und dem Derby of Love

Gegründet von Gärtnern des Barons Rothschild, ist der First Vienna FC 1894 der älteste Fußballverein Österreichs. Der Verein konnte in der älteren Vergangenheit einige Erfolge feiern, die letzte von sechs Meisterschaften wurde im Jahr 1955 zelebriert. Das Image des Nobelvereins ist der Vienna geblieben, wie Thomas Tesar, langjähriger Fan und im Dachverband der „Vienna Supporters“ aktive erzählt: „Der Verein war Anziehungspunkt der Ober- und Mittelschicht und hatte viele jüdische Funktionäre. Er wurde früher auch als Künstlerverein verschrien. […]Die Vienna galt da eher als abgehobener Nobelverein. Das hatte zwar gut funktioniert als man sportliche Erfolge feiern konnte, aber das wurde dann sehr schnell eklatant als die Erfolge ausgeblieben sind.“

Auch der Wiener Sport-Club mit „C“ (WSC)konnte bis zum Jahr 2001 einige Erfolge feiern. Stefanie Gunzy, die zusammen mit dem Pressesprecher des Wiener Sportklubs, Marcel Ludwig für die Crowdfunding-Aktion „Ein Wiener Sport-Club“ verantwortlich ist, klärt auf: „Der Wiener Sport-Club ist ein Allround-Sportverein, der aufgrund der finanziellen Schieflage im Jahr 2001 die Fußballsektion abgestoßen hat. Der Wiener Sportklub wurde als Fußballverein neugegründet.“ Um die Schulden von damals zu tilgen und wieder als Wiener Sport-Club spielen zu können werden 300.000 € benötigt. Dieser Allround-Sportverein wurde im Jahr 1883 als Wiener Cyclisten Club gegründet und bestand zunächst nur aus Radfahrern. Erst im Jahr 1907 kam eine Fußballsektion hinzu. In der Tradition sieht sich auch Marcel Ludwig: „Der Wiener Sport-Club ist einer der traditionsreichsten und erfolgreichsten Fußballvereine in Österreich. Der Verein wurde drei Mal österreichischer Meister und hat große Erfolge im Europacup gefeiert. Unter anderem das legendäre 7:0 gegen Juventus Turin. Wir sehen uns in der Tradition dieser Mannschaften und wollen den Fußball unter diesem Namen zurück an den seit 1904 ältesten durchgehend bespielten Platz in Österreich bringen.“

Doch nicht nur die Erinnerungen an die gute alte Zeit verbindet beide Vereine. Beide Regionalligisten leben von ihrer offenen und herausragenden Fanszene. Bei beiden Vereinen sind die Fans auch abseits des Platzes rund um den Verein engagiert. Robert Haidinger, Obmann von den Vienna Supporters, dem Dachverband der Fanclubs der Vienna erinnert sich was ihn an dem Verein fasziniert: „Das Stadion mit seiner Tradition seit 1921. Der positive Support hier ist super. Bei meinem ersten Spiel haben wir 1:3 verloren, aber das Team wurde 90 Minuten unterstützt, ohne Aggressionen und Hass dem Gegner gegenüber. Der Punk steht neben dem Schnösel, es gibt keine Anfeindungen und Diskriminierung andersdenkenden gegenüber.“ So klingt es auch, wenn Stefanie Gunzy über ihren Sportklub spricht: „Das Hierarchiefreie ist auf jeden Fall etwas besonderes. Hier findet jeder und jede ihren oder seinen Platz und kann sich selbst sofort einbringen und wird dabei unterstützt. Das kenne ich aus anderen Vereinen dieser Größenordnung nicht. Es gibt ein klares Bekenntnis gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie.“

Dass es dabei so klingt, als reden Haidinger und Gunzy über den selben Verein, kommt nicht von ungefähr. Thomas Tesar erinnert sich: „Die kamen ja eigentlich aus dem gleichen Umfeld. Man kannte sich aus den Szenelokalen in den 80er Jahren. Dann gab es den einen Teil der sich eher zum Sportklub hingezogen gefühlt hat und der andere Teil der eher den Bezug zur Vienna hatte. Deshalb waren die Derbys auch so lustig. Es gab den Spruch: Du bringst den Tequila, wir haben die Zitronen. Am Anfang standen wir auch gemeinsam auf der Tribüne, als wir noch so wenige waren. Und daraus ist dann das Derby of Love entstanden. Irgendjemand hat diesen Slogan geprägt und die Medien sind sofort drauf angesprungen. Wir haben mittlerweile 7000-8000 Zuschauer bei dem Derby.“

Finanzielle Tristesse

Beide Vereine kämpfen mit finanziellen und strukturellen Problemen. Ende der 60er Jahre musste die Vienna das erste Mal seit Jahrzehnten aus der höchsten Spielklasse Österreichs absteigen. Danach tingelte der Verein zwischen den ersten beiden Spielklassen und musste im Jahr 2001 zum ersten Mal in die dritte Liga absteigen. Zwischenzeitliche Erfolge wie eine zweimalige UEFA-Cup-Qualifikation Mitte der 90er Jahre oder das Erreichen des Pokalfinales 1997 erwiesen sich dabei als wenig nachhaltig. Der sportliche Erfolg wurde teuer erkauft. Für Robert Haidinger eine einfache Rechnung: „Man hat einfach in der Vergangenheit ganz klar über die Verhältnisse gelebt, ohne daran zu denken in die professionellen Strukturen zu investieren und nachhaltig zu wirtschaften.“

Bereits im Sommer 2014 stand die Vienna finanziell mit dem Rücken zur Wand. Martin Kristek stieg auf betreiben seines Vaters Richard – der Präsident des Vereins wurde – mit seiner Firma CareEnergy als Investor ein. Das österreichische Fußballmagazin „ballesterer“ berichtet in seiner März-Ausgabe, dass in der Vorsaison rund 98 Prozent der Sponsoringeinnahmen und rund 80 Prozent des Budgets von Kristek stammten. Die Vertragswerke mit CareEnergy schreckten andere Sponsoren davon ab, in den Verein zu investieren. Rund 75 Prozent der Einnahmen durch neue Sponsoren mussten den Verträgen zur Folge an CareEnergy abgeführt werden. Thomas Tesar dazu: „Als dann CareEnergy einsprang, waren wir schon an einem Punkt, wo wir mit dem Rücken zur Wand standen. Richard Kristek ist als Fan gekommen und hat seinen Sohn dazu gebracht, viel Geld in den Verein zu investieren. Leider nicht immer ganz gezielt. Der sportliche Erfolg wurde über den wirtschaftlichen Erfolg gestellt.“ Transparenz und Offenheit des Vereins den Fans gegenüber wurde nicht praktiziert.

Im Frühjahr verstarb Martin Kristek überraschend, Richard Kristek zog sich aus dem Verein zurück und die Zahlungen von CareEnergy – die mittlerweile selbst einen Insolvenzantrag stellen mussten – wurden eingestellt. Alternativen gab es schon davor nicht, wie Ines Schnell aus dem Fanbeirat der Vienna erzählt: „Man war immer von einem Großsponsor abhängig. Man hat sich dann schon die Frage gestellt, was passiert wenn der weg ist. Aber das war uns allen klar, nur mangelte es an Alternativen. Es gab Zeiten da haben wir Soli-Feiern organisiert, damit die Spieler die monatelang auf ihr Gehalt gewartet haben, wieder bezahlt werden können.“

Laut Kreditschutzverband belaufen sich die Verbindlichkeiten der Vienna auf rund 543.000 €. Der Knebelvertrag mit CareEnergy soll mittlerweile aufgelöst worden sein. Welche Arbeit nun auf den neuen Geschäftsführer Gerhard Krisch zukommt, weiß Thomas Tesar: „Gerhard Krisch musste einen Scherbenhaufen übernehmen. Dem hat er sich gestellt, das rechnen wir ihm auch hoch an. Ihm war auch von Anfang an klar, dass jetzt auch die Fans ins Boot geholt werden müssen. Die Fans haben auch bei der Crowdfunding-Kampagne mitgearbeitet. Diese Führung will die Mitarbeit und lässt sie zu, hat aber auch keine andere Wahl, das muss man auch klar sagen.“

Der Insolvenzantrag ist gestellt, dies bedeutet zugleich den Zwangsabstieg aus der dritten Leistungsstufe.

Die Pleite hatte der Sport-Club da schon hinter sich. Nach zwei Konkursanträgen in den 90er Jahren kam es 2001 zum bereits erwähnten Abschied der Fußballsektion, der seitdem als Wiener Sportklub im Unterhaus Österreichs aufläuft. Dieser Schritt war notwendig geworden, damit der Sport-Club weiterhin als Allround-Sportverein bestehen bleiben konnte. „Momentan zahlt der WSK jedes Jahr für die Namensrechte an den WSC. Dafür darf man den Namen mit K und das Logo in abgewandelter Form benutzen“ erläutert Marcel Ludwig. „Es ist eine Zweigleisigkeit entstanden, die sowohl finanzielle als auch personelle Ressourcen frisst, die viel besser kanalisiert werden könnten. Uns ist es ein Anliegen, dass es einen Verein gibt, der viele verschiedene Sektionen beheimatet, in dem sich auch alle einbringen können.“

Ein Schritt der für die Vienna-Fans nicht in Frage kommt, wie Haidinger erklärt: „Es wurden drei Ziele Anfang Februar(Anm. Auf der Mitgliederversammlung) definiert: Die Vienna braucht den Ausgleich, die Hohe Warte muss als Spielstätte behalten werden und das First muss im Namen bleiben. Das heißt, eine Neugründung ist absolut kein Thema. Wir sind der erste Verein und das wollen wir bleiben. Das war der Konsens auf den sich alle einigen konnten.“

Fans als Rettungsanker

Um die „Rückführung“ des Sportklub in den Sport-Club zu erreichen, haben Marcel Ludwig und Stefanie Gunzy die Crowdfunding-Aktion „Ein Wiener Sport-Club“ ins Leben gerufen. Stefanie Gunzy erklärt was es damit auf sich hat: „Vor einem Jahr ging die Marschrichtung klar Richtung Rückführung, nachdem sich die Verantwortlichen beim WSC und WSK zusammengesetzt haben. Die FreundInnen der Friedhofstribüne haben sich angeschlossen und Solidaritätsfeste und weitere Aktionen initiiert. Schnell wurde jedoch klar, dass diese Aktionen nicht den gewünschten Erfolg bringen würden. Also haben wir uns zum Crowdfunding entschieden, da jeder und jede das einzahlen kann was er sich selber leisten kann. Das spiegelt auch gut den Verein wieder, bei dem jeder einzelne seinen Teil einbringen kann, auch sei er noch so klein.“

Für die finanzielle Unterstützung werden von den Fans Forderungen gestellt, wie Marcel Ludwig erläutert: „Wir sammeln euch ein Drittel der Schulden ein, aber umsonst gibt es das Geld nicht. Ihr bekommt es, aber wir stellen Bedingungen. Unsere Bedingungen sind jetzt andere, als die eines Sponsors, wir brauchen keine Werbebande oder ähnliches. Erstens: Wir wollen schriftlich, dass die Friedhofstribüne bleibt und dort niemals ein Wohnhaus entsteht, dass das Flag(Anm. kultiges und sagenumwobenes Vereinslokal im Stadion) so bleibt wie es ist oder im Fall eines Neubaus der Tribüne garantiert wird, dass den Fans weiterhin selbstverwaltete, soziale Räumlichkeiten in mindestens dem selben Umfang zur Verfügung stehen. Und, dass die Friedhofstribüne weiterhin ganz klar politisch Farbe bekennen kann, ohne dass jemand vom Verein herkommt und uns das untersagt. Denn die politische Einstellung kann man nicht so einfach an der Garderobe abgeben.“ Morgen endet die Aktion und das ursprüngliche Ziel von 60.000 € wurde bereits um mehr als 15.000 € übertroffen. Den restlichen Betrag tragen die Anhängervereinigung des WSC (C!), Sponsoren und Sportklub-Präsident Manfred Tromayer bei.

Bei der Vienna wird der Stellenwert der Fans stärker in den Mittelpunkt gerückt, wie Ines Schnell erzählt: „Der Verein merkt endlich, was die Fans für ein großes Kapital für den Verein sein können. Mit unserer Unterstützung und den Aktionen sorgen wir auch für eine gute Werbung für den Verein.“

2014 wurde ein Fanbeirat etabliert, der im ständigen Dialog mit der Vereinsführung steht und gemeinsam mit dem Verein neue Projekte und Ziele formuliert. Für Robert Haidinger ein Schritt in die richtige Richtung: „Die Zusammenarbeit mit dem Verein im letzten halben Jahr funktioniert zum ersten Mal ausgezeichnet. Das war noch nie so. Es wird offen kommuniziert. Transparenz ist mittlerweile sehr wichtig. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall.“ Die Fans kümmern sich um den Kartenverkauf und haben sowohl Teile des Trainingsgeländes als auch Stadions in Eigenregie renoviert.

Um die Vienna zu retten wurde die Crowdfunding-Aktion „Unkonkursbar – Seit 1894“ vom Verein ins Leben gerufen. „Die Crowdfunding Idee kam vom Verein, wir als Fans haben unseren Input dazu gegeben. Bei dieser Kampagne geht es aber auch darum die Öffentlichkeit zu erreichen, um auf die Probleme der Vienna und auch die Stadionsituation aufmerksam zu machen“ so Schnell. 35.000 € sind das Ziel. Neun Tage vor Ablauf der Frist ist man fast am Ziel. Sogar die großen Wiener Vereine Austria und Rapid haben ihre Unterstützung angeboten. Im März ist Rapid Wien zu einem Freundschaftsspiel auf der Hohen Warte angetreten um die Vienna zu unterstützen. So eng die Vereine mit ihren Fans verbunden sind, so eng sind sie es auch mit ihren Stadien. Sowohl der Sportclub-Platz in Hernals, als auch die Naturarena Hohe Warte der Vienna in Döbling sind stark sanierungsbedürftig. Bisherige Anstrengungen die Stadien zu sanieren sind gescheitert. Zur desaströsen finanziellen Situation der Vienna trägt nun auch dazu bei, dass die Haupttribüne aufgrund baulicher Mängel gesperrt ist.

Das „Derby of Love“ endete 1:0 für den Wiener Sportklub, der sich damit im Abstiegskampf etwas Luft verschaffen konnte. Trotz der Niederlage bleibt die Vienna Tabellenführer und könnte als Meister den Gang in die Viertklassigkeit antreten. Am 30. Mai findet die für die Vienna alles entscheidende Sanierungsplantagsatzung statt. Wird dort der Sanierungsplan angenommen, kann die Vienna die Schulden wie geplant abbauen und weiterspielen. Anderenfalls gehen beim ältesten Verein Österreichs die Lichter aus.

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