Vorstellung der Deklaration(v.l.n.r.): Baksa Bakovic, Dichter und Theaterkritiker aus Montenegro, Ivana Bodrozic, Schriftstellerin aus Kroatien, Borka Pavicevic, Dramaturgin und kulturelle Aktivistin aus Serbien, Enver Kazaz, Literaturhistoriker und Dichter aus Bosnien, Vladimir Arsenijevic, Novelist und Musiker aus Serbien. Foto: BR | Eldina Jasarevic

"Deklaration für eine gemeinsame Sprache"
Verbinden statt spalten

Stellen Sie sich  vor, man teilt Deutsch in Deutsch, Österreichisch und Schweizerisch auf und die Sprecher einer Sprachgruppe dürfen nur von Marillen und Karotten sprechen, während  Aprikosen und Möhren nur für die anderen Sprachgruppen reserviert sind. In offiziellen Dokumenten wird Parken mit Parkieren oder Palatschinken mit Pfannkuchen übersetzt. In den ethnisch gemischten Regionen schickt man die Schulkinder in verschiedene Klassen, weil sie den gleichen Sprachunterricht nicht besuchen, obwohl sie sich reibungslos verstehen. Stellen Sie sich noch dazu vor, dass man diese teure Sprachpolitik mit dem Recht jedes Volkes auf seine eigene Sprache rechtfertigt, wobei jeder zweite in jedem betroffenen Volk arbeitslos ist.

In Bosnien-Herzegowina braucht man keine Vorstellungkraft dafür. Hier ist das der Alltag seit mehr als 20 Jahren. Nach dem Zerfall des gemeinsamen Staates Jugoslawien zerfiel auch die gemeinsame slawische Sprache in Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch. Kein großes Problem für die  Gesellschaften mit einer ausdrücklich nationalen bzw. sprachlichen Mehrheit. In Bosnien und Herzegowina aber sind die Völker noch immer stark gemischt und die aktuelle sprachliche Praxis belastet nicht nur den  sowieso knappen Etat, sondern scheint auch das  jahrhundertelange Zusammenleben zu bedrohen.

Das Bildungssystem in den multinationalen Gebieten arbeitet seit Kriegsende nämlich an der Trennung und Exklusion. Über 3000 Kinder besuchen 34 bzw. 68  sogenannte  „zwei Schulen unter einem Dach“. Die Schüler verschiedener  Nationalitäten werden in einem Schulgebäude voneinander getrennt.  Jeder lernt nur seine Sprache und seine Geschichte. Für eine bessere Trennung sorgen zwei Eingänge für jede Ethnie oder die Kinder gehen im Schichtsystem zu unterschiedlichen  Zeiten in die Schule. Das nationale Bewusstsein wird von klein an gefördert. Ein gutes  Wählerpotential für die nationalistischen Eliten. Aber auch reichlich Stoff für die künftigen Konflikte.

Gegen all das protestierte vor kurzem in Sarajevo die kulturelle Elite aus der ganzen Region. Linguisten, Schriftsteller, Dichter, Theaterkritiker, Sprachexperten und Intellektuelle jeder Art aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien stellten „Die Deklaration über die gemeinsame Sprache“ vor.  Den linguistischen und kommunikativen Kriterien nach  handle es sich bei den vier oben aufgezählten Sprachen  nur um vier Varianten einer Sprache. Laut Deklaration könne jedes Volk seine Sprache nennen, wie es will.  Es soll aber kein Sprachterror herrschen, wo Ausdrücke aus den jeweils anderen Sprachvarianten dieser gemeinsamen Sprache als falsch oder ungeeignet bezeichnet oder in den Medien  verboten werden, wie es jetzt oft der Fall ist. Die Sprache soll der Kommunikation dienen  und nicht den weiteren Trennungen in der Gesellschaft.

Die Deklaration selbst wurde  in der Sprache verfasst, die keine rigide saubere Variante ist und unterschiedliche sprachliche Einflüsse aufweist. Sie wurde  in allen Medien in der Region ohne irgendwelche sprachlichen Eingriffe oder Übersetzungen veröffentlicht. Das alles hinderte aber viele regierende Politiker und regierungsnahe Sprachexperten nicht daran, die Deklaration als sinnlos, unwissenschaftlich und realitätsfern zu erklären.

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Auch "Rauchen tötet" auf Bosnisch, Kroatisch und Serbisch. Foto: BR | Eldina Jasarevic
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