In diesem LKW, der am 17. Dez. 2016 von der kroatischen Polizei gestoppt wurde, befanden sich 67 Flüchtlinge - darunter auch die beiden Jugendlichen aus Afghanistan. Foto: picture alliance | PIXSELL

Ein Tag im Dezember
Geschichte eines Überlebens

„Ich war hinten nahe der Türe. Zuvor waren wir zehn Tage lang von Serbien aus nach Kroatien unterwegs und dort schickte der Schlepper dann einen LKW für uns. Sie haben uns hineingesteckt und die Türe von außen verschlossen. Schon in diesem Moment gab es nicht genügend Luft für uns alle. Und die ersten sind ohnmächtig geworden.“

Jugendlicher der die Fahrt im Schlepper-LKW überlebt hat (14 Jahre)

Wir haben geklopft und geschrien. Aber der Fahrer hat nicht reagiert. Dann hat die Polizei das Auto gestoppt und als sie die Türe geöffnet haben da habe ich das Bewusstsein verloren. Ich bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht.

Jugendlicher der die Fahrt im Schlepper-LKW überlebt hat (14 Jahre)

„Mein Klient meint, er habe dem LKW Fahrer gesagt er solle das Fenster öffnen oder dafür sorgen, dass es Luftzufuhr nach hinten zu den Flüchtlingen gibt. Ob der Fahrer das gemacht hat wissen wir nicht.“

Marko Rafaj, Verteidiger eines der beiden bulgarischen Schlepper

Es ist der bisher größte Vorfall dieser Art in Kroatien. Am 17. Dezember 2016 stoppt die kroatische Polizei bei Sisak – etwa 80 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Zagreb – einen Kombi. Darin ersticken gerade 67 Menschen, die von Serbien nach Kroatien geschleust wurden. Die Polizei kommt gerade noch rechtzeitig. Denn von den 67 Menschen, die in dem viel zu kleinen LKW eingepfercht sind, haben die meisten bereits das Bewusstsein verloren.

Nachdem die Polizei den LKW angehalten hat, werden die Flüchtlinge aus Afghanistan und Pakistan in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht. Darunter auch zwei Jugendliche aus Afghanistan, 14 und 16 Jahre alt. Alle erholen sich schnell wieder, denn sie haben keine physischen Verletzungen. Sie sind aber stark unterkühlt und haben Vergiftungen durch Kohlenmonoxid, weil Sauerstoff fehlte.  Zwei Bulgaren sind dafür verantwortlich. Der eine sitzt am Steuer des Schlepper-LKW, der andere fährt in einem zweiten Wagen voraus und hält Ausschau nach der Polizei. Beide werden später gefasst und in Kroatien wegen Menschenschmuggels verurteilt, zu einem Jahr Gefängnis und 7.500 Euro Geldstrafe. Sie haben alles zugegeben und meinten in Bulgarien gäbe es keine Arbeit.

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„Wir hatten diesen LKW schon mehrere Tage lang im Visier und vermutet, dass er Menschen schmuggeln sollte. Er stand in der Nähe der Grenze. Schließlich fuhr der Wagen leer von einem Parkplatz aus los und kam dann an einem weiteren Kontrollpunkt von uns vorbei. Und da lag er dann sehr tief und hing hinten runter." - Zoran Niceno, Chef der kroatischen Grenzpolizei. Foto: BR | Andrea Beer
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Um mögliche Hintermänner dieser organisierten Kriminalität ging es bei dem Prozess nicht. Dass die Polizei den LKW stoppte war übrigens kein Zufall, meint Zoran Niceno, Chef der kroatischen Grenzpolizei in Zagreb. Wie wir genau arbeiten sagen wir natürlich nicht grinst er ein wenig amüsiert. Aber wir haben Kroatien in Zonen eingeteilt, die wir systematisch beobachten. „Wir haben den Kombi schon länger beobachtet“, erzählt Zoran Niceno in seinem Büro in Zagreb. “Der Wagen stand tagelang an der serbisch-kroatischen Grenze und lag plötzlich viel tiefer als vorher. Da wussten wir Bescheid“.

Die beiden Jungen sind die einzigen der LKW-Überlebenden, die in Kroatien noch auffindbar sind. Wo sie genau leben und wie sie heißen darf zu ihrem Schutz nicht veröffentlicht werden. Der Sozialarbeiter der sie betreut hält große Stücke auf sie.  „Sie sind fleißig, höflich, gut erzogen und machen sehr gute Fortschritte beim kroatisch lernen. Sie können wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft werden, wenn sie hier in Kroatien bleiben. Ich muss aber leider sagen, dass sie schon mehrmals versucht haben auszureißen. Denn sie wollen weiter nach Frankreich.“ Einer der beiden hat einen Bruder in Frankreich und die Jungen wollen zu ihm.

Ein paar Tage nach unserem Gespräch erfahren wir, dass die Jungen es tatsächlich inzwischen nach Frankreich geschafft haben. Die Geschichte ihres Überlebens, sie ist noch nicht zu Ende.

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