10 Opel und 20 Fahrer der Drink&Drive-Firma 'Lucky Drive' stehen jederzeit zur Verfügung. Foto: Blago Nikolov

Drink & Drive Fahrdienst in Sofia
Lieferung frei Haus

„Drink & Drive, Guten Abend! Wo sollen wir Sie abholen? Wo möchten Sie hin? Nach was für einem Auto sollen sich die Kollegen umschauen?“

Am Telefon klingt der 23-jährige Blago Nikolow geübt und vertrauenswürdig. Immerhin empfängt er bis zu 100 Anrufe pro Nacht. Von Kunden, die sich nach einigen Drinks nicht mehr an das Steuer ihres Pkws wagen. Kein Problem: Dafür stehen 10 Autos und 20 Fahrer der Drink&Drive-Firma ‚Lucky Drive‘ rund um die Uhr zur Verfügung. ‚Lucky Drive‘ ist eines der ersten Unternehmen, die diese Dienstleistung in der bulgarischen Hauptstadt Sofia anbieten.

„Unser Geschäftsmodel beruht auf dem Selbsterhaltungstrieb und dem Verantwortungsgefühl der Menschen, die nach Alkoholkonsum kein Risiko eingehen wollen, selbst zu fahren“, sagt der 27-jährige Geschäftsführer Michail Sinapow lächelnd. „Sie feiern in aller Ruhe und verlassen sich dann auf uns, dass sie in ihrem eigenen Wagen sicher und schnell nach Hause gebracht werden … oder in die nächste Bar“.

Michail Sinapow (li.) hat vor 5 Jahren als Fahrer angefangen. Nun leitet er die Geschäfte von „Lucky Drive“. Blago Nikolow (re.) klingt am Telefon geübt und vertrauenswürdig. Pro Nacht nimmt er bis zu 100 Anrufe entgegen. Foto: BR | Ekaterina Popova
Michail Sinapow (li.) hat vor 5 Jahren als Fahrer angefangen. Nun leitet er die Geschäfte von „Lucky Drive“. Blago Nikolow (re.) klingt am Telefon geübt und vertrauenswürdig. Pro Nacht nimmt er bis zu 100 Anrufe entgegen. Foto: BR | Ekaterina Popova

Es ist ganz einfach: Die Drink & Drive Firma schickt ein eigenes Auto mit zwei Fahrern an die genannte Adresse. Einer davon fährt dann das Auto des Kunden bis zum gewünschten Punkt, der Firmenwagen folgt und holt danach den Fahrer wieder ab. Der Preis ist fast doppelt so hoch wie eine klassische Taxifahrt, etwa ein Euro pro Kilometer. Das scheint aber kein Hindernis zu sein: „Wir haben alle Arten von Kunden – von ganz einfachen Menschen mit Schrottkisten, die nicht mehr als 300 Euro wert sind bis zu VIPs mit dicken Jeeps für 300.000 Euro“, erzählt Michail. Er hat selber vor 5 Jahren als Fahrer angefangen und hat bisher fast alles gefahren, was die Autoindustrie zu bieten hat, darunter auch Porsches und Ferraris, die er sich selbst nie im Leben leisten könnte. Manche seiner Kollegen kennen sogar das Gefühl, am Steuer eines Maseratis oder Lamborghinis zu sitzen.

Gerade das hat die meisten Mitarbeiter von ‚Lucky Drive‘ motiviert, diesen Job anzufangen: 20 junge Autofreaks zwischen 20 und 25 Jahren, die nachts arbeiten und tagsüber studieren. „Man gewöhnt sich an diese Lebensweise, außerdem sind unsere Arbeitspläne sehr flexibel: Wenn ich eine wichtige Vorlesung oder Prüfung habe, bekomme ich hier frei. Manche von uns haben nur am Wochenende Dienst. Das ist der ideale Studentenjob“, sagt Blago, der seit 3 Jahren hier arbeitet und gleichzeitig Verwaltung und Management an der Wirtschaftsuni in Sofia studiert. ‚Lucky Drive‘ stellt aber nicht jeden ein. Mindestens zwei bis drei Jahre Fahrerfahrung und gute Autokenntnisse sind die Mindestanforderungen. Äußerst wichtig ist auch, dass die jungen Fahrer verlässlich sind, ihre Arbeit ernst nehmen, auf die Sicherheit achten und die Kundenwünsche beachten. Intelligenz, gutes Benehmen und ordentliches Aussehen sind ein Muss. Fremdsprachenkenntnisse sind von Vorteil, denn oft rufen auch Ausländer an.

Auf dem Schreibtisch vor Michail und Blago liegen 5 Diensthandys, dazu noch ihre eigenen. Zum Glück klingeln nicht alle gleichzeitig, aber es ist ja erst 23 Uhr. Die erste Rushhour ist zwischen Mitternacht und 1 Uhr morgens, wenn die Restaurants in der Stadt schließen. Die zweite beginnt gegen 3-4 Uhr, wenn die Partys in den Nachtklubs zu Ende gehen. An Feiertagen fängt der Großbetrieb schon am frühen Nachmittag an. Die meisten Kunden sind, wie zu vermuten war, Männer. Sie fordern mehr vom ‚Lucky Drive‘-Fahrer und haben auch mehr Angst um ihre Autos, wenn sie von einem Fremden gefahren werden. Frauen machen sich hingegen selten Sorgen um die Wagen, denn sie kümmern sich fast nie selber um ihre Wartung oder Reparaturen, sagen die Jungs von ‚Lucky Drive‘ verschmitzt.

Die meisten Kunden sind nur leicht angetrunken. Manche sind aber so voll, dass sie nicht mehr wissen, wo sie überhaupt ihr Auto geparkt haben und die ‚Lucky Drive‘-Fahrer suchen mit. Andere vergessen, wo genau sie sich haben hinfahren lassen und rufen am nächsten Morgen bei ‚Lucky Drive‘ an, um zu erfahren, wo ihr Wagen steht. „Einer hat sogar am nächsten Tag sein Auto als vermisst gemeldet, und wir mussten dann der Polizei erklären, dass es nicht gestohlen worden war“, erinnert sich Michail.

Es gibt auch Kunden, die während der Fahrt einschlafen. Mit den Stammkunden ist das kein Problem: Die Fahrer wissen, wo sie hingebracht werden sollen. Kompliziert wird es dann aber oft, sie vor ihrer Wohnung wach zu bekommen, damit sie die Rechnung bezahlen und nach Hause gehen. Michail gibt zu, dass er einmal einen Mann in seinem Auto schlafen gelassen hat, mit dem Autoschlüssel unter dem Kopf und leicht geöffnetem Fenster, damit er frische Luft bekommt. „Es war im Sommer“, fügt er als Rechtfertigung hinzu.

‚Lucky Drive‘ fährt aber nicht nur Betrunkene. Ab und zu kümmern sich die Fahrer auch um Menschen, die nach Augenuntersuchungen oder aus anderen Gründen unerwartet nicht selber fahren können. Für Stammkunden fahren sie die Autos auch in die Werkstatt oder zur Versicherung.

Als ‚Lucky Drive‘ seine Tätigkeit vor 9 Jahren gestartet hat, wurde Drink & Drive in Bulgarien als eine Luxusdienstleistung empfunden. Mit der Zeit wurde sie aber immer populärer. Immer mehr Leute machen davon Gebrauch, denn Drink & Drive erspart viele Probleme – Verkehrspolizei, Reparaturwerkstatt, Krankenhaus… Warum soll man sich das antun? Der Katzenjammer nach der durchzechten Nacht ist ja schlimm genug.

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