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Die Belgrader Aufführung fand im prominenten „Bitef teatar“ statt, einem Avantgarde-Theater im Zentrum Belgrads, in dem jährlich das bekannte „Internationale Bitef Festival“ ausgetragen wird. Foto: Jaka Varmuž

Ex-Jugoslawische Comic-Helden kämpfen für die Freiheit Europas
'Alan Ford' - ein multikulturelles Theaterstück

„Arabische Flüchtlingshorden bedrohen Europa – an der Küste Sloweniens, in der Hafenstadt Koper schwärmen sie aus, um das kulturelle und materielle Erbe an sich zu reißen und das ruhige Leben der Einheimischen durch ihre Verschiedenartigkeit zu gefährden. Das Risiko, dass fliegende Teppiche die Skispringer in Planica ersetzen werden, der Triglav-Gipfel eine Burka tragen oder das Wasser in Kanistern zu Sand umgewandelt wird…, dass „Kannibalen“ ein lebendiges Huhn essen oder „schmuddelige“ Kinder mit slowenischen Kindern in die gleiche Schule gehen werden, ist groß. Geheimagenten der Gruppe „TNT“ kommen aus New York nach Koper, um die riesige Nachfrage nach Stacheldraht auf diesem Gebiet zu erforschen. Sie enthüllen dabei nicht nur die Existenz eines Bergwerks zur Herstellung des Drahts, sondern dass in den suspekten, lukrativen Handel mit Stacheldraht auch Brüssel selbst involviert ist, das ihn für die Schließung europäischer Grenzen braucht. Denn nur so sind Frieden und Sicherheit in Europa möglich.“

Dieses Bild Europas, dieser heutige Augenblick der Weltszene, gekennzeichnet durch die Flüchtlingskrise, politische Heuchelei, Intoleranz und Korruption sind Thema des Theaterstücks „Alan Ford – die Rückkehr der Abgeschriebenen“, das seit Juni 2016 auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens gespielt wird, vor einigen Tagen zum ersten Mal auch in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Die charakteristisch betonte Groteske, Satire und schwarzer Humor dürften aber fast jedem zwischen Slowenien und Mazedonien bekannt sein. Das Motiv ist „Alan Ford“, ein kultiger, 1969 in Italien entstandener, satirischer Comic, der im sozialistischen Jugoslawien sogar populärer war als in seiner Heimat. Seit 1972 auf dem jugoslawischen Markt wurde er zum Teil des kollektiven Gedächtnisses, zur Legende. Überall dort, wo die ehemals gemeinsame Sprache „serbo-kroatisch“ gesprochen oder zumindest verstanden wird, werden die Abenteuer der unfähigen, ungeschickten Geheimagenten aus der Gruppe „TNT“, die im Kampf gegen böse Jungs am Ende doch noch immer siegen, nacherzählt, ihre Sprüche zitiert und belacht: „Besser 100 Jahre als Millionär zu leben als 7 Tage in Armut“, „Wenn du siegen willst, darfst du nicht verlieren“, „Lieber heldenhaft abhauen, als feige ums Leben kommen“, „Wer den Gewinn verliert, gewinnt den Verlust“…

 

Umso verständlicher ist es, dass die „Rückkehr der Abgeschriebenen“ eine slowenisch-kroatisch-bosnisch-serbische Kooperation darstellt: Der bekannte kroatische Satiriker Predrag Lucic schrieb den Text für diese ganz neue Episode von „Alan Ford“, der Belgrader Theaterregisseur Kokan Mladenovic inszenierte das Stück, während die Ausführung eine Kooperation zwischen „Gledalisce“ aus Koper und des „Kammertheaters 55“ aus Sarajevo ist: auf der Bühne stehen Schauspieler aus Slowenien und aus Bosnien und Herzegowina, gespielt wird zweisprachig.

Die Gruppe TNT, einen sympathischen Haufen von Dilettanten machen mehrere völlig unterschiedliche Personen aus: Anführer der Gruppe, der rollstuhlgebundene, geizige Greis „Number One“, der sympathisch naive Alan Ford, der vornehme Dieb und Betrüger Sir Oliver, der kampflustige Nörgler Bob Rock, Hypochonder Jeremiah, der faule The Boss, der fragwürdige aber immer optimistische deutsche Erfinder Otto von Grunf. Warum sich damals sozialistische Jugoslawen mit diesen Antihelden so identifiziert haben, ist das Thema anderer Forschungen, doch eines ist sicher: „Alan Ford“ ist eine ernsthafte Kritik einer jeden schlechten, korrumpierten Gesellschaft, unabhängig von der politischen Ordnung.

„Es war nicht ungefährlich, zehntausende Fans des Comics auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens enttäuschen zu können. Es galt eine ganz neue, unmögliche Situation für die Antihelden aus der Gruppe TNT zu schaffen, die sie wieder erfolgreich lösen werden: diese Situation bedeutet, das neue, hässliche Gesicht darzustellen, das Europa gegenüber Ankömmlingen aus dem Nahen Osten, aus Afrika zeigt“, sagt Regisseur Mladenovic der ARD, „obwohl es als eine Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger, als ein Raum der Freiheit, der Gleichberechtigung gebildet wurde“.

 

„Die Sicherheit Europas hat keinen Preis“ – lautet die häufig wiederholte Parole der EU-Troika, die nach Slowenien kommt. Slowenien müsse noch mehr Draht anschaffen, um seine 667,8 Kilometer Grenzen zu schützen, auch „Schweinowski“-Draht mit Zierkristallen zum Sonderpreis wird angeboten, heißt es ironisch. „Slowenien ist ein junges, erfolgreiches Mitglied der EU, das es geschafft hat, fast 2 Millionen Euro für den Klingendraht auszugeben, mit dem es Menschen an seinen Grenzen töten wird. Das Geld hätte sicherlich für humanere Zwecke gebraucht werden können.“, sagt Mladenovic. Dieser hoch profitable „Industriezweig“ des modernen Europas, diese Industrie der Sicherheit, des Schutzes, der Drähte, der Grenzen sei der Gegenstand dieser Satire.

„…Araber sind Türken, Kurden, Armenier, Russen und Tschetschenen… Araber werden unsere Juden sein und sollen den gelben Stern tragen… Araber kommen in 3 Schichten an, wollen unsere Häuser, wollen unsere Frauen. Sie wollen, dass wir Gäste im eigenen Haus sind, Araber werden unsere Juden sein, sollen den gelben Stern, den gelben Halbmond tragen…“, singen die Einwohner Kopers in einem der vielen Songs in Brecht`scher Manier, mit dem die weit verbreiteten Vorurteile verspottet werden. Bei mir lösen sie nur ein bitteres Lächeln aus, denn wie viele von uns unter den anwesenden Zuschauern sind wirklich viel besser als diese paranoischen Kleinbürger im slowenischen Koper, über die wir lachen? Wann und in welcher Situation werden diese Vorurteile vielleicht auch unser Handeln entscheidend beeinflussen? Sind unsere Ängste, egal ob wir uns auf der Balkanroute oder in einem der Zielländer befinden, eine Konsequenz der Manipulation?

Probleme sind gemeinschaftlich, nicht nur auf Europa und Slowenien beschränkt, erklärt mir Mladenovic. Das Publikum, egal ob in Ljubljana, Sarajevo oder Belgrad habe hinter dem Witz und Jux des „Alan Ford“ diese ernsthafte Seite der ganzen Geschichte entdeckt: gerade dieses System der Manipulation mit der Angst, mit der Verschiedenartigkeit des Anderen. Auch wenn der Gegenstand oder die Art und Weise unterschiedlich seien. „Mit Vorurteilen wird manipuliert. Der große jugoslawische und kroatische Schriftsteller Miroslav Krleza sagte einmal, dass „ein freier Mensch vor allem derjenige ist, der frei von Vorurteilen ist“, gibt mir Kokan Mladenovic zu denken. Sind wir alle wirklich so frei?

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